Wie zahlreiche Beiträge des internationalen Wettbewerbs zeichnet der Film das Bild einer zunehmend von Hass, Unsicherheit und Intoleranz geprägten Gesellschaft. Die Entscheidung der Jury für das düstere Sozialdrama überraschte dennoch, da andere Wettbewerbsbeiträge formal gewagter und in ihrer gesellschaftlichen Analyse eindringlicher ausfielen. Zu den Favoriten hatten der deutsche Film „Objet a“ und die deutsch-ukrainische Koproduktion „I Rarely Wake Up Dreaming“ („Ich wache selten träumend auf“) gehört. Beide gingen bei der Preisvergabe der Hauptjury leer aus. „I Rarely Wake Up Dreaming“ von Regisseurin Isabelle Stever und Drehbuchautorin Anna Melikova erhielt allerdings von einer unabhängigen Jugendjury die Auszeichnung „L'ambiente è qualità di vita“ („Die Umwelt ist Lebensqualität“) für besonderes Umweltbewusstsein.
Einen Erfolg gab es zudem für die brasilianisch-deutsche Koproduktion „A Margem do Rio“ („Das Flussufer“), die mit dem Spezialpreis der Jury und damit der zweitwichtigsten Auszeichnung des internationalen Wettbewerbs geehrt wurde. Das brasilianische Regieduo Matheus Farias und Enock Carvalho erzählt darin von einer schwulen Liebe, die von reaktionären Gewalttätern bedroht wird. Als bester Regisseur wurde der Südkoreaner Hong Sang-soo ausgezeichnet. In „Nun Dul Dega Eomne“ („Nirgends, da ich meinen Blick ruhen lassen kann“) beschäftigt er sich erneut mit Verständigungsproblemen innerhalb einer Familie. Hong Sang-soo gehört seit Jahren zu den Stammgästen und Preisträgern großer internationaler Filmfestivals. Die beiden geschlechtsneutral vergebenen Preise für die besten schauspielerischen Leistungen gingen an die Südkoreanerin Kim Min-hee für ihre Hauptrolle in „Nun Dul Dega Eomne“ und an Monica Bellucci für die Verkörperung einer Mutter im italienischen Jugenddrama „Ketticè“ („Chaos“). Lobende Erwähnungen erhielten Teodor Butănescu für seine Rolle im Siegerfilm sowie der Kanadier Xavier Bergeron für seine Darstellung eines Todkranken im Thriller „Violence du corps de l'autre“ („Gewalt gegen den Körper des anderen“).
Eine Premiere gab es in der Kinderfilmsektion „Locarno Kids“. Erstmals vergab dort eine Jugendjury einen Preis. 13 Kinder im Alter zwischen 11 und 15 Jahren wählten aus sieben Filmen ihren Favoriten. Ihre Wahl fiel auf „Paradeisa“, den ersten abendfüllenden Spielfilm der deutschen Drehbuchautorin und Regisseurin Marleen Valien. Die Tragikomödie handelt von einer Zwölfjährigen, die auf ungewöhnliche Weise versucht, Familienglück zu erzwingen. In der Nachwuchssektion „Cineasti del Presente“ zeichnete eine unabhängige Jugendjury „Tear Gas“ („Tränengas“) des georgischen Regisseurs Uta Beria als besten Film aus. Die georgisch-französisch-deutsche Koproduktion wurde inmitten realer Demonstrationen gegen die prorussische Regierung in Tiflis gedreht und erzählt von einer Jugendlichen, die um den Zusammenhalt ihrer Familie kämpft. Die Preisträger wurden am Samstagabend bei einer Gala vorgestellt. Im internationalen Wettbewerb waren 17 Filme vertreten. Insgesamt wurden während der elf Festivaltage 233 Kurz-, Experimental-, Dokumentar- und Spielfilme gezeigt. (dpa/sc)

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