In einer unruhigen amerikanischen Nacht im „Spukschlösschen“ von Winston-Salem braute sich für Julian Nagelsmann weit, weit entfernt ein tobendes Donnerwetter zusammen. Rudi Völler versuchte sich zwar noch verzweifelt als Blitzableiter, aber sämtliche Experten, der Schattenmann Jürgen Klopp und die gekränkte deutsche Fußball-Nation schreien nach dem „Weltuntergang“ von Foxborough nach krachenden Konsequenzen. Fliegt der Bundestrainer? Womöglich. Kommt jetzt Jürgen Klopp? Vielleicht.
Bevor er sich nach dem Paraguay-Fiasko ein letztes Mal erschlagen im Teamhotel Graylyn Estate bettete, lehnte Nagelsmann einen Rücktritt trotzig ab. Er kämpft! „Ich bin keiner, der wegläuft. Ich stehe bereit, wenn der DFB das möchte“, sagte er im Angesicht der nächsten Schreckensbilanz. Am Dienstagvormittag Ortszeit trommelte er seine WM-Verlierer für eine letzte Besprechung zusammen, dann erfolgte die individuelle Abreise.
Klopp hingegen war für MagentaTV am frühen Morgen deutscher Zeit schon wieder – oder immer noch – auf Sendung, und er mauerte. „Unabhängig von meiner Person muss sich vieles ändern“, forderte er nach dem 3:4 in einem dramatischen Elfmeterschießen. „Wir werden sehen, wer Bundestrainer ist, das wird in den kommenden Wochen und Monaten entschieden. Wahrscheinlich Julian Nagelsmann.“Wahrscheinlich?
Es begann sich abzuzeichnen, dass die berühmten „Mechanismen“ (Nagelsmann) des Geschäfts beim einst so stolzen Deutschen Fußball-Bund zumindest wieder nicht automatisch greifen. Völler sprang dem Bundestrainer erneut zur Seite. „Ich bin immer noch davon überzeugt, dass er wahrscheinlich der Richtige ist, aber ich bin nicht der DFB alleine“, sagte der Sportdirektor. Wieder dieses Wort: wahrscheinlich.
Ist es ein Abrücken des väterlichen Freundes? Nagelsmann, betonte Völler, sei „weiterhin ein absoluter Toptrainer“ und „die richtige Person am richtigen Ort“. Klopp hätte die Säge auspacken können, er hielt sich aber zurück. „Ich verstehe, dass mein Name genannt wird, aber das ist nicht der Moment, darüber zu sprechen – und vor allem nicht mit mir“, betonte er.
Anders als Völler schwiegen Präsident Bernd Neuendorf und Geschäftsführer Andreas Rettig zunächst. Mit einem schnellen Urteil rechnet auch Nagelsmann nicht. „Die drei Herren haben Charakter und werden nicht zwischen Tür und Angel entscheiden“, sagte der 38-Jährige, der einen Vertrag bis zur EM 2028 besitzt. Der DFB sollte aber aus seinen Fehlern von 2018 und 2022 lernen. Nach dem Vorrunden-Aus hielt er an Joachim Löw bzw. Hansi Flick fest, das entpuppte sich als großer Fehler. Wertvolle Zeit für den Neuanfang wurde vergeudet.
Auch jetzt muss an vielen Stellschrauben gedreht werden, da sind sich Nagelsmann und Klopp einig. „Wir haben seit zwölf Jahren gar nichts gerissen“, sagte Nagelsmann: „Es wäre daher vermessen zu sagen, wir gehören noch zur Weltspitze. Das tun wir nicht.“
Die Niederlage nach den Elfmeter-Fehlschüssen von Kai Havertz, Nick Woltemade und Jonathan Tah im Sechzehntelfinale ließ auch Klopp ratlos zurück. „Es gibt 500.000 Wege, ein Fußballspiel zu gewinnen. Du musst nur einen finden“, sagte der einstige Meistermacher von Dortmund und Liverpool. „Wir haben nicht funktioniert.“
Die Mannschaft schleppte ungeachtet des stets hervorgehobenen guten Teamgeists zu viele Probleme mit sich herum. Die Unterschiedsspieler Florian Wirtz und Jamal Musiala machten nicht den Unterschied, andere waren von ihrer Bestform weit entfernt. Hinzu kam Verletzungspech (Gnabry, Karl, Schlotterbeck).
Immerhin stellten sich die Spieler ihrer Verantwortung. „Ich kenne Deutschland als Kind vor dem Fernseher, da war immer Halbfinale, Finale. Natürlich will man das auch den Kindern und den Menschen und der jetzigen Generation geben“, räumte Kapitän Joshua Kimmich zerknirscht ein. Ausreden suchte er keine. Schuld seien „nicht der Trainer, nicht die Medien, nicht der Schiedsrichter, auch nicht der Gegner, sondern das waren einzig und allein wir“.
Havertz, der in der regulären Spielzeit zum Ausgleich getroffen hatte,gab sich ebenfalls selbstkritisch. „Es hat nicht so viel gepasst, wenn man gegen Paraguay ausscheidet, bei allem Respekt“, sagte der Stürmer. „Fußballerisch waren wir besser, dafür sind die in anderen Sachen viel weiter als wir“, lautete die entlarvende Analyse von Nadiem Amiri.
Manuel Neuer verkündete zum zweiten Mal seinen Rücktritt.
Und jetzt? Nach der Heimkehr muss die Aufarbeitung erfolgen. „Wir müssen hundertprozentig ein paar Dinge verändern. Da können wir bei der U10 anfangen und ein paar Jahre warten, was oben rauskommt“, sagte Klopp.
Doch so viel Zeit bleibt nicht. Am 24. September startet die neue Nations League mit einem Spiel beim Erzrivalen Niederlande. Einige Stars werden nicht mehr dabei sein. Manuel Neuer kündigte seinen abermaligen Abschied an. Antonio Rüdiger ließ seine Zukunft offen, hinter Leon Goretzka steht ein Fragezeichen. Kimmich bleibt hingegen an Bord. „Ich werde immer die Power haben für einen neuen Anlauf. Was ich niemals tun werde, ist: aufgeben“, sagte er nach seiner nächsten Turnierenttäuschung.
International sorgte das Aus für Kritik und Verwunderung. „Von Deutschland ist nichts mehr übrig“, schrieb die spanische Marca. „Flop Germania!“, titelte die italienische Gazzetta dello Sport. Bundeskanzler Friedrich Merz spendete Trost. „Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch“, schrieb der CDU-Politiker im Netz. Diese Meinung dürfte er exklusiv haben. (sid/tf)

Kommentare
Kommentar verfassen
0 Comment
Sie müssen angemeldet sein, um zu kommentieren.
AnmeldenRegistrieren