„Das Hohe Venn wurde durch den Brand in einer noch nie da gewesenen Feuersbrunst mitten ins Herz getroffen“, schreibt Gerhard Reuter von AVES-Ostkantone in einer Pressemitteilung. Ein Stück ostbelgischer Heimat sei beider Katastrophe verloren gegangen. Die große Einsatzbereitschaft von Feuerwehrleuten, Forstleuten, freiwilligen Helfern und besonders auch Landwirten sowie die Anteilnahme weit über die Region hinaus zeigten, wie tief der Schock sitze.
Mehr als 3.000 Hektar sind den Flammen zum Opfer gefallen. Darunter befinden sich wertvolle Hochmoorflächen mit einer rund 11.000 Jahre alten Geschichte sowie Lebensräume seltener und teils vom Aussterben bedrohter Tier- und Pflanzenarten. Im günstigsten Fall seien diese Gebiete für Jahre oder Jahrzehnte geschädigt. Welche ökologischen Auswirkungen der Brand tatsächlich haben werde, lasse sich derzeit noch nicht abschließend beurteilen. Experten befürchteten laut AVES gravierende Folgen.
Für Besucher könnten die Schäden zunächst weniger dramatisch wirken. Die Landschaft werde wieder grün werden, schreibt Reuter. Vielerorts dürften sich jedoch Pfeifengras, Ohrweide, andere Pionierpflanzen und Gehölze ausbreiten. Es könnten sogenannte degradierte Heiden entstehen, die vom Brand profitierten, ökologisch jedoch nur eingeschränkten Wert hätten. Auch Wälder würden sich grundsätzlich regenerieren, benötigten dafür aber mehr Zeit.
Besonders Hochmoore und Feuchthabitate leiden unter den Folgen des Brandes.
Besonders gefährdet seien die Hochmoorbereiche, darunter vor allem aktive Moorflächen, sowie artenreiche Feuchthabitate. Gerade diese ökologischen Kleinode des Hohen Venns zeichneten sich durch besondere Lebensgemeinschaften aus. Seltene Pflanzen und Tierarten hätten diese Standorte als „Überlebenskünstler“ besiedelt und seien nun direkt und indirekt betroffen. Vor allem kleinere Tiere hätten dem Feuer kaum entkommen können. Reuter nennt Amphibien, Reptilien und Insekten. Für überlebende Tiere komme hinzu, dass geeignete Lebensräume nun teilweise fehlten. Ähnliches gelte für seltene Pflanzenarten.
Auch die Funktion der Hochmoore als Wasser- und Kohlenstoffspeicher mit klimaregulierender Wirkung könnte nach Ansicht des Verbandes nachhaltig beeinträchtigt sein. Wie groß diese Schäden tatsächlich sind, müssten wissenschaftliche Untersuchungen zeigen. AVES verweist darauf, dass das Hohe Venn als Naturschutzgebiet seit Jahrzehnten nach strengen Pflege- und Erhaltungsplänen betreut wird. Seit 1957 würden Forstleute und Wissenschaftler entsprechende Konzepte erarbeiten und umsetzen. Auch ehrenamtliche Vereinigungen engagierten sich seit langem. Besonders nennt Reuter die „Amis de la Fagne“, die seit 1935 aktiv sind. Gemeinsam mit Ökologen, Forstleuten und Wissenschaftlern hätten sie am Erhalt des Hohen Venns gearbeitet. Die Maßnahmen seien mehrfach von der Europäischen Union ausgezeichnet worden. Zwischen 2007 und 2012 wurden weite Bereiche des Hohen Venns im Rahmen eines LIFE-Projekts renaturiert. Die positiven Folgen hätten sich in den vergangenen Jahren zunehmend gezeigt. Seit 2017 versuchen Wissenschaftler zudem, den Bestand des Birkhuhns durch die Aussetzung schwedischer Tiere zu stabilisieren.
Für AVES besitzt das Hohe Venn nicht nur ökologisch, sondern auch lokalgeschichtlich, kulturell und touristisch eine herausragende Bedeutung. Entsprechend berühre die Brandkatastrophe die gesamte Region. Vor diesem Hintergrund sagt AVES-Ostkantone auch die für diesen Sonntag, 23. August, zwischen 10 und 15 Uhr angekündigte geologische Exkursion durch das Brackvenn ab. Dies ist auch damit begründet, dass das Hohe Venn mindestens bis einschließlich Sonntag für die Öffentlichkeit gesperrt bleibt. Zwar sei dieser Bereich nicht direkt vom Brand betroffen, „doch das gesamte Gebiet des Hohen Venns muss erstmals wieder zur Ruhe kommen“, begründet AVES die Entscheidung. Auch die Straßen N68, N672 und N676 bleiben weiterhin gesperrt.
In seiner Pressemitteilung warnt der Verband zugleich davor, die Diskussion nach dem Feuer allein auf die Suche nach einer Ursache, einem Schuldigen oder auf die Frage zu konzentrieren, was möglicherweise hätte anders gemacht werden können. Der Blick müsse vielmehr auf die grundsätzliche Herausforderung des Klimawandels und die damit verbundenen Gefahren gerichtet werden. Im Mittelpunkt stünden insbesondere die Temperaturentwicklung und der Umgang mit Wasser. Dabei gehe es sowohl um Wassermangel als auch um ein Übermaß an Wasser. Hinzu kämen häufiger auftretende extreme Wetterereignisse wie Starkregen, Hagel, Stürme, Orkane oder sogar Taifune.
Aus Sicht von AVES führt deshalb kein Weg daran vorbei, stärker in Naturgebiete zu investieren. Sie stellten einen wichtigen Schutz gegenüber den Folgen der Klimaentwicklung dar. Die Natur liefere seit Jahren Hinweise auf Veränderungen. Seit 2021 sei der wissenschaftliche Nachweis des menschengemachten Klimawandels erbracht, dennoch werde nach Ansicht des Verbandes weiterhin zu wenig unternommen.
Weltweit seien konsequentere Klimaschutzmaßnahmen notwendig. AVES geht allerdings davon aus, dass es inzwischen zunehmend um Schadensbegrenzung gehen müsse. Dabei dürfe die Region nicht allein auf internationale Lösungen hoffen, sondern müsse auch vor Ort handeln. Gerhard Reuter verweist auf Trockenheit und Hitze zwischen 2017 und 2019, die verheerenden Überschwemmungen von 2021 und die extreme Situation dieses Jahres. All das zeige, dass der Klimawandel Ostbelgien längst erreicht habe.
Die Region soll widerstandsfähiger gegenüber künftigen Veränderungen werden.
Die Konsequenz müsse eine stärkere Einbindung von Natur- und Landschaftsschutz in politische Entscheidungen sein. „Nur indem wir die Natur fest in unser Denken und Handeln einbeziehen, können wir weiterkommen“, heißt es in der Stellungnahme. Die Politik sei auf allen Ebenen aufgefordert, den Empfehlungen von Wissenschaftlern und Naturschützern zu folgen und Renaturierung, Wiederherstellung sowie den langfristigen Erhalt von Natur und Landschaft konsequent voranzutreiben. Darin sieht AVES eine wesentliche Grundlage dafür, die Region widerstandsfähiger gegenüber künftigen Veränderungen zu machen. Diese Lehre müsse nicht nur aus dem Brand im Hohen Venn, sondern auch aus vergleichbaren Katastrophen im Grenzraum, in Belgien, Europa und weltweit gezogen werden. (red/jj)

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