Holger Pip legt Eid als Kommandant ab

Herr Pip, warum hat es bis zur Eidesleistung eigentlich so lange gedauert?

Dies lag daran, dass der betreffende Königliche Erlass vom 26. März 2014 über das Funktionsprofil des Zonenkommandanten bereits Anfang 2015 vom Staatsrat in Teilen annulliert worden und daher eine definitive Anstellung nicht möglich war. Wie mein Vorgänger Claudy Marchal war ich daher immer nur für eine Dauer von sechs Monaten diensttuend bezeichnet. Nach Veröffentlichung der neuen Version des Erlasses konnte die Anwerbungsprozedur Mitte 2017 gestartet werden. Die letzte Prüfung konnte vor einigen Wochen absolviert werden, sodass nun zum 1. Juli durch den Zonenrat meine auslaufende diensttuende Amtszeit in eine definitive Anstellung umgewandelt werden kann.

Sie sind seit 1998 bei der Feuerwehr, seit Juli 2014 hauptberuflich, und der einzige Ostbelgier im Dienstrang eines Majors. Seit wann sind Sie davon ausgegangen, dass Sie als Feuerwehrmann Ihren Lebensunterhalt verdienen können?

Das hat sich so peu à peu ergeben. Seit 1999 war ich Gemeindeangestellter in St.Vith, und dort u. a. für die Noteinsatzplanung und seit 2001 auch für die Erstellung von Brandschutzgutachten zuständig. Mit der Übernahme der Leitung der Feuerwehr von St.Vith im Oktober 2003 kamen weitere Aufgaben hinzu, womit mein Stundenplan mit Feuerwehraufgaben gefüllt war, aber weiterhin unter dem Statut eines Gemeindeangestellten. Im Juli 2014 erfolgte dann der Wechsel in das Statut eines Berufsfeuerwehrmannes.

Was zeichnet einen guten Feuerwehrmann aus?

Das Verwaltungsstatut der Feuerwehrleute definiert drei Kompetenzen, über die ein Feuerwehrmann verfügen sollte, und die auch im Laufe seiner Karriere bewertet werden: Loyalität, Integrität und Pflichtbewusstsein. Dazu verlangt es einige handwerkliche Geschicklichkeit und körperliche Fitness, um vorab die Zulassungsprüfungen zu bestehen; sowie eine Portion Idealismus, um sich dann auch definitiv zu bewerben. Wenn dann noch einiges an Zeit vorhanden ist, um später den vorgeschriebenen Ausbildungen zu folgen und auch verfügbar zu sein für Einsätze, erfüllt er oder sie beste Voraussetzungen.

Sie haben bisher zeitgleich die St.Vither Wache geleitet. Das ist jetzt nicht mehr der Fall. Warum?

Das hat zum einen zeitliche und organisatorische Gründe. Für beides reicht die Zeit nicht, und es sind auch diverse Tätigkeiten: die Leitung einer Wache ist eher operationell, die Leitung einer Zone ist mehr ausgerichtet Richtung Management. Außerdem ist diese Trennung auch symbolisch sehr wichtig: Als Zonenkommandant bin ich nun zuständig für alle sieben Feuer- und Rettungswachen in der DG, ohne Extra-Behandlung meiner „alten Feuerwehr“ in St.Vith. Daher habe ich zum 1. April 2018 die Verantwortung der Feuerwache St.Vith in die Hände des Leutnant Edgar George übergeben, die Leitung des Rettungsdienstes in St.Vith übernahm André Servais.

Die Zone sucht seit geraumer Zeit aktiv Feuerwehrleute. Warum entpuppt sich dies als so schwierig?

Wir haben zum einen unseren Personalkader erhöht, da wir feststellen, dass die aktiven Mitglieder durch vermehrte Aus- und Weiterbildungen, aber auch durch steigende berufliche Zwänge weniger zur Verfügung stehen als früher. Auch stellen wir fest, dass immer weniger Mitglieder bis zur Pension in der Wehr bleiben. Aus diversen Gründen (Arbeit, Familie, persönliche Interessen,…) treten vermehrt Kollegen schon nach zehn bis 15 Jahren wieder aus dem Dienst aus. Die Anzahl aktiver Mitglieder ist im Durchschnitt nicht rückläufig. Allerdings ist es in der Tat immer schwieriger, neue motivierte Leute zu begeistern für eine Bewerbung bei der Zone, in meinen Augen vor allem wegen der gestiegenen Anforderungen an die Kandidaten, die seit der Reform erst den so genannten „föderalen Befähigungsnachweis“ erfolgreich absolvieren müssen, bevor sie sich überhaupt auf freie Stellen bei der Feuerwehr bewerben können. Danach folgt dann die Grundausbildung, die sich mit gut 300 Stunden auf mehrere Jahre erstrecken wird. Das schreckt doch mehr als einen potenziell Interessierten ab…

Wie viele Stellen sind nicht besetzt? Wo ist der Personalbedarf am größten?

Wir haben den Stellenplan Anfang 2018 erweitert, was die Stellen im Mannschaftsgrad betrifft. Aktuell sind noch ca. 20 Stellen vakant auf Zonenebene – sowohl im Kader der Feuerwehrleute als auch im Kader der „Nicht-Feuerwehr-Sanitäter“. Die Tagesverfügbarkeit stellt bei fast allen sieben Wachen ein Problem dar, weil viele Mitglieder ihren Arbeitsplatz nicht mehr verlassen dürfen bzw. können für Einsätze, oder weil sie zu weit weg von ihrer Kaserne arbeiten.

Wie sieht eigentlich die Entschädigung eines Feuerwehrmanns aus? Spielt das Geld für viele eine Rolle oder ist es eher die gesellschaftliche Aufgabe, die den Reiz ausübt?

Ein freiwilliger Feuerwehrmann wird auf Stundenbasis entschädigt, pro geleisteter Stunde (Einsatz oder Ausbildung) erhält ein Anwärter ca. 13 Euro. Nachts und an Wochenenden bzw. Feiertagen kommt noch ein Zuschlag hinzu. Die Entschädigung eines anfangenden Sanitäters liegt leicht darunter. Man wird damit nicht reich, auch wenn es sicherlich ein interessanter finanzieller Zuschlag sein kann. Alleine fürs Geld sollte man den Job aber nicht machen, es gehört auch jede Menge Idealismus dazu.

Die Zonen wurden zu Beginn des Jahres 2015 eingesetzt. Wie fällt Ihre Zwischenbilanz aus? Befinden Sie sich noch immer in einer Phase des Übergangs?

Effektiv sind wir noch in der Übergangs- bzw. Aufbauphase, weg von ehemals sieben unabhängigen Feuerwehren, hin zu einer einzigen Feuerwehr mit sieben Standorten. Jede Wehr hatte ihre eigenen Gewohnheiten und Traditionen, die man nicht von heute auf morgen vom Tisch fegen kann. Die vom Gesetzgeber durch die neue Gesetzgebung auferlegten Änderungen müssen peu à peu umgesetzt werden, die sieben Standorte müssen Schritt für Schritt auf Niveau gebracht werden. Dies erfordert Zeit und auch so manche Diskussion.

Haben Sie heute noch den Eindruck, dass die Reform damals übereilt geschah?

Wenn man sieht, wie viele Texte von 2014 und 2015 schon wieder abgeändert worden sind, und es immer noch werden, dann muss man wohl sagen, dass die Reform nicht ganz ausgereift ist…

Hand aufs Herz: Hat die Reform die Hilfeleistungen im Sinne der Bevölkerung verbessert?

Grundsatz der Reform war „jeder Bürger hat Anrecht auf die gleiche angemessene Hilfe im Notfall“, eine der Folgen der Reform war das Wegfallen der alten Zuständigkeitsbereiche der Feuerwehren, die auf den Gemeindegrenzen beruhen. Da passierte es früher, dass eine Feuerwehr zu einem 20 km entfernten Einsatz ausrückte, obschon es andere Wehren gab, die nur fünfKilometer entfernt lagen. Heute rückt die Wache aus, die der Einsatzstelle am nächsten liegt. Dieses Prinzip gilt im Rettungsdienst übrigens bereits seit mehreren Jahrzehnten. Mit Aufstockung der Ausbildung der Feuerwehrleute und der Festlegung von Mindestnormen passt sich das „Leistungsniveau“ landesweit an, was natürlich auch der Bevölkerung zu Gute kommt. Wenn es die Zonen schaffen, diese Normen zu erfüllen, indem ausreichend Mannschaft und Material zur Verfügung steht, dann hat die Reform den Schutz verbessert. Wenn allerdings die zusätzlichen Auflagen finanziell nicht tragbar wären, oder durch den erhöhten Aufwand Personal verloren geht, oder neue Leute nicht mehr gefunden werden, dann hat die Reform ihr Ziel verpasst. Die Zukunft wird zeigen, ob die Reform ihre gesteckten Ziele erreichen kann. Es wird ein schwieriger Weg, ich bin aber zuversichtlich.

In Eupen gab es im März dieses Jahres in der Wehr Unstimmigkeiten. Ist der innere Frieden wieder hergestellt?

Ja.

Diskussionen gab es darum, dass benachbarte Wehren auf dem Gebiet der Stadt Eupen Einsätze fahren, weil die Entfernung von ihrer Kaserne zum Einsatzort geringer ausfällt. Wie denken Sie darüber?

Dies ist eine der Folgen der Reform, wie bereits eben erwähnt. Wenn den Feuerwehrleuten die „Hilfe am Mitmenschen“ nahe liegt, dann darf das neue Prinzip der „schnellstmöglichen angemessenen Hilfe“ unabhängig von Gemeindegrenzen kein Problem darstellen. Verständlich ist der Unmut oder das Unverständnis aber dann, wenn die alarmierte Wehr nachweislich aber nicht die schnellere ist… Da hat es in der Vergangenheit einige Alarmierungsfehler (teilweise systembedingt) bei der zuständigen Leitstelle in Lüttich gegeben.

Wie ist es um die materielle Ausstattung bestellt? Sind alle Wachen auf einem Niveau?

Die Jahre der „Vorzonen“ (seit dem Jahr 2010), in denen es bereits Zuschüsse für zonale Projekte gab, sind größtenteils genutzt worden, um die persönliche Schutzausrüstung auf Niveau zu bringen, hier gab es sehr hohe Unterschiede in den einzelnen Wehren. Auch die Alarmierungssysteme wurden damals erneuert. Leider wurde seit der Zeit nicht mehr überall in Fahrzeuge investiert, sodass der aktuelle Fuhrpark (immerhin etwa 60 Fahrzeuge) in einigen Bereichen etwas überaltert ist (so zum Beispiel noch sieben Tankwagen aus den späten 1980er und frühen 1990er Jahren; die beiden einzigen Waldbrand-Löschfahrzeuge stammen aus den 1970er Jahren). Hier sind zwar schon erste Bestellungen getätigt worden, aber weiterer Handlungsbedarf besteht.

Fühlen Sie sich von der ostbelgischen Politik im Rahmen ihrer Möglichkeiten ausreichend unterstützt?

Es ist natürlich heute schwieriger, neun Bürgermeister des Zonenrates zu überzeugen, als früher nur seinen eigenen. Problematischer ist aber die teilweise fehlende oder unklare gesetzliche Grundlage: Gab es vorher klare Richtlinien zum Beispiel in Sachen Ausstattung der Wehren, gelten heute eher „resultat-bezogene“ Texte. Es muss heute ein Resultat erreicht werden (zum Beispiel sechs Leute in einem Löschfahrzeug), wieviel Löschfahrzeuge allerdings mindestens vorhanden sein müssen, und wieviel Leute notwendig sind, um ein Löschfahrzeug zu besetzen, ist jeder Zone für sich überlassen…

Sie reden nicht mehr von Kommandanten, sondern von Leitern, und nicht mehr eigenen Wehren, sondern von Posten bzw. Wachen unter dem Dach der Zone DG. Hilft das bei der Verschmelzung zur Zone DG?

Mit der Reform sind die ehemals sieben Feuerwehren in der DG zu einer einzigen Wehr zusammengelegt worden. Per Gesetz gibt es auch nur noch einen Kommandanten pro Zone, jede Wache ist einem „verantwortlichen Offizier“ unterstellt. Eine direkte Konsequenz daraus, die damals lokalen Kommandanten haben in der Zone ihre Eigenständigkeit verloren, und sind in vielen Befugnissen beschnitten worden. Da ist es durchaus hilfreich und sogar notwendig, dass auch aktuellen Bezeichnungen auch der effektiven Funktion entsprechen. Das alleine reicht aber nicht aus. Konkret zum Verschmelzen der Zone hilft das systematische Alarmieren von zwei Wachen bei größeren Einsätzen (ab Hausbrand wird zum Beispiel ein zweites Löschfahrzeug von der Nachbarwache alarmiert, auch wenn die erste Wache den Brand alleine löschen könnte), sowie das Durchführen von gemeinsamen Übungen und Schulungen. Aber auch so kleine Dinge wie das zuletzt durchgeführte entfernen der alten kommunalen Namen auf den Einsatzfahrzeugen, und das Ersetzen durch „Zone DG“. An dem „Wir-Gefühl“ müssen wir aber noch arbeiten…

Was sind Ihre drei größten Baustellen derzeit als Zonenchef?

Als erstes natürlich das Schaffen eines „Wir-Gefühls“ innerhalb der Zone DG, es ist noch allzu häufig die Rede von „Wir Posten und die Zone da oben“. Als nächste wichtige Baustelle, die wir aktuell in Angriff genommen haben, sehe ich unsere EDV: eine zentrale Datenverarbeitung besteht noch nicht, wir haben gerade eine Verwaltungssoftware gekauft, eine Alarmierungssoftware ist in der Ausschreibungsphase. Beide müssen nun implementiert werden. Die Verjüngung des Fuhrparkes ist auch ein wichtiges Kapitel. Und außerdem steht noch die Reform der dringenden medizinischen Hilfe an (ab 2019)… erste Hinweise deuten auf eine organisatorische Mehrbelastung bei sinkenden Einnahmemöglichkeiten durch die Zone hin. Aber auch hier regt sich schon Widerstand, was konkrete Planungen für 2019 sehr schwer macht…

Eine persönliche Frage zum Abschluss: Sie sind seit Jahren bei der Feuerwehr aktiv. Gibt es ein oder mehrere besonders einschneidendes Erlebnisse in Ihrer bisherigen Karriere? Wie verarbeiten Sie die im Einsatz erlebten Ereignisse?

Rückblickend fällt mir jetzt kein Einsatz speziell ein. Sicherlich hat es einige schwierige, schreckliche Einsätze gegeben. Für die Verarbeitung des Erlebten ist es in meinen Augen wichtig zu wissen, dass man alles mögliche getan hat, und dass die Arbeit im Team geklappt hat. Man kann leider nicht jedes Leben retten oder jeden Brand umgehend löschen.

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