Wertvoll
In der Tat verlässt mit Dorothea Schwall eine gleichermaßen bekannte wie beliebte Persönlichkeit die politische Bühne. Was erst sechs Monate nach Einsetzung des Parlamentes überraschend anmuten mag, deutete sich jedoch schon bei den letzten Wahlen an, als die St.Vitherin einen der hinteren Listenplätze ihres Bündnisses belegte, aber dennoch in die Volksvertretung gewählt wurde: »Ich fühle mich einfach sehr müde. So müde, dass ich mich nicht mehr in der Lage sehe, mein Mandat so auszuüben, wie ich es mir selbst vorgenommen hatte.«
Auch wenn ihre Parteikollegen derartigen Aussagen nicht zustimmen wollen (»Nie war sie so wertvoll wie heute«, so Gerhard Palm), habe ihre Motivation in einem sich beschleunigenden Tempo nachgelassen, sodass ihr die Zeit reif erschien für einen endgültigen Schlussstrich.
Frauen mit Profil
Dass die 45-Jährige zum Abschied noch einiges loswerden wollte, entspricht nicht nur ihrem Naturell, es scheint auch legitim. So habe sie die Politik immer als Dienst an der Gesellschaft verstanden und nicht als Einsatz für die Partei oder die politische Karriere. Weiterhin hoffe sie, dass viele Frauen nun den Ehrgeiz verspürten, mit eigenem Profil und Überzeugungen politisch tätig zu werden.
Dass die Politikmüdigkeit am Ende stärker war als die persönliche Motivation, begründete Dorothea Schwall unter anderem damit, dass ihr die Tagespolitik kaum noch Raum ließ für »größere Zusammenhänge und Weltthemen«, die naturgemäß (noch) nicht in der Zuständigkeit der DG liegen. Aber auch der Umgang der Bürger mit der hiesigen Politik und ihren Akteuren hätten wohl das Ihrige dazu beigetragen: »Ich bin ernüchtert und verbittert darüber, wie wenig die Menschen hinter ihrer DG stehen. In keiner Gemeinschaft oder Region unseres Landes ist es so einfach, in direktem Kontakt mit den verantwortlichen Politikern zu treten.« Stattdessen beschränke sich die öffentliche Debatte nur darauf, wie viel ein Minister verdienen dürfe und wie viele Minister es überhaupt geben solle. Auch mache es sie sehr betroffen zu spüren, mit wie viel Verachtung den Politikern und Politikerinnen insgesamt begegnet werde. Dass die Gründe dafür vielleicht auch in der Politik selbst zu suchen sind, streitet die erfahrene Mandatarin gar nicht ab: »Die Politik geht nicht ehrlich und partnerschaftlich mit den Menschen um und baut viele große und kleine Abhängigkeiten auf.« Es gebe so etwas wie ein unheiliges Abkommen: Bürger, gib mir deine Stimme, dann bediene ich dich mit dem, was du haben willst.
Ehrliche Begleiter
»All diese Wahrnehmungen haben mir persönlich die Lust an der Politik vergällt«, erklärte die St. Vitherin, die klarstellte, dass ihr Rücktritt weder mit der Klein- (Fraktion oder Partei), noch mit der Großwetterlage (Koalition) der DG in Zusammenhang stehe. Der PDB wünschte Dorothea Schwall jedenfalls »viele ehrliche Begleiter und die Fähigkeit zur Offenheit bei Kritik und bei Entscheidungen nicht die nächsten Wahlen im Hinterkopf zu haben«.