Viel Licht und ein Schatten in der Karriere von Alfred Lecerf


Alfred Lecerf ist 70 Jahre alt. Und wenn man ihn nach seinem Gesundheitszustand fragt, dann klopft er auf Holz. Seine Gene stimmen. Bislang ist er von größeren Wehwehchen verschont geblieben und genau deshalb will er auch über das Ende der politischen Laufbahn hinaus engagiert bleiben.

30 Jahre gehörte der gebürtige Eupener, der die ersten drei Jahre seines Lebens in Kettenis verbrachte, dem Lontzener Rat an. 24 Jahre davon als Bürgermeister der von ihm angeführten Union-Liste. „Ich bin zufrieden mit dem Verlauf meiner Karriere in der Kommunalpolitik“, sagte er, als wir ihn zu einem bilanzierenden Gespräch trafen. Schon 1976 hatte er einen ersten Anlauf unternommen, in den Rat zu gelangen, war in Zeiten der Gemeindefusionen aber gescheitert. Der Sohn eines Zollbeamten war stark in der Pfadfinderbewegung aktiv und nutzte die Verwaltung der Sporthalle in Herbesthal als Sprungbrett zum Einstieg in die Kommunalpolitik.

1988 unternahm der gelernte Speditionskaufmann, der Zeit seines beruflichen Lebens für Ziegler arbeitete, einen neuen Versuch – verbunden mit dem Ziel, die zu diesem Zeitpunkt noch zerstrittenen christlichen Kräfte zu vereinen. Auf der einen Seite gab es damals den Block Walhorn-Astenet, auf der anderen den Block Lontzen-Herbesthal. „In diesem Fall gab es immer einen lachenden Dritten und wir selbst waren die Leidtragenden“, erinnert er sich. Sechs Jahre in der Opposition waren die Folge, drei Jahre saß er zwischenzeitlich im Rat der Deutschen Kulturgemeinschaft. „Das war nicht so mein Ding, da mir die Bürgernähe stets am Herzen lag“, blickt er auf die Zeit am Eupener Kaperberg zurück.

1994 zog man dann gemeinsam in den Wahlkampf und holte mit einer recht unerfahrenen Mannschaft die absolute Mehrheit: „Wir wurden alle ins kalte Wasser geschmissen, konnten aber unbelastet an die Sache herangehen und haben es dank eines starken Teamgeists geschafft.“ Lecerf trat die Nachfolge von Lucien Godfroid an. 2000, 2006 und 2012 verteidigte er mit seinen Mitstreitern die absolute Mehrheit. „Es kann also nicht alles so schlecht gewesen sein, was wir angepackt haben. Es kann ja nicht sein, dass die Menschen sich bei der Wahl gleich vier Mal vertan haben“, stellt das ausgeschiedene Gemeindeoberhaupt nüchtern fest. Ein Trumpf sei die Politik der Ländlichen Entwicklung gewesen, durch die man die Bürger immer mit ins Boot geholt habe, wodurch diese sich mit den Verwirklichungen identifiziert hätten. Dies hatte ihm sein Vorgänger schon mit auf den Weg gegeben. Auch die Offenheit gegenüber den Nachbargemeinden hätte seiner Gemeinde immer gut zu Gesicht gestanden.

Der East Belgium Park ist für ihn eine der wichtigsten Errungenschaften seiner Amtszeit.

Ganz oben in der Liste der Projekte, auf die er stolz ist, steht der East Belgium Park. Zwar habe man für die Schaffung des Lontzener Teils des Industriegebiets 800.000 Euro in die Hand genommen, doch würde dieses Geld spätestens ab 2021 in die Gemeindekasse zurückfließen. Lange Zeit sei Lontzen in diesem Dossier hingehalten worden, doch sei man dank der Unterstützung der SPI noch ans Ziel gelangt. Zwölf Prozent der zur Verfügung stehenden Fläche von 37 Hektar sei inzwischen veräußert, acht Projekte gehen derzeit in die Endphase. Dass alle Ortschaften über eine passende Saalinfrastruktur verfügen und die Qualität der Schulen und Kirchen stimme, sorge bei ihm für weitere Zufriedenheit.

Ihm sei es im Laufe der Jahre auch immer um die Pflege der persönlichen Kontakte gegangen und dabei gerade auch um gute Beziehungen zu Personen außerhalb der eigenen Partei. „Ich habe mich beispielsweise von der Regierung in Eupen immer gleich behandelt gefühlt, egal, wer dort an der Macht war“, gesteht Lecerf. Sein gutes Verhältnis zur Provinz dürfte auch dazu beigetragen haben, dass so mancher Radsport-Höhepunkt Halt in Lontzen machte oder die Gemeinde zumindest passierte. Er selbst setzt sich noch jeden Morgen aufs Rad und strampelt einige Kilometer.

Nicht geschafft habe er unterdessen, das Casino wiederzubeleben. Bis 1945 hatte Herbesthal die entsprechende Lizenz. Als vor einigen Jahren Brüssel eine neue Lizenz erhielt, habe man diese Chance im Zuge der Gleichberechtigung verpasst, doch habe er zu diesem Zeitpunkt auch keine politische Unterstützung für dieses Anliegen gespürt. Gerne verweist er auf die Arbeit im Polizeirat, die an das Bürgermeisteramt gekoppelt war. Heute seien in Lontzen ständig drei Beamte im Einsatz, so viele wie noch nie, die sich einzig und allein um die Belange der Lontzener Bevölkerung kümmern können. „Sie sind so etwas wie unsere früheren Feldhüter. Man spricht bei der Polizei gerne vom Lontzener Modell.“ Besondere Momente in seiner Amtszeit seien die Begegnungen mit dem Königshaus gewesen. Es gibt wohl nicht viele Gemeinden im Land, wo so oft wie in Lontzen die Brabançonne abgespielt wird: „Ich liebe dieses Land, dessen Verschiedenheit uns eher zusammen- als auseinanderbringt.“

Ein Schatten auf seine lange Amtszeit wirft die Publin-Affäge, die im Dezember 2016 Lontzen erreichte. Als einziger ostbelgischer Lokalpolitiker hatte Lecerf für einen minimalen Zeitaufwand eine maximale Entschädigung kassiert. 13.000 Euro habe er nach gerichtlicher Aufforderung zurücküberweisen, betont er. Ein weiteres Verfahren sei anhängig, auf dessen Ausgang er warte, um über das weitere Vorgehen der CDH-Mandatare zu entscheiden. An Rücktritt habe er im Laufe der Affäre aber nie gedacht: „Ich wurde gebeten, das Mandat zu übernehmen, und wusste zu diesem Zeitpunkt nicht um dieses horrende Anwesenheitsgeld. Viele haben mir anschließend gesagt, wenn ich es nicht bekommen hätte, dann hätte es halt ein anderer bekommen.“

Viele Aufgaben führen Alfred Lecerf künftig in die Provinzhauptstadt.

Lecerf, der seit sechs Jahren von seiner Frau getrennt lebt, war bereits frühzeitig nicht mehr in die Wahlkampfplanung für den 14. Oktober 2018 eingebunden, lässt aber durchblicken, dass er der Liste in einer anderen personellen Konstellation möglicherweise mehr Erfolgschancen eingeräumt hätte.

Der gleichzeitige Verlust von drei Mitgliedern des Gemeindekollegiums sowie zweier weiterer Mandatare habe bei dieser knappen Mehrheit schwer gewogen.

Seinem Nachfolger Patrick Thevissen (Energie) wünscht er alles Gute und hofft, dass er die Bürgernähe, die die bisherige Lontzener Gemeindepolitik ausgezeichnet habe, fortsetzen werde. „Gelassenheit, Zuversicht und Humor verwandeln große Sorgen in kleine, kleine in winzige, und die winzigen lösen sich schließlich in Luft auf“, zitiert Lecerf den Schriftsteller Jochen Mariss als Empfehlung für seinen Amtsnachfolger.

Nun bricht ein neues Kapitel an. Bange, dass ihm langweilig wird, ist ihm nicht. Bei der Wirtschaftsförderungsgesellschaft SPI, bei der Vereinigung Liège Europe Métropole, beim Sportdienst der Provinz oder auch bei der Entwicklungsagentur der Gemeinden Bleyberg, Lontzen und Welkenraedt möchte er weiter mitmischen. Nicht zu vergessen die Organisation der Betagtenausfahrt in der Gemeinde. Die neue Freizeit will er zum Teil aber auch in seinem Caravan in Nieuwpoort an der Küste verbringen und dort ganz einfach die Seele baumeln lassen.

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