Mit seinem neuen Buch „Unorte – 50 Spuren der Weltkriege im Dreiländereck zwischen Aachen, Lüttich und Maastricht“, das erneut im Grenz-Echo Verlag (GEV) erschienen ist, setzt der Aachener Journalist Alexander Barth seine Spurensuche fort. Acht Jahre nach dem ersten Band führt er die Leserinnen und Leser wieder zu 50 Orten in Belgien, Deutschland und den Niederlanden, die zum Nachdenken über Geschichte und Erinnerung anregen.
Für ihn war die Fortsetzung beinahe selbstverständlich. Schon nach Erscheinen des ersten Bandes habe sich gezeigt, dass das Thema noch lange nicht ausgeschöpft sei. „Es gibt unzählige kleine und große Ereignisse aus der Zeit der beiden Weltkriege, die eine Spur in der Region hinterlassen haben“, sagt Alexander Barth im Gespräch mit dem GrenzEcho. „Ich möchte diese Erinnerungsorte ins Bewusstsein bringen, sie vorstellen und ihnen eine Rolle in der Erinnerungskultur heutiger Zeit zuweisen“, fügt er hinzu. Der zweite Band sei vor diesem Hintergrund die logische Konsequenz gewesen. Im Mittelpunkt stehen dabei ganz bewusst keine bekannten Sehenswürdigkeiten, sondern sogenannte „Unorte“. Gemeint sind damit Orte, die häufig unscheinbar wirken und deren historische Bedeutung sich oft erst auf den zweiten Blick erschließt. „Gerade die kleinen, oft nur sehr regional bekannten Orte finde ich interessant. So unscheinbar sie oft wirken, so erzählen sie dennoch einen Teil der Geschichte der gewaltsamen Konflikte des 20. Jahrhunderts mit“, erzählt Alexander Barth. Der Autor möchte zugleich den Blick auf die besondere Geschichte der Grenzregion lenken. Heute seien die Grenzen kaum noch sichtbar, doch das Dreiländereck sei einst ein bedeutendes Kriegsgebiet gewesen: „Ich möchte ein Bewusstsein schaffen für die Tatsache, dass wir in dieser Region mit fließenden oder zumindest kaum noch sichtbaren Grenzen in einem ehemaligen Kriegsgebiet leben.“
Erinnerung muss hinterfragt werden. Es geht um mehr als das Bewahren historischer Fakten.
Dabei geht sein Anliegen weit über die reine Geschichtsvermittlung hinaus. „Wenn Sie nach einer Botschaft fragen, dann wäre es womöglich die, aus dem Blick in die Vergangenheit und auf die gewaltsamen Konflikte des 20. Jahrhunderts den Wert der Demokratie und von Frieden und Freiheit zu schätzen.“ Gerade angesichts neuer Kriege und des Erstarkens rechtsextremer Kräfte dürfe dieser Wert nicht in Vergessenheit geraten. Sein Buch dürfe deshalb „gerne als Zeichen für Vielfalt, Weltoffenheit und einen zeitgemäßen Umgang mit der Erinnerung an die Weltkriege aus regionaler Sicht verstanden werden“, sagt Alexander Barth. Einen Schwerpunkt legt er auf die Frage, wie heute erinnert wird. Erinnerungskultur bedeute für ihn weit mehr als das Bewahren historischer Fakten. „Das reine Nacherzählen von Ereignissen oder Hinweise darauf stellen noch keine aktive Erinnerungskultur dar. Man muss vielmehr das Geschehen und damit auch die Erinnerung hinterfragen.“ Viele Gedenkorte würden heutigen Ansprüchen nicht mehr gerecht, weil sie historische Zusammenhänge nicht einordneten oder überholte Sichtweisen unkommentiert fortschrieben. Der Autor sieht dabei durchaus Fortschritte, aber ebenso Defizite. „Ein guter Umgang ist das klare Benennen von Verantwortung und das Stellen von Schuldfragen.“ Das gelinge inzwischen vielerorts, gleichzeitig dominierten jedoch noch immer traditionelle Formen des Gedenkens, die den größeren historischen Zusammenhang ausblendeten. Sein Buch wolle deshalb ausdrücklich eine Diskussion anstoßen: „Wie wollen wir heute erinnern, wie wollen wir mit den Orten und Ereignissen umgehen, die die Menschen und das Zusammenleben im Grenzland beeinflusst haben?“ Immer wieder sind es persönliche Geschichten, die den Orten ihre Bedeutung verleihen. „Oft sind es einzelne Personen, die einen Erinnerungsort prägen – sei es durch ihr Handeln, positiv wie negativ.“ Gerade diese Einzelschicksale machten Geschichte greifbar und zeigten, dass sich hinter jedem Erinnerungsort menschliche Erfahrungen verbergen. Für die Zukunft wünscht sich Barth eine stärkere Zusammenarbeit über die Grenzen hinweg. „Mir persönlich läge eine grenzüberschreitende Erinnerungspraxis am Herzen.“ Sein Ideal wäre ein gemeinsamer Bildungs- und Lernort für Belgien, Deutschland und die Niederlande – real oder digital –, an dem Menschen aller Generationen gemeinsam Geschichte entdecken und Demokratiebewusstsein stärken können.
ZUR PERSON
Alexander Barth, Jahrgang 1977, lebt und arbeitet als Journalist, Autor und Pressereferent in seiner Geburtsstadt Aachen. Darüber hinaus ist er ebenfalls als Bildungsreferent für historisch-politische Themen tätig. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich im Dreiländereck mit Zeitgeschichte, Kultur und Gesellschaft. Als Autor alternativer Reiseführer widmet er sich immer wieder ungewöhnlichen, abseitigen und oft übersehenen Orten zwischen Aachen, Lüttich und Maastricht.
Alexander Barth: „Unorte – 50 Spuren der Weltkriege im Dreiländereck zwischen Aachen, Lüttich und Maastricht, Grenz-Echo Verlag, Eupen, 2026; ISBN: 978-3-86712-212-2

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