Daniel Franzen zum Vennbrand: „Die Situation ist noch lange nicht vorüber“

<p>Daniel Franzen</p>
Daniel Franzen | Archivfoto: David Hagemann

Mit wem stehen Sie in diesen Tagen am engsten in Kontakt, und wie muss man sich die Koordination im Hintergrund vorstellen?


Den meisten Kontakt habe ich mit der Polizeizone Eifel und mit René Dahmen. Da die provinziale Phase ausgerufen wurde, gibt es ein Krisenzentrum in Vottem bei Lüttich, in dem alle beteiligten Disziplinen zusammenkommen. Daneben gibt es den Dir-PC-Ops der Hilfeleistungszone vor Ort. Dieser koordiniert die Arbeit auf dem Terrain und steht mit den Ansprechpartnern der verschiedenen Disziplinen in Verbindung. In den Krisensitzungen laufen schließlich alle Informationen zusammen. Die Verantwortlichen im Krisenzentrum werden per Video mit der Einsatzleitung vor Ort verbunden. An diesen Besprechungen nehmen unter anderem der Bürgermeister der Gemeinde Weismes und ich als Bürgermeister der Gemeinde Bütgenbach teil. Auch die Polizeizone Eifel ist eingebunden. Hinzu kommen die verschiedenen Disziplinen – also beispielsweise Rettungsdienst, Polizei, Hilfeleistungszone, Kommunikationszelle oder auch die Verantwortlichen des Auffangzentrums in Malmedy. So entsteht ein möglichst vollständiges Bild.

Wie wird die Situation an diesem Sonntagabend aktuell bewertet?


Wir hatten gerade noch eine Besprechung. In einer solchen Provinzialphase darf ich allerdings nicht beliebig kommunizieren. Die offizielle Kommunikation erfolgt über das Krisenzentrum und die Dienste des Gouverneurs. Was ich sagen kann: Es sind weiterhin sehr viele Kräfte vor Ort. Sie versuchen einerseits, das Feuer unmittelbar zu bekämpfen, andererseits aber auch vorauszuarbeiten, beispielsweise durch Wasserschneisen. Die Entwicklung wird permanent beobachtet, und entsprechend wird gehandelt. Für die Gemeinde Bütgenbach sind zum jetzigen Zeitpunkt keine außergewöhnlichen zusätzlichen Maßnahmen vorgesehen. An dieser Stelle möchte ich mich aber auch bei allen Personen bedanken, die in dieser Krisensituation auf irgendeine Weise unterstützen.

<p>Die Löscharbeiten liefen am Sonntag weiter auf Hochtouren.</p>
Die Löscharbeiten liefen am Sonntag weiter auf Hochtouren. | Foto: David Hagemann

Am Samstag wurden Küchelscheid und Leykaul evakuiert. Wie lief diese Evakuierung ab?


Nachdem im Krisenzentrum die definitive Entscheidung für die vorsorgliche Evakuierung getroffen worden war, gab es zunächst einen Erlass des Gouverneurs, in dem genau festgelegt wurde, welches Gebiet zu räumen ist. Die Gemeinden Bütgenbach und Weismes haben die Informationen anschließend über ihre eigenen Kanäle verbreitet. Ich hatte zudem Kontakt zu Personen aus den Ortschaften und zu lokalen Gruppen, damit die Information möglichst schnell weitergegeben werden konnte. Parallel dazu haben wir gemeinsam mit der Polizeizone Eifel alles vorbereitet. Die Beamten wurden in Gruppen eingeteilt und bestimmten Straßenzügen zugeordnet. Jeder Haushalt wurde persönlich aufgesucht und über die Situation informiert. Wenn niemand zu Hause war, wurde eine Nachricht an der Haustür hinterlassen mit der Bitte, sich zu melden. Nachdem die erste Runde abgeschlossen war, wurden jene Häuser, in denen niemand angetroffen worden war, nochmals kontrolliert.

Sollte sich der Wind deutlich drehen: Könnten dann auch weitere Ortschaften der Gemeinde von einer Evakuierung betroffen sein?


Das Feuer ist momentan noch weit von den übrigen Ortschaften der Gemeinde entfernt. Natürlich ist der Wind unberechenbar. Das ist eine der großen Schwierigkeiten. Zum jetzigen Zeitpunkt gehen wir aber nicht davon aus, dass weitere Ortschaften evakuiert werden müssen.

Sie haben das Auffangzentrum in Malmedy angesprochen. Haben dort auch Menschen aus der Gemeinde Bütgenbach übernachtet?


Ich weiß nicht genau, wie viele Menschen aus der Gemeinde Bütgenbach letztlich dort die gesamte Nacht verbracht haben. Mehrere Personen haben sich zunächst nach Malmedy begeben. Einige sind später, nachdem sie sich organisiert hatten, noch bei Freunden oder Familienangehörigen untergekommen. Zum jetzigen Zeitpunkt befinden sich noch zwei Personen aus der Gemeinde Bütgenbach im Auffangzentrum. Insgesamt liegt die Zahl der dort anwesenden Personen aktuell unter 20.

Eine weitere Maßnahme war am Sonntag die Sperrung des Bütgenbacher Sees. Warum war das notwendig?


Zunächst wurde Wasser aus der Wesertalsperre und der Gileppe entnommen. Am Sonntagmorgen wurden dann auch Vorbereitungen für Wasserentnahmen am See von Robertville getroffen. Am Mittag haben wir ebenfalls alle notwendigen Vorkehrungen für den Bütgenbacher See getroffen. Der See musste geräumt beziehungsweise dafür gesorgt werden, dass dort keine Aktivitäten mehr stattfinden. Seit dem Nachmittag kann dort nun Wasser für die Löscharbeiten entnommen werden.

Wie lange die Sperrung dauern wird, lässt sich derzeit vermutlich noch nicht sagen?


Nein. Aufgrund der Dringlichkeit ist der Erlass sofort in Kraft getreten. Er gilt bis auf Weiteres beziehungsweise bis ich ihn widerrufe.

Auch zahlreiche Landwirte helfen bei den Löscharbeiten. Wissen Sie, wie viele aus der Gemeinde Bütgenbach im Einsatz sind?


Eine genaue Zahl zu nennen, ist sehr schwierig. Es gab mehrere Aufrufe, und sehr viele Landwirte haben ihre Unterstützung angeboten. Dafür möchte ich mich ausdrücklich bei allen bedanken. Viele sind der Koordination und den entsprechenden Absprachen gefolgt. Einige sind allerdings auch auf eigene Initiative losgefahren, weil sie unbedingt helfen wollten. Davon ist abzuraten. Solche spontanen und nicht koordinierten Aktionen sind sicherlich gut gemeint, können die Arbeit vor Ort aber erschweren oder sogar behindern. Insgesamt sind es sehr viele Menschen gewesen, teilweise auch nur für einige Stunden oder im Wechsel. Deshalb lässt sich keine verlässliche Zahl nennen.

Wie stark beschäftigt Sie der Katastrophentourismus?


Das hat uns am Sonntag sehr stark beschäftigt. Sehr viele Schaulustige haben versucht, sich von verschiedenen Seiten möglichst nah an das Brandgebiet heranzubewegen. Dafür habe ich überhaupt kein Verständnis. Den Menschen muss bewusst sein, dass es in einer solchen Situation absolut unangebracht ist, das Geschehen vor Ort aus nächster Nähe beobachten zu wollen und dabei möglicherweise auch noch die Einsatzkräfte zu behindern. Es kam zu schwierigen Verkehrssituationen, weil Fahrzeuge am Straßenrand abgestellt wurden, um Fotos zu machen. Teilweise wurden sogar während der Fahrt Videos aufgenommen. Das ist in einer solchen Notsituation nicht nur unangemessen, sondern gefährdet auch die allgemeine Sicherheit. Es ist zudem auch gegenüber den Einsatzkräften respektlos. Am Sonntag mussten zusätzliche Polizeikräfte eingesetzt werden, die möglicherweise an anderer Stelle hätten unterstützen können. Stattdessen waren sie damit beschäftigt, Menschen die Situation zu erklären, den Verkehr zu regeln oder Umleitungen einzurichten.

Was raten Sie der Bevölkerung angesichts der weiterhin starken Rauchentwicklung?


Wir weisen seit Beginn des Brandes immer wieder darauf hin, die Fenster möglichst geschlossen zu halten und Lüftungs- beziehungsweise Ventilationsanlagen abzuschalten, damit kein Rauch in die Gebäude gelangt. Körperliche Aktivitäten im Freien sollten ebenfalls eingeschränkt werden. Grundsätzlich sollte jeder die Situation dort, wo er sich gerade befindet, aufmerksam beobachten. Man sieht ja selbst, wie schnell sich die Verhältnisse verändern können. Der Himmel ist zeitweise blau, kurz darauf gelb oder grau und später wieder blau. Deshalb sollte jeder aufmerksam bleiben, auf sich selbst achten und unnötige Aufenthalte im Freien vermeiden.

Was erwarten Sie für die kommenden Tage?


Die Situation ist noch lange nicht vorüber, und ihre weitere Entwicklung ist nur schwer abzuschätzen. Viel wird davon abhängen, wie sich die Temperaturen entwickeln. Natürlich hoffen wir auch auf Unterstützung von oben, also auf Regen, wobei sich die entsprechenden Prognosen immer wieder verschieben. Wir werden die Lage weiterhin regelmäßig in den Krisensitzungen bewerten. Weil die Entwicklung nur schwer planbar ist, müssen wir uns darauf einstellen, möglicherweise immer wieder auf neue Situationen reagieren zu müssen.

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