Laut Gerichtsbeschluss trägt der belgische Staat durch die Unterfinanzierung des Justizwesens eine Mitschuld an der Vergewaltigung und Ermordung der 23jährigen Studentin Julie van Espen (am 4.5.2019). Dafür entschuldigen sich Koen Geens und Paul Van Tigchelt, der ehemalige und der aktuelle Justizminister, bei Julies Familie. Doch nicht nur der Staat, auch die Justiz gehört an den Pranger. Der Täter, Steve Bakelmans, schon 2004 wegen Vergewaltigung einer 58-Jährigen verurteilt, wird 2017 wegen schwerer Vergewaltigung seiner Ex-Freundin zu einer effektiven Gefängnisstrafe von vier Jahren verurteilt und müsste eigentlich im Mai 2019 hinter Gittern sitzen. Er bleibt jedoch, da angeblich keine Fluchtgefahr besteht, auf freiem Fuß, und dies ohne juristische und psychologische Begleitung, obschon ein psychologisches Gutachten ihm eine antisoziale und narzisstische Persönlichkeitsstörung bescheinigt.
Am 27. 7. 2017 geht Bakelmans in Berufung. Trotz prinzipieller Vorrangigkeit von Sittlichkeitsdelikten sieht der Staatsanwalt, gestützt auf günstige Gutachten von Justizassistenten und Psychologen, keinen Fall von höchster Priorität. Vorrang hätten Dossiers von tatsächlich Inhaftierten. Das Berufungsverfahren wird auf die lange Bank geschoben: Am 4. Mai 2018 wird die Sache vertagt, da der Richter das Dossier nicht gründlich genug bearbeiten konnte. Erst im Februar 2019 wird ein neues Datum für die Verhandlung verkündet: der 5. Juni 2019, einen Monat nach Julies Ermordung!
Zwischendurch schließt der Staat eine Kammer des Berufungsgerichtes und zahlreiche Verfahren, auch das Dossier Bakelmans, werden auf unbestimmte Zeit verschoben. Dasselbe Gericht erster Instanz, das dem belgischen Staat eine Mitschuld auferlegt, merkt zudem an, dass „keine absolute Sicherheit bestehe“, dass Julie noch gelebt hätte, wenn das Dossier Bakelmans korrekt behandelt und der Täter eingesperrt worden wäre: „Niemand kann die Zukunft voraussagen oder in den Kopf eines anderen hineinschauen.“ Angesichts der Schwere der Tat und der Versäumnisse der Justiz ist dies barer Zynismus.
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