TikTok und neue Proteste in Belgien: Experte schließt gezielte Einflussnahme nicht aus

<p>Nach den Ausschreitungen in Brüssel kursieren auf TikTok Aufrufe zu neuen Demonstrationen am 17. Oktober.</p>
Nach den Ausschreitungen in Brüssel kursieren auf TikTok Aufrufe zu neuen Demonstrationen am 17. Oktober. | Fotos: belga / Collage: GrenzEcho

Die ersten Aufrufe verbreiteten sich unmittelbar nach den Krawallen vom Freitag in der Hauptstadt. In Frankreich ist für den 17. Oktober bereits eine landesweite Demonstration vorgesehen– in Belgien bislang nicht. Besonders viel Aufmerksamkeit erhalten Videos französischer TikTok-Konten, darunter automatisierte Accounts und Influencer, die direkt vor der Kamera zu Protesten aufrufen. Ein Beitrag des französischen Accounts V2 sammelte innerhalb weniger Stunden rund 443.000 Likes.

Viele Videos verwenden KI-generierte Bilder. Darauf sind unter anderem Gelbwesten, Feuerwehrleute, Studenten und Schüler zu sehen, die gemeinsam eine kleinere Gruppe umringen, welche den Staat darstellen soll.

Reinout Van Zandycke, Kommunikationsexperte und Geschäftsführer der Agentur Exposure mit Sitz in Gentbrugge, sieht darin zunächst kein neues Phänomen. Schon während des Arabischen Frühlings ab 2010 hätten soziale Netzwerke eine wichtige Rolle bei der Mobilisierung junger Menschen gespielt.„Nur die Kanäle verändern sich. Heute ist es TikTok, vor 15 Jahren war es Facebook“, erklärt Van Zandycke.

Allerdings könnten solche Plattformen auch von ausländischen Akteuren genutzt werden, um gesellschaftliche Spannungen zu verstärken. Deshalb dürfe man „hybride Kriegsführung nicht ausschließen“.

Als Beispiele nennt er frühere russische Einflusskampagnen gegen westliche Staaten sowie ein amerikanisches Projekt in Kuba. Laut einer Recherche der Nachrichtenagentur Associated Press versuchten US-Geheimdienstkreise 2014, über die Plattform ZunZuneo Proteste gegen das damalige kubanische Regime anzustoßen. Der Versuch blieb erfolglos. Belege dafür, dass die aktuellen Protestaufrufe in Belgien und Frankreich tatsächlich aus dem Ausland gesteuert werden, liegen allerdings nicht vor.

Van Zandycke weist zudem auf ein Phänomen hin, das als „Aura-Farming“ bezeichnet wird. Dabei inszenieren sich Jugendliche mit auffälligem oder provokantem Verhalten, um in sozialen Netzwerken Aufmerksamkeit und Anerkennung zu erhalten.

Bei den jüngsten Ausschreitungen konnte man beispielsweise Jugendliche beobachten, die als Spider-Man, Batman oder Teletubbies verkleidet waren und Polizisten provozierten. Auch ein noch nicht 16-jähriger Junge mit einem Katana, einem japanischen Schwert, wurde vor Ort gesehen.

„Für viele Menschen ist ihre digitale Persönlichkeit mindestens genauso wichtig wie ihre echte Identität“, erklärt Van Zandycke. Wer sich innerhalb einer Gruppe von der Polizei ungerecht behandelt fühle, könne mit einer provokanten Tanzeinlage vor den Einsatzkräften zahlreiche Likes und Anerkennung sammeln.

Besonders empfänglich seien Jugendliche, die bereits frustriert seien oder sich benachteiligt fühlten. Dennoch bedeute eine große Reichweite nicht automatisch eine hohe Beteiligung an Demonstrationen.„Ein TikTok-Video, das Hunderttausende Menschen erreicht, wird nicht Hunderttausende Jugendliche auf die Straße bringen“, betont der Experte. Die Beiträge griffen jedoch eine Unzufriedenheit auf, die bereits vorhanden sei.

In Belgien wird seit Längerem darüber diskutiert, wie junge Menschen besser vor problematischen Einflüssen sozialer Netzwerke geschützt werden können. Vooruit-Parteichef Conner Rousseau hatte bereits ein Social-Media-Verbot für unter 15-Jährige vorgeschlagen. Auch die flämische Regionalregierung und die Europäische Kommission beschäftigen sich mit möglichen Einschränkungen.

Van Zandycke sieht die Erfolgsaussichten solcher Maßnahmen allerdings skeptisch. Zwar könnten Schulen versuchen, Jugendlichen einen kritischeren Umgang mit sozialen Medien beizubringen. Doch angesichts der vielen Stunden, die manche täglich am Smartphone verbringen, sei das eine schwierige Aufgabe.„Ich bin wenig hoffnungsvoll“, sagt er. Ein Verbot werde seiner Einschätzung nach ebenfalls nur begrenzt helfen.

Wichtiger sei es, genauer zu untersuchen, welche Konten hinter den Protestaufrufen stecken. Dabei könne auch die belgische Staatssicherheit eine Rolle spielen.

Doch selbst wenn sich die Urheber identifizieren ließen, bliebe die entscheidende Frage offen: „Was kann man dann dagegen tun? Das ist ein sehr schwieriges Problem.“ (belga/calü)

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