Am späten Sonntagabend verschärfte sich die Lage auch auf deutscher Seite erneut. Um 22.16 Uhr ordnete die Stadt Monschau die sofortige Evakuierung der Bereiche Ruitzhof und Geisberg in Kalterherberg an. „Die aktuelle Entwicklung des Brandgeschehens im Hohen Venn erfordert eine sofortige Evakuierung folgender Straßenzüge in Kalterherberg: Ruitzhof und Geisberg“, teilte die Stadt mit. Damit wurden erstmals während dieses Brandes auch auf deutscher Seite konkrete Evakuierungen angeordnet.

Inzwischen sind fast 500 Einsatzkräfte und mehr als 120 Fahrzeuge an der Brandbekämpfung beteiligt. Neben belgischen Feuerwehrleuten aus rund 20 Hilfeleistungszonen stehen auch Rettungskräfte aus Luxemburg sowie zahlreiche weitere Partner im Einsatz. Hinzu kommen sechs „Panther“-Löschfahrzeuge und zwei Betankungsfahrzeuge der belgischen Armee, bis zu sieben Löschfahrzeuge und zwei Hubschrauber der Föderalpolizei, zwei niederländische Hubschrauber sowie zwei schwedische Löschflugzeuge.

Mit Einbruch der Dunkelheit müssen die Einsätze aus der Luft für die Nacht unterbrochen werden. Die Bodenkräfte setzen ihre Arbeit fort, der Einsatzplan wird entsprechend angepasst. Der Zivilschutz unterstützt unter anderem mit Tankwagen, einer Kommandozentrale und drei Wasserbecken. Mehrere Drohnen sollen das Brandgebiet in der Nacht überwachen.
Aufwendig gestaltet sich auch die Wasserversorgung der beiden schwedischen Löschflugzeuge. Da die Seen in der Nähe des Brandgebiets dafür nach Angaben der Provinz nicht genutzt werden können, nehmen die Maschinen Wasser aus dem Albert-Kanal bei Visé auf. Für die Löschflüge wird die Schifffahrt dort zeitweise unterbrochen.
Auch die Evakuierungen auf belgischer Seite bleiben bestehen. Eine Rückkehr der betroffenen Bewohner nach Sourbrodt, Leykaul und Küchelscheid ist nach Angaben der Behörden auf unbestimmte Zeit ausgeschlossen. Die Notunterkunft im Sportzentrum von Malmedy bleibt geöffnet. Dort werden Menschen aufgenommen, die keine andere Unterkunft haben. Der FÖD Volksgesundheit, das Belgische Rote Kreuz und psychosoziale Fachkräfte kümmern sich um die Betreuung.
Noch am Sonntagnachmittag hatte Innenminister Bernard Quintin mitgeteilt, die Feuerfronten in Richtung Jalhay und Monschau seien unter Kontrolle. Die jüngste Entwicklung zeigt jedoch, wie rasch sich die Lage durch die Windverhältnisse verändern kann. Die Behörden betonen deshalb weiterhin, dass der Großbrand insgesamt nicht unter Kontrolle ist.
Die starke Rauchentwicklung beeinträchtigt unterdessen die Luftqualität in einem weiten Gebiet. Die wallonische Gesundheitsbehörde Aviq empfiehlt Menschen in betroffenen Gebieten, möglichst im Haus zu bleiben, Türen und Fenster geschlossen zu halten und nicht zu lüften, bis sich die Luftqualität verbessert. Kontrollierte Wohnraumlüftungen sollten ausgeschaltet und Lüftungsgitter gegebenenfalls mit einem feuchten Tuch abgedeckt werden. Zudem sollen Aufenthalte und intensive körperliche Anstrengungen im Freien möglichst vermieden werden.

Besondere Vorsicht gilt laut Aviq für Menschen mit Atemwegs- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, ältere Menschen, Säuglinge und Kleinkinder sowie Schwangere. Eine FFP2-Maske könne insbesondere für Personen sinnvoll sein, die sich im oder unmittelbar am Brandgebiet aufhalten müssen. Dazu zählen neben Einsatzkräften auch Landwirte und weitere Helfer. Gesundheitsminister Yves Coppieters hatte zuvor die Mobilisierung des strategischen Vorrats von rund 100.000 FFP2-Masken angekündigt. Bis Montagabend sollen mehr als 9.000 Masken vor allem für die Einsatzkräfte bereitstehen.
Die Rauchwolke war am Sonntag weit über das eigentliche Brandgebiet hinaus wahrnehmbar. Selbst aus Dinant, rund 80 Kilometer vom Hohen Venn entfernt, wurde starker Brandgeruch gemeldet. Auch in der Provinz Namur gingen zahlreiche Anrufe bei der Notrufnummer 112 ein. Die Behörden appellierten erneut, die 112 nur bei einem neu entdeckten Brandherd, sichtbaren Flammen oder einer unmittelbaren Gefahr für Menschen oder Sachwerte zu wählen. Für allgemeine Informationen steht die Nummer 1771 zur Verfügung.
Trotz der dramatischen Lage gibt es bislang keine Hinweise darauf, dass größere Wildtiere dem Feuer zum Opfer gefallen sind. Nach Angaben der Dienste des Gouverneurs konnten Tiere offenbar rechtzeitig aus den betroffenen Gebieten fliehen. Mehrere Wildschweine und kleine Hirsche seien beobachtet worden, wie sie die Brandzonen selbstständig verlassen hätten.
Die schwierige Topografie bleibt eine der größten Herausforderungen für die Einsatzkräfte. Viele Bereiche des Hohen Venns sind für schwere Fahrzeuge kaum oder gar nicht zugänglich. Deshalb spielt die Brandbekämpfung aus der Luft eine wichtige Rolle. Gleichzeitig unterstützen zahlreiche Landwirte aus der Region mit Wasser- und Güllefässern die Löschwasserversorgung.
Die Folgen des Brandes sind auch im Alltag spürbar. Am Robertville-See gelten weiterhin Einschränkungen, um die Löschmaßnahmen nicht zu behindern. Touristische Aktivitäten sind lediglich im Bereich von Robertville-les-Bains erlaubt. Das Naturzentrum Haus Ternell sagte zudem sein für Montag geplantes Kinderlager ab. Ein Ferienlager von Kazou bei Ovifat mit 53 Kindern war bereits vorsorglich nach Wanne bei Trois-Ponts verlegt und anschließend vorzeitig beendet worden.

Über dem Brandgebiet wurde am Wochenende außerdem ein in Belgien äußerst seltenes Wetterphänomen beobachtet: ein sogenannter Pyrocumulus. Solche Wolken können entstehen, wenn durch die enorme Hitze eines großen Feuers warme Luft, Rauch und Partikel in große Höhen aufsteigen.
Premierminister Bart De Wever würdigte am Sonntag die Arbeit der Einsatzkräfte und dankte auch den europäischen Partnern für ihre Unterstützung. Flanderns Ministerpräsident Matthias Diependaele erklärte gegenüber DG-Ministerpräsident Oliver Paasch, Flandern stehe bei Bedarf für weitere Hilfe bereit. Auch König Philippe ließ sich über die Entwicklung informieren und dankte Rettungsdiensten, Armee, Landwirten und den aus dem Ausland angereisten Helfern.
Die Behörden rechnen weiterhin mit einem langwierigen Einsatz. Neben den offenen Flammen bereiten vor allem Glutnester in den Torfschichten Sorgen. Die Einsatzkräfte und die Forstverwaltung beobachten die Entwicklung fortlaufend und passen ihre Maßnahmen an Wind, Wetter und Brandverlauf an. Die Bevölkerung wird gebeten, Sicherheitszonen und Sperrungen strikt einzuhalten.
(belga/dpa/sc/nico/jj)

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