Wenn der Berg ruft

Eupen

Christian Klinkenberg hat nach seinem Opernerstling „Das Kreuz der Verlobten“ mit „Der Gletscher“ eine weitere Stufe in seiner Komponistenkarriere erklommen. Vor allem musikalisch wirkt diese zweite Oper ausgereifter, bei aller Komplexität in sich geschlossener. Souverän führt er in der 80-minütigen Oper genresprengend Jazz, Rock, Klangcollagen und vor allem aktuelle Tendenzen zu einem großen Ganzen.

Bei der Textinspiration griff Klinkenberg zunächst auf Texte regionaler Autoren zurück. Ausgehend von diesem Material schuf die Librettistin und Regisseurin Nicole Erbe, die auch schon beim „Kreuz der Verlobten“ in gleicher Funktion mitwirkte, eine eigene Handlung.

Zwei Zwillingsbrüder, Max und Gabriel besteigen einen Gletscher. Die Natur lockt die beiden, voller Freude wagen sie das Abenteuer, sehen keine Gefahr. Ihre Jugend erscheint ihnen ewig.Vor allem Gabriel, der ungestüme und unbekümmertere der beiden Brüder, wagt zu viel. Ein falscher Schritt, ein Spalt, ein Sturz und Gabriel ist tot.

Ewiges Eis schließt den Körper Gabriels ein. Max, inzwischen ein anerkannter Gletscherforscher, erkennt in jedem Baum, in jedem Felsen seinen Bruder. Realität und Gedankenwelt verschwimmen. Nach 30 Jahren kehrt Max an den Unglücksort zurück. Er will den Körper des Bruders bergen. Ihm steht aber ein Berggeist gegenüber und im Wege. Aber Max lässt sich nicht beirren. Findet Max Gabriel? Ist es ein Traum? Die letzten Worte machen Hoffnung: „Ich verlasse dich nicht“. Die Zeit dreht weiter im Kreis.

Beim reinen Bühnenspiel setzt Nicole Erbe eher auf minimalistische Mittel: Drei kleine Erhebungen, um die der Berggeist (Performer Ilan Daneels) springt und tanzt und real Max begegnet. Dafür ist die digitale Umsetzung umso komplexer. Der Sänger Jean Bermes singt live den Max und als Vorabaufnahme den Gabriel, sein Ebenbild, das auf der Videoprojektion erscheint. Es kommt virtuell und direkt zu Dialogen der beiden Brüder. Eine Herausforderung, die Jean Bermes auf eindrucksvolle Weise meistert.

Verschiedene Systeme der Mikrotonalität bestimmen die Klangwelt dieser Oper.

Christian Klinkenberg nennt den Gletscher nicht ohne Grund eine Oper 2.0. Eine Oper im herkömmlichen Sinn ist „Der Gletscher“ gewiss nicht. Alle müssen hier Neuland betreten. Nicht nur der Sänger, auch das hervorragende regional und international besetzte Musikerensemble unter der Leitung von Bart Bouckaert.

Verschiedene Systeme der Mikrotonalität bestimmen die Klangwelt dieser Oper. Vor allem die Bohlen-Pierce-Skala, die das traditionelle 12-Ton-System sprengt und Instrumente wie die 41-Ton Gitarre oder die 19-TonTrompete. Dabei verzichtet Christian Klinkenberg ganz bewusst darauf einer einzigen Doktrin zu folgen, sondern lässt die unterschiedlichen Systeme zusammenfließen, dadurch erschließen sich immer wieder neue Klänge.

Diese experimentellen Momente werden oft von einem groovigen Rhythmus getragen. Bei der Zeitreise von 30 Jahren erklingen in einer Klangcollage kurz die Hits der Zeit von Bill Haley über Beatles und David Bowie bis Led Zeppelin durch. Außerdem wird den Musikern Raum gegeben für freie Jazzimprovisationen. Durch die grafische Notation ergibt sich ohnehin ein Zusammenspiel von freiem Spiel und strenger Vorgabe.

Die Musiker spielen nicht nach einer traditionellen Partitur, sondern jeder verfolgt auf seinem Laptop die graphische Notation des Werks. Diese Partitur wurde von Marc Kirschvink, nach den Skizzen des Komponisten, erstellt. Es sind kleine abstrakte Gemälde, die nicht nur musikalisch Sinn und damit Klang ergeben, sondern für sich als kleine Kunstwerke der naiven Malerei stehen von einer Ästhetik, die an Juan Miro erinnert. Sie sind immer wieder im Wechsel mit den Gesichtern der beiden Brüder und den Arbeiten des Videokünstlers Ludwig Kockartz als Projektion für das Publikum sichtbar.

Ende November geht die Produktion für drei Vorstellungen nach New York.

Christian Klinkenberg ist mit „Der Gletscher“ eine Art Gesamtkunstwerk gelungen. Als Koproduzenten des ambitionierten Projekts konnten arsVitha, Chudoscnik Sunergia und das OstbelgienFestival gewonnen werden.

Nach den Aufführungen vom Wochenende im Alten Schlachthof in Eupen und Bozar in Brüssel wird „Der Gletscher“ am Donnerstag, 31. Oktober und Freitag, 1. November, um 20 Uhr im Triangel in St.Vith aufgeführt. Ende November geht die Produktion für drei Vorstellungen nach New York. Weitere Aufführungen wären dem Werk und dem Komponisten zu wünschen. (la)