Ostbelgien: der Schatz aus Versailles

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             Ostbelgien: der Schatz aus Versailles
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Als in der Folge der Pariser Friedenskonferenz, die vor genau 100 Jahren begann, das Gebiet um Eupen, Malmedy und St.Vith Belgien zugeschlagen wurde, ahnte kaum einer, welch tragische Ereignisse Europa und dem unscheinbaren Grenzgebiet zwischen Deutschland und Belgien noch bevorstanden. Dass das in Versailles aus der Taufe gehobene „Ostbelgien“ einmal eine Standortmarke werden würde, hat mit Sicherheit keiner der Verhandlungsführer jemals gedacht. Konnte man auch nicht: Selbst die Begriffe gab es im damaligen Wortschatz noch nicht.

Davon abgesehen lagen ganz andere „Brocken“ auf dem Verhandlungstisch. Nicht einmal über das angestrebte Ziel war man sich in Paris einig: Während die US-Delegation von dem Gedanken der Selbstbestimmung der Völker beseelt war, hatten Frankreich und Großbritannien vor allem die Bestrafung der für den „Großen Krieg“ verantwortlich gemachten Deutschen, Österreicher und Ungarn im Sinn.

So konnte kein Ergebnis erzielt werden, das zu einer Befriedung Europas geführt hätte: Kein Vierteljahrhundert später stand Europa erneut in Flammen. Und über das kleine Ostbelgien, das kaum richtig in Belgien angekommen war, kamen Tod und Zerstörung. So werden wir Ende dieses Jahres den 75. Jahrestag der Ardenneoffensive begehen. All dies ist für die Millenniumgeneration so weit weg, dass man es ihr konkret vor Augen führen muss, damit sie es überhaupt wahrnimmt.

Und das ist gut so. Es zeugt von der positiven Entwicklung, die Europa nach dem Zweiten Weltkrieg genommen hat. Diese Entwicklung hat es uns Ostbelgiern leicht gemacht, heimisch zu werden in Belgien, obwohl unsere Muttersprache weder Niederländisch noch Französisch ist. Dabei ist Sprache einer der wichtigsten Integrationsfaktoren.

Jetzt kann man argumentieren, dass der Grad der Autonomie und die Privilegien, die wir heute genießen, „nur“ das „Beiprodukt“ der notwendig gewordenen Umgestaltung unseres Landes sind, nachdem Flamen und Wallonen im früheren Zentralstaat nicht mehr miteinander konnten. Wenn man sich aber die Entwicklung gerade der letzten Jahre vor Augen führt, muss man feststellen, dass aus der ursprünglich sicher von dem einen oder anderen Politiker als „notwendiges Übel“ wahrgenommenen DG ein gleichwertiger Partner erwachsen ist, der heute mit den anderen belgischen Gliedstaaten auf Augenhöhe spricht und auf europäischer Ebene respektiert wird. Diesen Schatz gilt es zu entwickeln: ohne zu vergessen, wie er sich entwickelte.