Casino-Frage beherrschte Wahlkämpfe

Während im Casino-Kursaal zu Herbesthal die Arbeiten zur Neugestaltung der Räume in vollem Gange war, berichtete das Grenz-Echo am 24. Januar 1939, dass die Mehrzahl der großen Spielsäle des Landes ihren Betrieb plötzlich eingestellt hätten. Nur in Chaudfontaine werde noch weiter gespielt.

Grund für die Schließung sei das fortwährende Anwachsen der Spielbetriebe, wodurch die Kontrolle über das durch das Gesetz vom 24. Oktober 1902 verbotene Glücksspiel nicht mehr gewährleistet werden könne. Roulette und Baccara seien in den Strandbadeorten und an gewissen übrigen Plätzen nur geduldet.

Projekt zur Anpassung des Glücksspielgesetzes

Zwei Tage später zitierte das Grenz-Echo die Brüsseler Zeitung „Indépendance Belge“, die das Vorgehen der Staatsanwaltschaften kritisierte. Es sei richtig, dass gewisse Spielhöllen geschlossen würden, in denen die Spieler regelrecht ausgeraubt wurden. Dies sei in den bisher geduldeten und der Steuerbehörde bekannten Spielcasinos aber nicht der Fall. Die Brüsseler „Gazette“ berichtete am gleichen Tag, dass ein Projekt bestehe, in Zukunft drei Casinos in Flandern und drei in der Wallonie nicht nur zu dulden, sondern ausdrücklich zu erlauben. Dazu bemerkte das Grenz-Echo, dass vom deutschsprachigen Teil Belgiens nicht die Rede sei. Für diesen dürfe allerdings das zur Zeit im Umbau befindliche Casino von Herbesthal in Betracht kommen, falls die Absicht bestehen sollte, diesem Landesteil die selben Rechte einzuräumen wie den beiden anderen Sprachgebieten.

Bereits am 2. Februar 1939 wurde der Kammer ein Projekt zur Anpassung des Glücksspielgesetzes vorgelegt. Darin wurden neun mögliche Standorte für tolerierte Spielsäle genannt: Blankenberge, Chaudfontaine, Dinant, Knokke, Lontzen, Middelkerke, Namur, Ostende und Spa. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verhinderte dann aber die Verabschiedung dieser Gesetzesänderung.

In Herbesthal schritt indessen der Umbau des Casino-Kursaal zügig voran. Am 11. Februar 1939 schalteten die Betreiber eine Anzeige im Grenz-Echo, in der sie die Neugestaltung als eine „Höchst-leistung des heimischen Handwerks“ priesen, an der zahlreiche Betriebe aus der Region beteiligt waren.

Recht auf den Besitz eines Casinos

Am gleichen Tag fand um die Mittagsstunde die Neueröffnung der Spielbank statt. Dabei betonte Eigentümer und Direktor Heinrich Neid, dem auch das Casino von Middelkerke gehörte, dass das wiedergewonnene Gebiet ebenso das Recht habe, ein Casino zu besitzen, wie die beiden anderen Landesteile. Man habe alles getan, um das Casino Herbesthal prunkvoll auszugestalten. Die Kosten der Umänderung beliefen sich auf eine Million Franken.

Lontzens Bürgermeister Joseph Schmitz erklärte, dass die Gemeindeverwaltung dem Unternehmen ganz besonderes Interesse entgegenbringe. „Nicht, weil etwa unsere Gemeindeeingesessenen oder selbst die Menschen aus der ganzen Umgebung sich bei Ihnen bereichern oder ruinieren lassen sollen, sondern vor allem, weil wir uns einen gewissen Ausgleich erhoffen für den gewaltigen und nicht zu schätzenden Ausfall, den Herbesthal durch die Veränderung der Zeit erlitten hat.“ Der Bürgermeister wies auf die Herabsetzung des früher enormen Güterverkehrs am Bahnhof hin, an Stelle dessen nur der stark verminderte Personenverkehr geblieben sei. Die Wirtschaft bedürfe daher einer durchgreifenden Belebung.

Durch den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war der Traum vom großen Geld bereits nach 15 Monaten ausgeträumt. Am 10. Mai 1940 hieß es an der Neutralstraße auf andere Weise „Rien ne va plus“. Der Spielbetrieb wurde von den Besetzern eingestellt. Am 27. August 1946 öffnete ein Herr Raymaekers die Spielbank erneut. Ohne nähere Begründung verfügte der Lütticher Generalprokurator Tahon am 7. Juni 1947 die Schließung der Spielbank. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte das Casino 62 Arbeitskräfte und hatte in den vergangenen zehn Monaten der Staatskasse rund sieben Millionen Franken eingebracht.

Las Vegas der Ostkantone

Die Anfrage der Gemeinde an die Regierung zur Wiedereröffnung der Spielbank wurde vom Kabinettsrat am 18. Juli 1947 verworfen. Am Tag darauf trat der Gemeinderat zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen. Einziger Tagesordnungspunkt: das Casino. Die Regierung ignorierte jedoch die einstimmige Forderung der Gemeindevertreter, das Casino erneut zu tolerieren und alle dazu vorgebrachten Argumente.

Neun Jahre lang tat sich nun nichts im ehemaligen Hotel Bellevue. Im November 1956 wurde dann das Hotel-Restaurant Casino-Kursaal Herbesthal neueröffnet. Dabei wurde auch die Frage einer Wiedereröffnung der Spielbank lebhaft aufgeworfen.

Nochmals gingen über 20 Jahre ins Land, ehe wieder Bewegung in die Akte Spielbank Herbesthal kam. Ende 1977 wurden in verschiedenen Ortschaften des Kantons Eupen Spielcasinos eröffnet. Das Grenz-Echo stellte im Februar 1978 gar die Frage, ob sich das Dreieck zwischen Lichtenbusch, Merols und Weißem Haus zum „Las Vegas der Ostkantone“ entwickele. In Herbesthal witterte man Morgenluft. Dort wollte man sich aber nicht mit einem gewöhnlichen Spielcasino begnügen, sondern verlangte erneut nach einer Spielbank. Doch statt der gewünschten Spielbank wurde im traditionellen Spielsaal am 14. März 1979 ein sogenanntes „Rattencasino“ mit Roulette „Opta“ 24er eröffnet.

Wenn Brüssel, dann auch Herbesthal

Das neue Casino lockte nicht nur Spielfreudige nach Herbesthal, es fanden sich auch Leute ein, um die Bank ohne jeglichen Einsatz zu sprengen. Ein erster Raubüberfall ereignete sich am Abend des 26. Februar 1980. Zwei Täter drangen mit Schusswaffen in den Spielsaal ein, verlangten die Herausgabe der Kasse und nahmen eine Angestellte als Geisel. Mit 300.000 Franken ergriffen sie die Flucht in einem Auto, in dem ein Komplize draußen gewartet hatte.

Am 19. Mai 1981, um 3 Uhr in der Frühe, wurde das Casino erneut überfallen. Drei maskierte Täter erbeuteten diesmal rund 250.000 Franken. 1982 wurden alle illegalen Spielhöllen, die sich im „Las Vegas der Ostkantone“ angesiedelt hatten, von der Staatsanwaltschaft geschlossen. Anfang 1983 war die Spielbank dann wieder Thema im Lontzener Gemeinderat. Der Rat sprach sich für eine Wiedereröffnung, diesmal für toleriertes Glücksspiel aus. Eine Gruppe von Deutschen und Belgiern war an der Konzession interessiert und gründete die Casino Herbesthal AG, die die Renovierung des Gebäudes an der Neutralstraße in Angriff nahm. Die Staatsanwaltschaft lehnte jedoch im Mai eine Anfrage zur Wiedereröffnung kategorisch ab.

Klage vor dem Schiedshof in Betracht gezogen

Doch die Lontzener Gemeindeväter wollten nicht aufgeben. Unverzagt wurde im ehemaligen Hotel Bellevue weiter umgebaut und renoviert. Das Gebäude war 1987 für einen symbolischen Franken in den Besitz der Gemeinde gekommen, die ja die Konzession zum Betreiben einer Spielbank vergeben musste. Da sich die Sache hinzog und fünf Jahre später noch immer keine Konzession vorlag, musste die Gemeinde das Anwesen an die Casino AG zurückgeben.

Als 1996 die Rede davon war, in Brüssel eine neunte Spielbank zu tolerieren, witterte man in Herbesthal Morgenluft. Wenn Brüssel, dann auch Herbesthal. Allerdings nicht am alten Standort, sondern in der Nähe zur Autobahn. Doch tat sich immer noch nichts. Im Juni 1999 zog die Gemeinde Lontzen eine Klage vor dem Schiedshof in Betracht, um endlich Klarheit in dieser Angelegenheit zu schaffen.

Zwei Jahre später verzichtete die Gemeinde auf den Ankauf des für den Casino-Neubau vorgesehenen Geländes am Rabotrather Weg. Heute geht es nur noch um die Frage, zu welchem Zweck die Gemeinde Lontzen das ehemalige Casino-Gebäude eventuell nutzen könnte.

Sie möchten den kompletten Artikel lesen?
Solange die Coronakrise dauert 1 € pro Monat
Jetzt bestellen
Bereits abonniert?