Gefährliches Selbstverständnis

Die „politisch korrekte Empörung“ mancher Zeitgenossen bezüglich des Verhaltens von Frau Baudimont mag durchaus gut gemeint sein, aber sie impliziert ein mitunter folgenschweres, aus meiner Sicht falsches Selbstverständnis, setzt sie doch voraus, dass der Holocaust ein einmaliges, nie wiederkehrendes und mit nichts vergleichbares Grauen gewesen sei.

Und genau dieses Selbstverständnis ebnet potentiellen Entwicklungen hin zu einer möglichen Wiederholung dieses Grauens den Weg. Sobald ein Mahner auftritt, der aus seiner persönlichen Sicht derlei Entwicklungen wahrzunehmen glaubt, und diese durchaus mit der Vorgeschichte des Holocausts „vergleicht“, wird er sogleich dämonisiert und ausgegrenzt. Es wird ihm sozusagen verboten zu denken, dass etwas Vergleichbares sich anbahnen könnte.

Des Weiteren glaube ich nicht, dass sich Hinterbliebene der NS-Opfer zwingend beleidigt fühlen, wenn ein Zeitgenosse aufgrund seines persönliches Urteils durchaus Anzeichen dafür erkennen will, dass die Gesellschaft sich auf ein gefährliches Glatteis hinauswagt, vergleichbar mit dem Glatteis der Anfänge des Dritten Reiches.

Schließlich muss heute ja auch niemand, der von einer „Hexenjagd“ spricht, den Vorwurf fürchten, er beschmutze das Andenken an die tatsächlich bis ins 18. Jahrhundert hinein grauenhaft gefolterten und ermordeten Frauen und Männer beziehungsweise er verharmlose dieses Grauen.

Kommentare

  • Herr Schmitz, die GE-Leserschaft ist ja mittlerweile ihr alltägliches selbstgefälliges Geschwafel gewohnt, aber hier haben Sie wohl den Vogel abgeschossen. Den Holocaust relativieren? Geht's noch?

    Ja, der Holocaust war ein "mit nichts vergleichbares Grauen". Punkt. Dieses Grauen relativieren zu wollen, wie Sie es tun, ist schlichtweg eine menschenverachtende Herabwürdigung aller Opfer.

    "dass etwas Vergleichbares sich anbahnen könnte" - Glauben Sie etwa ernsthaft, dass zur Bekämpfung einer Pandemie jetzt Konzentrationslager und Gaskammern gebaut werden, dass Menschen willkürlich millionenfach auf grauenhafteste Weise abgeschlachtet werden, und dass in ganz Europa Krieg ausbricht?

    In ihrem Oberstübchen aber vor allem in ihrem Herzen muss definitiv kein Lichtlein mehr brennen, wenn Sie ersthaft meinen, dass die Pandemiebekämpfung zu einem 2. Holocaust führen könnte.

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