An wen richtet sich dieses Buch?
Die größte Zielgruppe für ein solches Buch wohnt in erster Linie in Nordrhein-Westfalen und in unserem Dreiländereck. Speziell für den rheinischen Raum sind die Ardennen so etwas wie ein Naherholungsgebiet, das für viele einiges an Geheimtipps und positiven Überraschungen bieten dürfte, aber oft noch unterschätzt wird. Zudem habe ich mir in den letzten 20 Jahren eine Leserschaft erworben, die mit viel Interesse meine Tipps und Anregungen aufnimmt. Das spornt mich natürlich an, gerade mein Spezialgebiet, die Ardennen, stets aktuell zu halten.
Können auch Kenner der Ardennen Neues entdecken?
Das denke ich schon. Weil ich aufgrund meiner Übersetzertätigkeit für den wallonischen Tourismus jeden Tag nah am Geschehen bin, Aktualisierungen oder geplante oder bereits durchgeführte Neuerungen, Attraktionen und Veranstaltungen schon im Vorfeld kenne. Und weil ich fast 40 Jahre Erfahrung habe. Manche sagen mir nach, dahin, wo der Minderjahn hinfährt, fährt sonst keiner. Da ist etwas dran, aus dem einfachen Grunde, weil ich oft neue Routen einschlage und andere Aspekte suche, mich inspirieren lasse, weil ich die Region und die Lebensart dort liebe. Das ist mit Aufwand und viel Fahrtzeit verbunden, was sich meistens jedoch lohnt. Das nehme ich aber gerne in Kauf, und meine Frau auch.
Was ist „neu“ an dem aktualisierten Reiseführer?
Die Ausgabe von 2019 ist vergriffen und in den gut vier Jahren hat sich sehr viel in der Wallonie (in der die Ardennen liegen) getan, die auf einem sehr guten touristischen Weg sind. Ich habe in diesem Relaunch rund 30 neue Orte hineingenommen, dazu viele Aktualisierungen und neue Adressen entdeckt wie beispielsweise in Durbuy und Namur. Attraktionen wie das unglaublich interessante Euro Space Center bei Redu wurden komplett modernisiert und erweitert. Ganz neu aufgenommen sind zwei Ausflugsziele in den „Brabanter Ardennen“ südlich von Brüssel. Beschrieben wurden auch die Regionen des Tales der Salm und ein Teil Ostbelgiens, zum Beispiel zum Thema Rechter Blaustein und das sehr romantische Ourtal, das in der alten Ausgabe nicht vorkam. Darüber hinaus habe ich mir noch einmal individuell das Ourthetal vorgenommen, eine wildschöne Region, von der Mündung in die Maas in Lüttich bis zur Quelle in den Tiefen der Ardennen bei Houffalize. Da gibts Orte zu entdecken wie den Falkenfelsen oder den Ourtheort Tilff mit seinem Bienenmuseum und dem Wasserschloss. Überhaupt ist die ganze Provinz Lüttich ein einziger Schatz an Natur-und Kulturerbe, was mich selbst immer wieder aufs Neue überrascht. Und das liegt alles so nah.
Nach welchen Kriterien haben Sie die Neuordnung vorgenommen?
Neu besuchte Attraktionen, aktualisierte Informationen, neue Adressen und vor allem auch neue Motive/Bilder. Ich habe einige Orte aus dem alten Buch in der Stadt Lüttich selbst weggelassen, weil es seit 2020 einen individuellen, umfangreichen Reiseführer im Grenz-Echo Verlag über Lüttich gibt (100 Orte in Lüttich). Dafür habe ich zum Beispiel im nahe gelegenen Herver Land und der gesamten Provinz Lüttich neue Orte besucht, die ich bis jetzt noch nicht ausführlich beschrieben habe, und die auch keine hochgradigen touristischen Attraktionen sind, sondern die einfach die Besonderheiten der Ardennen, der Menschen dort, der Lebensart und der Kultur widerspiegeln. Dazu gehören auch, neue kulinarische Adressen und eine Menge Tipps. Ich möchte meine Leser dazu auffordern, die Ardennen zu entdecken, genauso wie ich es auch immer wieder aufs Neue tue. Das gilt auch für die Region der Maas. Da ich sehr viel vor Ort unterwegs bin, habe ich auch einfach einmal neue Wege zu diesem und jenem Ziel eingeschlagen, auf denen sich Abstecher lohnen oder von dessen Seite aus man andere Blickwinkel auf die landschaftliche Schönheit beispielsweise erhält. Das heißt nicht von Hauptattraktion zu Hauptattraktion, sondern auch mal quer über die Dörfer.
Hand aufs Herz: Haben Sie alle 100 präsentierten Orte selbst besucht?
Ja, in der Tat habe ich alle Orte mindestens einmal besucht, bis auf zwei Ausnahmen, die ich mir für diesen Sommer aufgehoben habe. Gott sei Dank konnte ich trotz Pandemie umfangreichere Recherchen zur Aktualisierung unternehmen. Deshalb sind auch die meisten Bilder von mir. Meine Leser nehmen es mir ab und wissen, dass ich auf diese Art und Weise dort gewesen bin, an diesem oder jenem Ort gesessen habe und es so erlebt habe, wie ich es beschreibe, mit Emotion und Leidenschaft, das ist ein Merkmal meiner Art, Reiseberichte zu schreiben.
Was ist das Besondere an den Ardennen?
Authentizität, spannende Geschichten, Legenden, Panoramen, Naturphänomene, Entschleunigung, Ruhe, Nachhaltigkeit, hervorragendes Essen und Trinken, Gastlichkeit und die sogenannte Chaleur de vivre, die warmherzige Lebensart, die auch die frankophone Lebensart ist. Sie sind ideal, um einmal oder besser mehrmals aus dem Alltag abzutauchen, in die Regionen der riesigen Wälder zu verschwinden, den Kopf freizubekommen. Hier geht es oft etwas gemächlicher zu, man möchte am liebsten die Zeit anhalten. Dennoch sind die Attraktionen der Ardennen auch modern geprägt, mit Outdoor-Action erster Güte, adrenalingeladenen Abenteuerparks, Mountainbike-Herausforderungen, Nachhaltigkeitskonzepten und Wandermöglichkeiten par excellence.
Unterscheiden sich die Luxemburger und französischen Ardennen von denen in Belgien oder haben Sie große Gemeinsamkeiten entdeckt?
Sie haben große Gemeinsamkeiten wie beispielsweise die Wege durch kilometerlange Wälder, die üppige Natur, die Felsformationen, um die sich Legenden ranken, die tief eingeschnittenen Flusstäler, die lauschigen Dörfer am Flussufer, die guten Cafés und Restaurants. Und, nicht zu vergessen, es sind von großen Dichtern geliebte Landschaften: Victor Hugo, Paul Verlaine und Arthur Rimbaud. Dazu kommen die Schlösser, die Abteien und Zitadellen, einer reichen und bewegenden Geschichte. Und es gibt wenig Städte und schon gar keine Größeren. Ein paar markante Unterschiede machen das Reisen noch lohnender, wie beispielsweise in den französischen Ardennen die Stadt Sedan, eine der wohl in den beiden Weltkriegen am schlimmsten betroffenen Städte, mit ihrer gewaltigen Festung, dem Wochenmarkt in historischen Markthallen, die typischen Gebäude aus gelbem Sandstein, verwinkelte Gassen - das alte Frankreich. Die zweite Stadt ist Charleville-Mézières. Für mich eine der interessantesten in der ganzen westlichen Region wegen mindestens zwei Dingen: dem unglaublich schönen und harmonischen Herzogsplatz (Place Ducale), welcher dem berühmten Place des Vosges im Pariser Marais Viertel kaum nachsteht. Und zum anderen ist diese Stadt die Welthauptstadt der Marionettenkunst. In den Luxemburger Ardennen gibt es auch eine absolute Besonderheit, die es in den belgischen Ardennen so nicht gibt: die sogenannte Kleine Luxemburger Schweiz mit dem Märchenwald des Müllerthals.
Welches ist Ihr Lieblingsziel in den Ardennen?
Das Tal der Maas zwischen Namur und Dinant, das für mich eine der schönsten Flussregionen hier in Westeuropa ist, aufgrund seiner Ursprünglichkeit, seiner ungeheuren Vielfalt an Freizeitmöglichkeiten wie Fahrradfahren, Wandern, Kajakfahren, aber auch Klettern in einer grandiosen Natur, teils mit spektakulären Panoramen, etwa aus mehreren 100 Metern Höhe auf ein Schloss und Felsformationen auf denen Zitadellen und Burgen thronen. Und wegen der vielen kleinen Nebentäler, in denen sich Schlösser, Abteien und regionale Hersteller exzellenter Produkte verbergen. Ganz zu schweigen von den hervorragenden Einkehrmöglichkeiten und der klassischen Küche. Wie schön dieses Tal ist, drückt meines Erachtens das Cover des neuen Ardennenbuches bestens aus.
Sie sind so oftmals in Belgien unterwegs: Wie gut ist Ihr Französisch?
Von Kind an durch Ferienaufenthalte und Verwandtschaftsverhältnisse in Südfrankreich, durch Gymnasium und Studium sowie beruflicher Tätigkeit in und mit belgischen/französischen Unternehmen ist mein Französisch fließend. Ich bin bereits seit 25 Jahren als Übersetzer vom Französischen ins Deutsche mit dem Schwerpunkt Tourismus, Food, Horeca tätig. Für meine Reisetätigkeit, für Interviews vor Ort, Pressekonferenzen, für Recherchen und Dokumentenaufbereitung ist diese Sprachkenntnis natürlich ein großer Vorteil für mich. Ich möchte betonen, dass ich mich auch in Flandern sehr gut auskenne, vor allem in Belgisch-Limburg. Dadurch verstehe ich auch Flämisch.
Tourismusanbieter behaupten, Corona habe das Reiseverhalten verändert: Der Trend gehe zu Naherholung. Stellen Sie diesen Trend ebenfalls fest?
Ja, das sehe ich auch so. Mittlerweile ist beispielsweise das Angebot in den Ardennen und auch anderswo in Belgien an Bed&Breakfast, an Ferienwohnungen, Gästezimmern, Bauernhöfen bis hin zu ganzen Villen für mehrere Personen mit Swimmingpool, die man mieten kann, enorm. Ich persönlich glaube, dass mehrwöchige Urlaubsreisen immer mehr zum Luxus werden. Außerdem dürften die klassischen Sommerreiseziele in den Hauptferien im Süden immer unerträglich heißer und teurer werden. Das ist der Klimawandel und der Zustand der Welt. Die Alternativen sind die Berge, der Norden oder die Naherholung. Wenn man sich die Beachclubs und Strandbars an der belgischen Küste beispielsweise in Bankenberge, De Panne oder Knokke mittlerweile ansieht, erkennt man auch darin einen Trend. Viele davon haben schon Riviera-Qualität, mal abgesehen vom blauen Meer. Neulich habe ich gelesen, dass die Franzosen in diesem Sommer immer mehr von der heißen und überteuerten Côte d’Azur zu Nordfrankreich (Pas de Calais, Picardie und Normandie) übergehen. Die Naherholung bietet natürlich auch eine Chance, nämlich die eigenen Regionen und die direkten Nachbarländer und ihre Kultur sowie die Menschen einmal besser kennenzulernen. Und sich nicht nur selbst, sondern auch der Umwelt und dem Portemonnaie etwas Gutes zu tun. Wie lebensbereichernd das ist, wissen die Menschen hier im Dreiländereck besonders gut. Und dazu möchte ich durch meine Tipps gerne beitragen.
Könnte das alles auch nur vorübergehend sein?
Es könnte vorübergehend sein, wenn die neuen Generationen, vor allem die jungen Menschen mit Familie, es sich leisten können, wenn wider Erwarten Energie, Mobilität und Lebenshaltungskosten langfristig bezahlbar bleiben. Und die Neugierde, die Welt zu entdecken, wieder zum Trend wird. Das setzt natürlich auch voraus, dass die Welt sicherer wird.
Was haben Sie noch in der Planung in Sachen Veröffentlichungen im GEV?
Für 2024 habe ich ein neues Buchprojekt beim Grenz-Echo Verlag in Arbeit, das etwas anders ist, als die bisherigen. Dabei geht es um die besonders vielfältige und exzellente Aufenthaltsqualität im Dreiländereck Belgien, Deutschland, Niederlande – und das anhand der schönsten Terrassen.
Rolf Minderjahn, 100 Orte in den Ardennen. Aktualisierte Neuauflage, ISBN 978-3-86712-181-1, erschienen im Grenz-Echo Verlag (GEV), www.gev.be

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