Van Aert gewinnt Zeitfahren - Pogacar kurz vor erneutem Tour-Sieg

<p>Wout Van Aert gewann die Etappe.</p>
Wout Van Aert gewann die Etappe. | Foto: Pete Goding/BELGA/dpa

Als Pogacar um 17.19 Uhr als letzter Starter in Libourne von der Rampe rollte, war dem Dominator der diesjährigen Grand Boucle das Gelbe Trikot schon nicht mehr zu nehmen. Ein komfortables Polster von 5:45 Minuten hatte er vor der vorletzten Etappe auf seinen ärgsten Verfolger Jonas Vingegaard, der im Kampf gegen die Uhr Dritter wurde. Einzig ein schwerer Sturz oder Defekt hätte Pogacar das Maillot jaune auf der Fahrt durch die Weinregion rund um Bordeaux noch kosten können, doch er agierte auf dem flachen Profil abgebrüht. Pogacar wird wohl mit dem größten Abstand seit Vincenzo Nibali (7:52) im Jahr 2014 in Paris über die Ziellinie fahren. Nach der „Tour d'Honneur“, bei dem das Gelbe Trikot traditionell nicht mehr attackiert wird, trägt sich Pogacar höchstwahrscheinlich in die Geschichtsbücher ein - nicht nur als jüngster Zweifach-Champion in der Historie des prestigeträchtigsten Radrennens der Welt, sondern auch als erneuter Gewinner des Bergtrikots und des Weißen Trikots des besten Jungprofis.

Das Podium in Paris werden der junge Däne Vingegaard (Jumbo-Visma/+5:20) und Richard Carapaz (Ineos/+7:03) aus Ecuador komplettieren. Den Sieg sicherte sich am Samstag der belgische Allrounder Wout Van Aert (Jumbo-Visma), der bereits schon die doppelte Kletterpartie am Mont Ventoux gewonnen hatte.

Vor Beginn der Etappe hatte der erfolgreichste aktive deutsche Radprofi Andre Greipel sein Karriereende nach der Saison verkündet. Aus klaren Gründen: „Weil ich 39 bin und jetzt 18 Jahre das Ganze gemacht habe und gegen 20-Jährige fahre. Ich habe verstanden, dass jetzt Schluss ist“, sagte der Sprint-Oldie. Der im Peloton nur „Gorilla“ genannte Greipel kam bei seinem vorletzten Auftritt auf der großen Bühne als 113. ins Ziel, sein Fokus richtet sich auf die Schlussetappe nach Paris.

Pogacar hatte seinen Siegeszug bei seinem ersten Zeitfahr-Erfolg auf dem fünften Teilstück nach Laval gestartet. Nur zwei Tage später war das Ausnahmetalent aus dem Oberkrainer 6.000-Einwohner-Nest Komenda auf der ersten Alpen-Etappe ins Gelbe Trikot geschlüpft, nachdem er seine chancenlosen Rivalen zum ersten Mal gedemütigt hatte.

Bereits 24 Stunden später hatten Experten wie der legendäre Eddy Merckx die Tour nach Pogacars bereits für entschieden erklärt. Denn dem ausgegeben Motto des Titelverteidigers, „Angriff ist einfach die beste Verteidigung“, war bereits zu diesem Zeitpunkt niemand im Feld gewachsen.

„Er fährt hier einfach ein anderes Rennen. Wir müssen schauen, dass wir unser eigenes fahren“, hatte der Gesamtdritte Carapaz bereits nach dem neunten Teilstück konstatiert. „Die Tour ist gelaufen“, sagte auch der fünfmalige Tour-Champion Merckx - er sollte Recht behalten. Nur Vingegaard schaffte es nach einer Attacke auf der elften Etappe am Mont Ventoux, für ein paar Minuten von Pogacar wegzufahren - es blieb der einzige kleine Nadelstich.

Der Youngster kontrollierte Vingegaard und den erfahrenen Carapaz bei den beiden letzten Pyrenäen-Ankünften nach Belieben. Und mit einer Ausstrahlung, die ihresgleichen sucht. Ehe seine Verfolger überhaupt ausholen konnten, setzte Pogacar die Attacken einfach selbst und manifestierte das Gelbe Trikot.

Bei seinem Tour-Debüt im vergangenen Jahr hatte sich Pogacar in einem denkwürdigen Bergzeitfahren zum ersten Mal ins Rampenlicht katapultiert und war zum jüngsten Champion der Frankreich-Rundfahrt seit 116 Jahren avanciert. Pogacar war mit 57 Sekunden Rückstand auf Landsmann Primoz Roglic in die vorletzte Etappe gestartet und hatte ihm völlig überraschend an der Planche des Belles Filles noch Gelb entrissen. Nun trägt er das Trikot wieder bis nach Paris. (sid)

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