Politik als Schulfach (1)

Viele Menschen, auch Jugendliche, interessieren sich nicht für Politik. Ein Schulfach „Bürgerkunde“ bzw. „Politische Bildung“ soll nun Abhilfe schaffen: Eine Stunde Bürgerkunde pro Woche, und alle Schüler verstehen, wie Demokratie funktioniert, alle werden von politischem Gestaltungswillen beseelt, alle lieben ihre Gemeinde, unsere Gemeinschaft, unsere Region, unser Land. Vor allem autoritäre Staaten, ehemals das deutsche Kaiserreich, Nazi-Deutschland und die DDR, heute Nordkorea, China und Russland nutz(t)en „vaterländische“ bzw. „patriotische“ Erziehung, „Bürger-“ bzw. „Staatsbürgerkunde“, inklusive Dienst an der Waffe, um ihr Volk ideologisch auf Linie zu bringen und Widerspruch zur Staatsführung im Keim zu ersticken.

Um jedem Missverständnis vorzubeugen: Wahre politische Bildung und eine ehrliche demokratische Gesinnung sind äußerst wünschens- und erstrebenswert, und zwar für alle Menschen dieser Welt. Wir leben gottlob in einem freien, demokratischen Staat, ein kostbares Privileg, das es zu schützen und zu bewahren gilt, und ich bin weit davon entfernt zu glauben, die Befürworter eines Unterrichtes „Politische Bildung“ beabsichtigten hierzulande eine ideologische Indoktrinierung. Doch abgesehen von zahlreichen ungelösten Problemen, die mit der Einführung eines Schulfaches „Politische Bildung“ bzw. „Bürgerkunde“ einhergehen, befürchte ich, dass viele Schüler dem Fach, ähnlich wie der Staatsbürgerkunde in der DDR (von den Schülern verächtlich „Stabü“ genannt), nur wenig Sympathie entgegenbringen werden. Natürlich sollen unsere Schüler den Aufbau und das Funktionieren unseres Staates kennenlernen, doch dazu genügt ein Kapitel im Geschichtsunterricht. Ansonsten soll jede politisch aufmerksame und interessierte Lehrperson das Recht haben und nutzen, in egal welchem Unterricht sporadisch auf aktuelle politische Ereignisse einzugehen. Das setzt natürlich voraus, dass das Lehrpersonal selbst politisch interessiert, informiert und bereit ist, bei Bedarf über den Tellerrand des eigenen Faches hinauszuschauen.

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