Aus den Memoiren eines „alten Ostbelgiers“

Fremdsprachen

Der ehemalige Ratspräsident Manfred Schunck | Foto: privat

Die Diskussion um Sprachenkenntnisse der Jugendlichen habe ihn dazu verleitet, einen Beitrag zu verfassen und der GE-Redaktion zukommen zu lassen, so Manfred Schunck.

„Aus den Memoiren eines ‚alten’ Ostbelgiers“, so der 75-Jährige. Der ehemalige Präsident des Rates der DG (RDG) nennt seinen Text einen „zeitgeschichtlichen Auszug aus Erinnerungen an eine andere Zeit und möglicherweise eine Reflexion betreffend das Wiederaufleben der Nationalismen in Europa“:

„Meinen Schul- und Studienjahren im Collège Patronné verdanke ich – wie viele meiner Zeitgenossen – eine wohl einmalige bikulturelle Wissensbasis: Es war sicherlich ein günstiger Zufall der Geschichte, der Geografie und der politischen Verhältnisse, dass gerade wir jungen Menschen an dieser Sprach- und Kulturgrenze zwischen Belgien und Deutschland, am Schnittpunkt der germanischen und lateinischen Kultur zu dieser Zeit – nach dem Zweiten Weltkrieg – leben und lernen durften. Unsere Lehrer prägten uns durch ihr großes Fachwissen und auch – und besonders – durch Ihre Offenheit in Bezug auf die politisch-kulturelle Lage unserer Gegend. Sie konfrontierten uns, in unterschiedlicher Weise, und jeder nach seiner Überzeugung, mit der uns umgebenden Welt. Sie öffneten unsere Köpfe, unseren Geist für unterschiedliche Sichtweisen.

Wo andere Grenzen aufbauten, lernten wir Grenzen zu überschreiten, Schlagbäume zu öffnen, breit zu denken und zu räsonieren. Im Grunde wurde uns der Europa-Gedanke vermittelt, der uns zu Vorläufern des späteren vereinten Europas machten. Ganz konkret wurde mir dies bewusst, als ich kürzlich unsere alten Schulbücher aus der Oberstufe in meiner Bibliothek entdeckte. Welch unschätzbarer Reichtum an bi-kulturellem Wissen wurde uns damals vermittelt, wenn wir praktisch parallel folgende Werke und Autoren studierten und analysierten – mit Michel Kohnemann im Deutschunterricht: Stephan Zweig (Sternstunden der Menschheit), Gotthold Ephraim Lessing (Minna von Barnheim), Annette von Droste Hülshof (Die Judenbuche), Theodor Storm (Der Schimmelreiter), Gottfried Keller (Das Fähnlein der Sieben Aufrechten), Goethes Faust, Götz von Berlichingen, Hermann und Dorothea, Schillers Glocke und Wallenstein, Bergengruens Feuerprobe, Grillparzers Armer Spielmann, Herodes und Marianne von Friedrich Hebbel und vieles andere mehr. Im Französisch-Literaturunterricht führte uns der große Philologe Arthur Nizin an Werke heran wie: Amphitrion, Les Précieuses Ridicules und Le Malade Imaginaire von Molière, Contes Choisis von Guy de Maupassant, Terre des Hommes von St. Exupéry, La Chanson de Roland, Stello von Alfred de Vigny, Georges Duhamel – Pages Choisies, Andromaque von Racine, Corneille: Polyeucte, Les Sermons de Bossuet… Dies alles gekoppelt mit der griechischen und römischen Antike: Catilina Jugurtha von Saluste, Hérodote, Homer’s Illiade, Annabasis von Xenophon und vieles andere mehr. Nicht verwunderlich also – im Nachhinein betrachtet – dass diese Wissensbasis uns für das spätere Leben großartig gewappnet hatte und unser Bekenntnis für ein offenes Europa selbstverständlich war und bleibt!“

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