Der Brüsseler Generalprokurator Frédéric Van Leeuw bestätigte am Mittwochmorgen gegenüber dem flämischen Rundfunk (VRT), dass die Verdächtigen im Laufe des Tages befragt werden sollen. Wie viele Personen genau festgenommen wurden und welche Rolle sie bei der Tat gespielt haben könnten, bleibt vorerst offen.
Bereits am Dienstag hatte die Staatsanwaltschaft mitgeteilt, dass in der Nähe des Tatorts drei Schusswaffen sowie im gestohlenen Fahrzeug eine größere Menge Drogen entdeckt worden waren. Ob die Tat mit dem Drogenmilieu in Verbindung steht, wollen die Ermittler weiterhin nicht bestätigen.
Die Zurückhaltung begründete der Brüsseler Prokurator des Königs, Julien Moinil, mit der Gefahr möglicher Absprachen zwischen Verdächtigen und der Vernichtung von Beweismitteln.
„Die Justiz kann nur kleine Brände löschen“
Für Generalprokurator Van Leeuw zeigt der tödliche Vorfall, wie dringend Belgien eine umfassendere Antwort auf die zunehmende Gewalt benötigt.
Im Gespräch mit der VRT sprach er von einem nationalen Problem, das nicht allein durch Polizei und Justiz gelöst werden könne. Zuständigkeiten seien in Belgien auf verschiedene politische Ebenen verteilt. So fielen etwa Präventionsmaßnahmen und die Betreuung ehemaliger Häftlinge in den Verantwortungsbereich der Gemeinschaften.
„Die Justiz kann nur kleine Brände löschen. Wir müssen aber natürlich auch dafür sorgen, dass gar nicht erst Brände entstehen“, erklärte Van Leeuw.
Dafür müssten alle Verantwortlichen an einem Strang ziehen. Bislang habe er jedoch noch keinen Aufruf zu einer gemeinsamen Versammlung gehört, bei der die verschiedenen politischen Ebenen und Zuständigkeitsbereiche zusammengebracht würden.
Zudem verwies der Generalprokurator auf die unzureichenden Mittel der Justiz. Unter anderem könnten angesichts der Vielzahl an Verfahren nicht genügend Prozesse vor dem Geschworenengericht durchgeführt werden.
Die Ermittlungen zum Tod des Polizisten laufen wegen Mordes unter erschwerenden Umständen, da das Opfer in Ausübung seiner öffentlichen Funktion getötet wurde. Darauf steht eine lebenslange Freiheitsstrafe.
Close fordert mehr Personal für die föderale Kriminalpolizei
Auch der Brüsseler Bürgermeister Philippe Close (PS) verlangt Konsequenzen. Der Vorsitzende der Polizeizone Brüssel-Hauptstadt/Ixelles sprach am Mittwoch im frankofonen Rundfunk (RTBF) von einer „nationalen Notwendigkeit“, zusätzliche Mittel für die föderale Kriminalpolizei in Brüssel bereitzustellen.
Close unterstützt insbesondere die Forderung von Julien Moinil nach zehn zusätzlichen föderalen Verwaltungsmitarbeitern, die die Polizeiarbeit unterstützen sollen. Das sei keine unüberwindbare Forderung, betonte er.
Angesichts der zunehmenden Verbreitung von Schusswaffen, der Schießereien in Brüssel und der Explosionen in Antwerpen seien sämtliche politischen Ebenen gefordert. Premierminister Bart De Wever müsse deshalb alle Beteiligten an einen Tisch bringen.
„Wir wussten, dass es zu Dramen kommen würde. Ein sehr erfahrener Polizist wurde erschossen. Man begreift nicht, wie sehr die Gewalt unsere Gesellschaft untergräbt“, sagte Close.
Der Bürgermeister fordert zugleich, stärker an den Ursachen der Gewalt anzusetzen. Dazu gehören aus seiner Sicht eine wirksamere Kontrolle von Containern im Antwerpener Hafen sowie zusätzliche Investitionen in Prävention und Gesundheitspolitik. „Drogen sind überall. Es ist ein Phänomen, über das man sich weigert zu sprechen“, kritisierte Close. Er vermisse insbesondere Kampagnen, die junge Menschen vor dem Konsum von Kokain, Ketamin oder Ecstasy warnen.
Polizeibeamte versammeln sich um Mitternacht
Während die politische Debatte weitergeht, ist die Trauer innerhalb der Polizei groß. In der Nacht zum Mittwoch versammelten sich um Mitternacht zahlreiche Beamte auf dem Place Poelaert vor dem Brüsseler Justizpalast. Neben Angehörigen der Polizeizone Brüssel-Hauptstadt/Ixelles nahmen Kollegen der fünf weiteren Brüsseler Polizeizonen sowie der föderalen Polizei an der Gedenkveranstaltung teil.
Gemeinsam erinnerten sie an ihren getöteten Kollegen Nordine El Talbi, der seit 2009 im Polizeidienst stand und 2019 zur Anti-Aggressions-Brigade (BAA) gewechselt war.
„In dieser schweren Zeit sind wir in Trauer, Besinnung und Kameradschaft vereint“, erklärte die Polizeizone in einer Mitteilung auf X. Hinter der Uniform stehe vor allem der Verlust eines geliebten Menschen, eines Freundes und eines vorbildlichen Kollegen, der sich mit ganzem Herzen seiner Arbeit gewidmet habe. „Wir werden dich niemals vergessen, Nordine“, heißt es in der Botschaft.
Kondolenzbuch im Brüsseler Rathaus
Auch auf kommunaler Ebene wird des getöteten Beamten gedacht. Der Gemeinderat von Forest (Vorst) legte am Dienstagabend eine Schweigeminute ein.
Bürgermeister Charles Spapens (PS) erinnerte dabei auch an den Feuerwehrmann Olivier Francotte, der im August ums Leben gekommen war. „Es ist völlig unnormal, bei der Ausübung seiner Arbeit zu sterben“, erklärte Spapens.
Im Brüsseler Rathaus liegt zudem von Mittwoch bis einschließlich Freitag, 16. Oktober, ein Kondolenzbuch für Nordine El Talbi aus. Bürger können sich jeweils zwischen 8.30 und 18 Uhr eintragen. Anschließend soll das Buch der Familie übergeben werden.
Nach Informationen von Bel RTL soll die Beisetzung am kommenden Mittwoch im engsten Kreis stattfinden.
Für Freitag um 11 Uhr ist darüber hinaus eine öffentliche Gedenkfeier vorgesehen, voraussichtlich im Brüsseler Jubelpark. Das hatte der Polizeichef der Zone Brüssel-Hauptstadt/Ixelles, Michel Goovaerts, bereits am Dienstag angekündigt. (belga/calü)

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