Tod von Polizist Nordine El Talbi in Jette: Verdächtiger fordert Freilassung und beteuert Unschuld

<p>Die Anwälte Sophia Robillard (l.) und Xavier Carrette vertreten Souleïmane E.A., einen der Verdächtigen im Fall des getöteten Polizeiinspektors Nordine El Talbi.</p>
Die Anwälte Sophia Robillard (l.) und Xavier Carrette vertreten Souleïmane E.A., einen der Verdächtigen im Fall des getöteten Polizeiinspektors Nordine El Talbi. | Foto: belga

Eine Woche nach dem gewaltsamen Tod des Polizeiinspektors Nordine El Talbi in der Brüsseler Gemeinde Jette dauern die Ermittlungen an. Am Montagnachmittag erschienen zwei in Belgien festgenommene Verdächtige vor der zuständigen Ratskammer, die über die Fortsetzung ihrer Untersuchungshaft entscheiden muss.

Besonders deutlich wurde die Verteidigung von Souleïmane E.A. Seine Anwälte forderten nicht nur die Freilassung ihres Mandanten, sondern beharrten auch darauf, dass dieser mit der Tötung des Polizisten nichts zu tun habe. „Wir haben seine Freilassung beantragt und darüber hinaus gefordert, dass seine Unschuld anerkannt wird“, erklärte Rechtsanwältin Sophia Robillard nach der Sitzung.

Ihr Mandant sei in diesem Fall selbst Opfer einer Entführung geworden und habe die tödlichen Schüsse auf den Polizisten lediglich beobachtet. „Er ist vom Tod des Polizisten schwer erschüttert, hatte damit aber überhaupt nichts zu tun“, betonte Robillard. Es sei höchste Zeit, dass die zuständigen Justizbehörden ihrer Verantwortung nachkämen und den Mann freiließen.

Verteidigung kritisiert Ermittlungsverfahren

Zugleich erhob die Anwältin Vorwürfe gegen die Ermittlungsbehörden. Nach ihren Angaben erhält die Verteidigung nicht sämtliche Informationen, die im Rahmen der Untersuchung gesammelt wurden. „Laut Staatsanwaltschaft arbeitet der Untersuchungsrichter Tag und Nacht an diesem Fall. Gleichzeitig müssen wir feststellen, dass er der Staatsanwaltschaft zahlreiche Informationen übermittelt, die wir als Verteidigung nicht erhalten“, kritisierte Robillard. Dies stehe ihrer Ansicht nach in klarem Widerspruch zu den Verteidigungsrechten.

Der zweite Verdächtige, Mohamed S., erschien ebenfalls am Montag vor der Ratskammer. Sein Anwalt wollte nach der Sitzung keine Stellungnahme abgeben.

Gestohlenes Fahrzeug führte Polizei nach Jette

Ausgangspunkt der Ereignisse war ein gewaltsamer Autodiebstahl am vergangenen Montagabend in Tubize. Gegen 23.10 Uhr erhielt die Polizeizone Ouest Brabant Wallon einen Anruf eines Mannes aus Anderlecht. Er berichtete, von drei oder vier Personen überfallen worden zu sein, die ihm sein Fahrzeug mit Gewalt abgenommen hätten.

Das Kennzeichen wurde umgehend zur Fahndung ausgeschrieben. Mithilfe automatischer Kennzeichenerkennungskameras (ANPR) und des Ortungssystems des Wagens konnten die Ermittler dessen Fahrt zunächst auf dem Brüsseler Ring und anschließend im Stadtgebiet von Brüssel verfolgen.

Mehrere Polizeistreifen nahmen die Suche auf. Schließlich wurde das gestohlene Fahrzeug in einer Straße in Jette entdeckt.

Zwei Teams der Anti-Aggressions-Brigade (AAB) positionierten sich verdeckt in der Umgebung. Polizeiinspektor Nordine El Talbi, der Zivilkleidung trug, wurde losgeschickt, um den Wagen auszukundschaften.

Als der Beamte nach einigen Minuten nicht zurückkehrte, machten sich seine Kollegen auf die Suche. Auf der Avenue Carton de Wiart fanden sie ihn mit einer Schussverletzung am Kopf. Wenig später erlag er seinen Verletzungen.

Verdächtiger will selbst entführt worden sein

Kurz nach der Tat nahm die Polizei mehrere Personen fest, darunter die beiden Männer, die am Montag vor der Ratskammer erschienen.

Souleïmane E.A. hatte bereits am vergangenen Freitag vor dem Korrektionalgericht seine Unschuld beteuert. Dort ging es um den möglichen Widerruf seiner Bewährungsauflagen.

Seiner Darstellung zufolge saß er in dem Fahrzeug, das in Tubize gewaltsam gestohlen wurde. Die Täter hätten ihn zusammengeschlagen und anschließend gegen seinen Willen nach Jette gebracht.

Dort habe er beobachtet, wie die Täter auf Polizeiinspektor Nordine El Talbi schossen und anschließend flüchteten. Ob sich diese Darstellung bestätigt, ist Gegenstand der laufenden Ermittlungen.

Auch die genaue Rolle von Mohamed S. bleibt bislang unklar. Er ist einer von drei Brüdern, die an der Avenue Carton de Wiart wohnen und noch in der Tatnacht festgenommen wurden.

Zwei der Brüder kamen nach ihrer Vernehmung wieder frei. Gegen Mohamed S. wurde hingegen Haftbefehl erlassen. Welche konkreten Vorwürfe gegen ihn erhoben werden, ist derzeit nicht bekannt.

Weitere Festnahmen in Paris und Spanien

Unterdessen reichen die Ermittlungen längst über die belgischen Grenzen hinaus. Wie der Brüsseler Prokurator des Königs Julien Moinil am Sonntag mitteilte, wurde in den vergangenen Tagen ein weiterer Verdächtiger in Paris festgenommen. Drei zusätzliche Verdächtige gingen den Behörden im spanischen Almería ins Netz.

Unter den vier Festgenommenen befindet sich auch ein Minderjähriger.

Nach bisherigen Erkenntnissen sollen sie unmittelbar nach den tödlichen Schüssen in Jette geflüchtet sein. Offenbar hatten sie vor, sich nach Marokko abzusetzen.

Die Ermittler gehen außerdem davon aus, dass die vier gemeinsam mit Souleïmane E.A. in dem gestohlenen Fahrzeug saßen, das von Tubize nach Jette gefahren wurde. (belga/calü)

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