VAR als „Lotterie“? So gut läuft der Videobeweis bei der WM

<p>Der größte Vorwurf während der WM lautet, dass keine klare Linie für das Eingreifen des VAR zu erkennen sei.</p>
Der größte Vorwurf während der WM lautet, dass keine klare Linie für das Eingreifen des VAR zu erkennen sei. | Foto: Photo News

Der senegalesische Frust richtete sich nach dem dramatischen Aus gegen die Roten Teufel gegen Schiedsrichter Hector Said Martinez und den VAR. In den letzten Atemzügen der Verlängerung und nach ewig langer Überprüfung sprachen sie den Roten Teufeln nach einem Foul an Kapitän Youri Tielemans einen Elfmeter zu – der nach dem Ermessen der Westafrikaner keiner war. Tielemans behielt die Nerven und schoss Belgien mit 3:2 ins Achtelfinale.

Ganz im Gegensatz zu den Deutschen, die sich zwei Jahre nach dem Handspiel von Marc Cucurella bei der Heim-EM diesmal beim blamablen WM-Aus auch von einem vermeintlichen Schiedsrichter-Skandal um den Sieg gebracht sahen. Für Bundestrainer Julian Nagelsmann war das aberkannte Tor von Jonathan Tah wahlweise ein „Witz“ oder „Vollskandal“. Der Fall wirft ein Schlaglicht auf die Schiedsrichter-Leistungen dieser XXL-Weltmeisterschaft, insbesondere auf das Zusammenspiel mit dem Video Assistant Referee (VAR). Der größte Vorwurf während der WM lautet, dass keine klare Linie für das Eingreifen des VAR zu erkennen sei. Die britische BBC stellte in einem Online-Bericht zu diesem Thema in der Überschrift daher die Frage: „Ist der VAR bei der Weltmeisterschaft zu einer Lotterie geworden?“

„Wieder einmal hat der VAR einen Kaffee getrunken“

Mehrere Experten meinten, dass die nicaraguanische Video-Schiedsrichterin Tatiana Guzmán beim DFB-Spiel gegen Paraguay nicht hätte eingreifen dürfen, als Waldemar Anton vor Tahs Kopfballtor zum vermeintlich 2:1 den Torwart Orlando Gill leicht bedrängt hatte. Der Weltverband verwies dagegen auf die demnach korrekte Auslegung der Regel, die nicht nur mit Stoßen und Schubsen zu tun habe.

Wenn ein angreifender Spieler kein Interesse am Ball habe und den Laufbewegung eines Gegenspielers bewusst behindere, „sollten die Schiedsrichter und – falls erforderlich – auch der VAR die Situation sorgfältig analysieren und eingreifen“, schrieb Schiedsrichterchef Pierluigi Collina in einem Beitrag der FIFA, ohne Anton beim Namen zu nennen. Trainer und Spieler seien darüber informiert worden, „daher sollte es keine Überraschung sein, wenn Schiedsrichter solche Vergehen ahnden“, so der Italiener.

Ein Einschreiten des VAR hatte Ghanas Trainer Carlos Queiroz beim 0:0 im Gruppenspiel gegen England dagegen absolut erwartet. „Wieder einmal hat der VAR einen Kaffee getrunken“, sagte der 73 Jahre alte Portugiese voller Ironie: „Das ist verständlich, ich würde mir auch ab und zu gern einen Kaffee gönnen, aber es war ein klarer Elfmeter, Rote Karte.“

Bei der Szene hatte Englands Verteidiger Ezri Konsas den zum Tor eilenden Prince Adu energisch vom Schuss abgehalten. Der verärgerte Queiroz flüchtete in Sarkasmus: „Haben wir den Videobeweis überhaupt noch? Funktioniert er noch?“ Zehn Jahre nach der Einführung dieser Technik gebe es „keine Entschuldigung“ dafür, dass er noch nicht besser funktioniere.

Bei dieser WM sind 30 Video-Schiedsrichter am Start, sie schauen sich die Spiele am Standort in Dallas an zig Monitoren an, die unterschiedlichste Perspektiven bieten. Nicht alle von ihnen werden auch dem TV-Livebild zugespielt, wie der deutsche Ex-Schiedsrichter Patrick Ittrich zu bedenken gibt: „Wir kriegen nur zwei Kameraeinstellungen immer zu sehen, die die FIFA uns ausspielt.“ Auch das könnte zur Diskrepanz zwischen der öffentlichen Wahrnehmung und die des VAR führen.

Es war bislang bei der WM nicht alles schlecht mit dem VAR. Anfangs lief es sogar richtig gut, vor allem die im Vergleich zu den nationalen Ligen geringere Überprüfungszeit wurde als positiv gewertet. Das liegt auch daran, dass bei der WM drei statt zwei Videoassistenten im sogenannten „Keller“ sitzen. Außerdem erhalten die Schiedsrichter und Assistenten bei der automatischen Abseitserkennung eine sofortige Rückmeldung aufs Ohr, wenn ein Spieler mehr als zehn Zentimeter im Abseits steht.

Doch es schlichen sich auch mitunter schwer zu erklärende Fehler ein: Ein rotwürdiges Foul von Argentiniens Superstar Lionel Messi bei seiner Drei-Tore-Gala gegen Algerien, das nicht geahndete Foul von Aleksandar Pavlovic vor Leroy Sanés Tor gegen Ecuador, oder der ausgebliebene Elfmeterpfiff nach einem klaren Foul am Franzosen Kylian Mbappé im Spiel gegen Senegal.

Ein indirekt formulierter Vorwurf von Österreichs Nationaltrainer Ralf Rangnick lässt sich jedoch nicht belegen. Er hatte über das seiner Meinung nach „nicht sehr einheitliche“ VAR-Eingreifen gesagt: „Es drängt sich der ungute Verdacht auf, dass ein bisschen gezögert wird, wenn es um die Favoriten geht.“ Andererseits durfte sich Paraguay im Achtelfinale gegen Frankreich am Samstagabend (0:1) gefühlt alles erlauben, das „Manipulieren“ des Elfmeterpunktes vor Kylian Mbappés Sieg-Strafstoßes inklusive.

Bei der Einführung der Videotechnik lautete das Leitbild der FIFA um den früheren Top-Schiri Collina: „Minimaler Eingriff für maximalen Nutzen.“ Doch gefühlt ist das Schiedsrichterwesen von diesem Anspruch weiter ein großen Stück entfernt. Was auch daran liegen könnte, dass sich der Hauptschiedsrichter womöglich zu sehr auf den VAR als Absicherung verlässt.

„Mit dem Navi fährt es sich im Auto auch manchmal ein bisschen zu bequem“, sagte der frühere Schiedsrichter Markus Merk: „Früher wären Unparteiische für gewisse Fehler nach Hause geschickt worden, während man heute sagt: super gesehen nach VAR-Eingriff.“

Der VAR hat bei dieser WM sogar mehr Befugnisse als je zuvor. Er darf die jeweils zweite Gelbe Karte eines Spielers überprüfen, die zu einem Platzverweis führt. Der Video-Assistent darf bei der WM auch Eckstöße überprüfen. (dpa/tf)

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