Musik mit Abstand und hinter Plexiglas

St.Vith

„Wir freuen uns, dem Publikum endlich wieder große Konzerte anbieten zu können“, so OstbelgienFestival-Geschäftsführer Steven Gass. Zu Gast war das Belgian National Orchestra, das mit zwei Konzerten am Freitag in Brüssel und dem Konzert in St. Vith seine Konzertsaison 2020/21 eröffnete. Aufgrund von Pandemie-bedingten Einreiseschwierigkeiten aus Kanada und den USA mussten Solist und Dirigent ausgetauscht werden. Somit konnten am Pult der Brite Duncan Ward und an der Geige die Niederländerin Rosanne Philippens begrüßt werden.

„Divertimento“ als Alternative zu Bartóks „Konzert für Orchester“

Auch das Programm musste abgeändert werden, denn Stücke, die 90 Musiker auf der Bühne erfordern, sind aus Platzgründen zur Zeit im Triangel (aber auch im Palais des Beaux-Arts) nicht umsetzbar. Als Alternative zu Béla Bartóks „Konzert für Orchester“ brachte Hans Reul, künstlerischer Leiter des OstbelgienFestival, also Bartóks „Divertimento für Streichorchester“ als Idee ins Spiel. Das dreisätzige Werk, gespielt von rund 30 Streicherinnen und Streichern, bot viel Abwechslung: Kräftige Unisonos im ersten Satz wichen einer gedrückten Stimmung im zweiten, bevor es im dritten Satz richtig zur Sache ging.

Das „Violinkonzert in D-Dur op. 35“ von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky konnte wie geplant aufgeführt werden. Hierbei überzeugte die junge Solistin mit ihrer Leidenschaft, ausgefeilten Solokadenzen und butterweichem Klang. Als drittes Stück haben Orchester und Veranstalter sich auf die „Leonoren-Ouvertüre Nr. 3“ von Ludwig van Beethoven geeinigt. Hier war die Bühne mit knapp 50 Musikern unter Einhaltung der obligatorischen 1,5 Meter Abstand zwischen den Musikern voll ausgefüllt. „Die Musiker saßen ungewohnt weit auseinander, das bedeutet eine große solistische Verantwortung für jeden einzelnen von ihnen. Das haben sie sehr gut gemeistert“, ist Hans Reul zufrieden mit der künstlerischen Leistung auf der Bühne.

Über diese Abstandsregel hinaus gab es einige weitere Maßnahmen: Vier Meter Abstand zwischen Orchester und der ersten Publikumsreihe, Plexiglasscheiben vor allen Bläsern, ein Stuhl im Zuschauerraum frei zwischen jeder Kontaktblase, Maskenpflicht im gesamten Gebäude und während der gesamten Veranstaltung.

„Ein solches Konzert erfordert unter den aktuellen Umständen eine aufwändige logistische Vorplanung. Beispielsweise mussten Tickets, die im März schon gekauft wurden, auf den neuen Saalplan adaptiert werden. Es geht hier um viel mehr Zuschauer als bei unseren kleinen Konzerten, die in den letzten Wochen schon stattfanden. Auf der anderen Seite bietet das Triangel eine bereits vorhandene Infrastruktur, sodass manches auch einfacher zu planen ist als für ein Konzert, das auf einem Hof mit Wiese stattfindet“, berichtet Geschäftsführer Steven Gass.

Dass die aktuelle Situation auch eine finanzielle Herausforderung für die Veranstalter ist, liegt auf der Hand.

Auch ist es nicht selbstverständlich, dass das Nationalorchester für ein Konzert mit rund 200 Zuhörern aus Brüssel anreist. „Für das Festival ist es dennoch sehr wichtig, das durchzuziehen und solche Angebote bereithalten zu können“, resümiert Steven Gass.

Seitens des Publikums war die Vorfreude auf das Sinfoniekonzert groß. „Wir haben uns richtig gefreut, dass endlich wieder ein großes Konzert angeboten wird und haben sofort Tickets gebucht. Es war zwar seltsam, dass man aufgrund der Abstände so verteilt saß, nachdem der Saal bei unserem letzten Konzertbesuch im Frühjahr noch ganz voll war, aber wir haben uns wohlgefühlt“, so die Schwestern Inessa und Alena Thomas, die zum Stammpublikum des OstbelgienFestivals gehören.

Auch Birgit und Norbert Scheuren hatten keine Bedenken: „Wir haben nicht gezögert, Tickets zu kaufen. Wir fanden die Situation im Saal angenehm und würden unter diesen Umständen auch jederzeit wiederkommen. Das einzige, was störte, war das Tragen der Maske.“

Publikum lässt sich auf die neuen Begebenheiten problemlos ein.

Steven Gass stellt fest: „Das Publikum lässt sich gerne auf die neuen Begebenheiten, wie zum Beispiel die Anmeldung per Mail, ein.“

Als nächstes steht am 4. Oktober der „Violinzauber“ mit dem Konzertmeister des Nationalorchesters, Alexeï Moshkov, und der jungen ostbelgischen Geigerin Anne-Sophie Lemaire im Kloster Heidberg auf dem Programm.

Das nächste OstbelgienFestival-Sinfoniekonzert findet am 16. Oktober im Triangel statt, es spielt das Orchestre Philharmonique Royal de Liège.

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