Alfred Bourseaux: Ein Ritter, der nie hoch zu Ross saß

GE-Porträt

Alfred Bourseaux mit seiner Frau Vera. Das Paar ist seit 64 Jahren verheiratet. | Foto: David Hagemann

Leise und mit Bedacht wählt Alfred Bourseaux seine Worte. „Das bringt das Alter wohl mit sich“, sagt er – und lacht spitzbübisch. Der Eupener hat ein bewegtes Leben geführt, viel Verantwortung in Händen gehalten und ist doch immer demütig geblieben.

Von Martin Klever

Es ist die Geschichte eines Mannes, der Landwirt werden wollte, aber Chef des größten ostbelgischen Unternehmens wurde. Seit Jahrzehnten lenkt er die Geschicke des Kabelwerks. Es ist seine Lebensaufgabe. Morgen feiert „der Ritter“ seinen 90. Geburtstag.

„Wie schreiben Sie sich noch mal?“ Es ist die Einstiegsfrage, die sogleich aufhorchen lässt. Von den kleinen körperlichen Leiden im Alter mag Alfred Bourseaux nicht verschont geblieben sein, doch seine geistige Frische ist unangetastet. Man sieht förmlich, wie es in ihm arbeitet. Mit dem Nachnamen als Suchbegriff durchforstet er sein Gedächtnis, um nach wenigen Sekunden einen Namensvetter nach dem anderen auszuspucken. Gleich mehrere Treffer sind dabei, darunter eine längst verstorbene Großtante des Autors, die viele Jahre in der Verwaltung des Kabelwerks gearbeitet hat.

Auf Tuchfühlung mit den Mitarbeitern zu gehen, ein offenes Ohr für ihre Belange zu haben: Das dürfte eine der großen Leistungen sein, die den Chef des Kabelwerks bis heute auszeichnet. Das Eupener Unternehmen ist mit den Jahrzehnten zu einem weitverzweigten, internationalen Konzern gewachsen und die Belegschaft dadurch unwiderruflich anonymer geworden, doch die Namen von verdienstvollen Mitarbeitern hat Alfred Bourseaux stets behalten.

Reiterfreunde unter sich: 1993 erhielt Alfred Bourseaux (l.) aus den Händen von St.Georg-Vereinspräsident Helmut Theves (r.) eine bronzene Pferdestatue zum 65. Geburtstag.

Bescheidenheit, Bodenständigkeit, Verbundenheit: Diese Tugenden lebte er vor und sicherte sich den Ruf eines gerechten Firmenchefs, dem das Personal Respekt zollte. Er selbst ist vor allem auf eine Sache stolz: „Dass wir unsere Selbstständigkeit erhalten konnten. Wir sind mittlerweile das einzige, noch belgische Kabelwerk. Dafür habe ich immer gekämpft.“ Nicht fremdbestimmt zu sein, die Zügel in den eigenen Händen zu halten und somit selber entscheiden zu können, was im Interesse des Betriebs ist und was nicht: Das war für den Kabelwerk-Boss stets von elementarer Bedeutung.

Was Alfred Bourseaux sagt, das meint er auch. In einer unnachahmlichen Ruhe, ganz ohne Schnörkel.

Das mag daran liegen, dass Alfred Bourseaux in jungen Jahren auch den Blick von unten, die Perspektive des einfachen Angestellten, kennengelernt hat. „Ich habe in den 50er Jahren selber klein angefangen im Betrieb“, erinnert sich der Senior. Schnell kletterte er jedoch die Karriereleiter hinauf, die ihn, den Sohn des damaligen Generaldirektors, schon mit Mitte 30 als geschäftsführendes Verwaltungsratsmitglied auswies. 1976 stieg er zur Nummer eins des Konzerns auf, den sein Vorfahre Johann Bourseaux 1747 als Hanfseilfabrik gegründet hatte.

Seiler, diesem Handwerk hatten sich die Bourseaux‘ viele Generationen verschrieben. Aus Frankreich stammend, ließ sich die Familie zunächst in Cerexhe-Heuseux nieder, ehe sie im 18.Jahrhundert den Weg nach Eupen fand. An der Weser baute sie sich Schritt für Schritt eine neue Existenz auf, hob schließlich das Kabelwerk aus der Taufe. Und während die Seilerei in der Nachkriegszeit geschlossen werden musste, florierte das Kabelwerk zunehmend. Dank der aufkommenden Kunststoffe in den 1950er Jahren erlebte das Unterstädter Unternehmen einen bis dato ungekannten Höhenflug. Es expandierte, kaufte leer stehende Industriegebäude auf und entwickelte sich zum wichtigsten Arbeitgeber in der Region. Und wenngleich sich zu den zahlreichen Erfolgsgeschichten immer wieder mal schwierigere Phasen gesellten, bleibt der Konzern bis heute „Eupens Brotkorb“. Dies nicht ohne Grund, wie die nackten Zahlen belegen: Mit 850 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 304 Millionen Euro treibt das Kabelwerk den Wirtschaftsmotor Ostbelgiens kräftig an. Ein Verdienst von vielen Köpfen, aber sicherlich in ganz entscheidendem Maße von Kapitän Alfred Bourseaux, der das Kabelwerk-Schiff auch in stürmischen Zeiten stets wieder in ruhigere Gewässer zu steuern wusste.

Eine Aufnahme aus den 1980er Jahren: Der Kabelwerk-Boss mit zwei seiner Arbeitspferde. Alfred Bourseaux ist seit Kindesbeinen an ein Pferdeliebhaber. „Überall, wo Pferde waren, da war auch ich nicht weit weg.“Foto: Helmut Thönnissen

Dabei hatte er als kleiner Bub einen ganz anderen Berufswunsch: „Ich weiß zwar nicht, von welchem Familienteil ich das geerbt habe, aber als Junge wollte ich am liebsten Landwirt werden. Bei uns gab es damals überall noch Bauernhöfe –und es gefiel mir außerordentlich, wie dort gearbeitet wurde.“ Doch aus einem Job im Stall und an der frischen Luft wurde nichts. Der Name Bourseaux verpflichtete, der väterliche Ruf aus dem Kabelwerk wurde schließlich unüberhörbar. Sein Vater Carl, daraus macht Alfred Bourseaux keinen Hehl, war für ihn stets oberste Respektsperson und Vorbild. Demut und Pflichterfüllung, diese beiden Eigenschaften wurden ihm von den Eltern mit auf den Weg gegeben. „So bin ich erzogen worden, das hat mich geprägt“, sagt er. Als schwere Bürde sieht er das im Rückblick jedoch nicht. „Ich habe meine Entscheidung nie bereut und bin in diese Aufgabe hineingewachsen. So, wie es gelaufen ist, bin ich mit mir im Reinen“, gesteht er offen.

Und immer wieder fällt das Wort Verantwortung in unserem Gespräch. Ausscheren, anecken, aufmüpfig sein – das sind Verhaltensweisen, die keinen Platz in seinem Wertekodex finden: „Ich habe immer gemeint, auf Linie bleiben zu müssen.“ Nicht weil er fürchtete, persönlich in Misskredit zu geraten, sondern einzig und allein aus dem Antrieb heraus, das große Familienvermächtnis, die Zukunftssicherung des Eupener Kabelwerks, zu garantieren. Oder wie es der „Ritter“ formuliert: „Ich will immer alles erhalten, nicht behalten.“

Eine Einstellung, die auch sein vielfältiges soziales Engagement lenkte. Denn wenngleich er auf unzähligen Geschäftsreisen rund um den Globus die Welt erkundete, so blieb seine beschauliche Heimatstadt stets sein Ankerplatz. „Egal, wohin man geht, es ist wichtig zu wissen, wo man herkommt. Und ich hänge nun mal unglaublich an Eupen“, versichert er. Den Erhalt von lokalen Brauchtümern, die Pflege von Traditionen hat er sich auf die Fahne geschrieben. Auch wenn er dies nicht an die große Glocke hängt, so wissen viele Akteure in der Stadt, dass sie in der Person von Alfred Bourseaux einen verlässlichen und großzügigen Förderer haben. Jüngstes Beispiel ist die Sanierung der Oberstädter St.Nikolaus-Kirchtürme gewesen, die ohne die Finanzspritzen des Unternehmers und seiner Familie in dieser Form wohl nicht möglich gewesen wäre. „Das habe ich gerne getan. Wo ich helfen kann, mache ich es“, reagiert er ganz selbstverständlich. Aus seinem Mund klingt das wie ein Credo. Was Alfred Bourseaux sagt, das meint er auch. In einer unnachahmlichen Ruhe, ganz ohne Schnörkel. Er ist ein Mann der alten Schule. Einer, der sein Wort hält.

Ein Blumenstrauß aus den Händen von Bürgermeister Fred Evers (r.) für die Gattin: 1984 wurde Alfred Bourseaux zum Ehrenbürger der Stadt Eupen ernannt.

Diese Ruhe, sie ist sein Markenzeichen und teilweise auch seiner großen Leidenschaft für Pferde zuzuschreiben. „Wenn ich bei den Tieren bin, kann ich abschalten, da habe ich etwas zu versorgen“, erzählt er. Und plötzlich hellt sich seine Miene auf. „Die Sache mit den Pferden“, wie er es ausdrückt, hat ihn schon früh angesteckt. „Pferde, richtige Arbeitstiere, dafür habe ich mich schon immer interessiert“, verrät er mit leuchtenden Augen. Es ist die Geschichte einer Leidenschaft, die ihn schon als Jungen gepackt hat. „Ich ging in der Unterstadt zur Volksschule und sah nachmittags die Fuhrwerke vorbeiziehen. Toll war das“, gerät er regelrecht ins Schwärmen. Oft lief er den Gespannen nach, drängte sich dicht an die Tiere und bestaunte sie. „Überall, wo Pferde waren, da war auch ich nicht weit weg“, schmunzelt er. Losgelassen haben ihn die Vierhufer bis heute nicht. Auch im fortgeschrittenen Alter hält er noch immer welche. „Es sind schwere Tiere zum Anspannen, Engländer. Die gehören einfach zur Familie dazu.“

Ausscheren, anecken, aufmüpfig sein – Verhaltensweisen, die keinen Platz in seinem Wertekodex finden.

Ein „Arbeitstier“, das ist auch Alfred Bourseaux zeitlebens gewesen. Wer seit mehr als 40 Jahren einen Konzern wie das Kabelwerk leitet, der braucht neben einem ausgeprägten unternehmerischen Gespür jede Menge Ausdauer und Durchsetzungskraft. Eigenschaften, die der bald 90-Jährige mit sich bringt. Dass durch die ständige Verfügbarkeit der private Terminkalender regelmäßig über den Haufen geworfen wurde, weiß er deshalb nur zu gut. „In Urlaub bin ich schon seit Jahren nicht mehr gefahren. Irgendwas kommt immer dazwischen“, muss er selbst lachen. In früheren Zeiten zog es ihn häufig in den Süden Deutschlands an den Tegernsee. Der Freistaat Bayern mit seiner reichen Geschichte fasziniert ihn. So sehr, „dass ich dort nicht unbedingt viel wandern ging, sondern lieber über die Friedhöfe spazierte und Gräber von besonderen Leuten unter die Lupe nahm“.

Besonders ist auch heute noch sein Arbeitspensum. Täglich zieht es ihn ins Kabelwerk. Pünktlich um 8.45 Uhr schreitet er die Treppen zu seinem Büro im ersten Stock hinauf, und regelmäßig ist er auch in den Nachmittagsstunden dort anzutreffen. „Ich meine, ich wäre hier noch nützlich“, so der rüstige Firmenchef lapidar.

Im November 1956 ehrte die Kabelwerk-Belegschaft ihren Generaldirektor Carl Bourseaux (links) anlässlich seines 75.Geburtstags – neben ihm erkennt man Sohn Alfred.

Sein persönliches Erfolgsrezept für ein langes Leben: eine ausgewogene Ernährung und Alkohol in Maßen. Dem Laster Rauchen hat er schon in jungen Jahren abgeschworen. „Damals war ich im Kongo und musste die üblichen Medikamente schlucken. Das bekam mir so schlecht, dass ich gleich auch mit dem Rauchen aufhörte“, verrät er. Als Methusalem seiner Familie sieht sich Alfred Bourseaux dennoch nicht: „Mein Vater ist 85 gewesen, als er 1966 starb. Das war zu dieser Zeit ein ziemlich hohes Alter.“ Zwei seiner Brüder war dies nicht vergönnt. Sie fielen als Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Für den jüngsten Spross der Bourseaux‘ ein einschneidendes Erlebnis, das ihn in der Absicht bestätigte, „den Fortgang der Familie im Kabelwerk zu sichern“. Er erledigte diese Herausforderung mit Bravour, erntete viel Anerkennung für sein Engagement und wurde mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt. Heraussticht die Adelung als „Ritter“. Eine königliche Ehre, die ihm 1984 zuteil wurde. Dabei sind Alfred Bourseaux Titel gar nicht so wichtig, wie er beteuert: „Ich dränge mich absolut nicht auf. Aber wenn solche Auszeichnungen von alleine kommen, dann nehme ich sie natürlich gerne an.“

Sein Wirken im Kabelwerk sieht er als Lebensaufgabe: „Wann ich aufhöre, entscheidet entweder die Natur oder das Schicksal.“

Und gerne möchte er auch in Zukunft dem Kabelwerk dienen. An einen beruflichen Ausstieg denkt der Unternehmenschef auch mit 90 Jahren nicht. „Meine Arbeit bereitet mir noch immer große Freude. Wann ich aufhöre, entscheidet entweder die Natur oder das Schicksal“, sieht der Senior aktuell keinen Anlass, sein Lebenswerk abzuschließen.

Werke ganz anderer Natur führt sich der Kabelwerk-Chef abends daheim zu Gemüte. Eine breit gefächerte Bibliothek nennt er sein Eigen. „Im Laufe eines Lebens hat sich doch einiges angesammelt, auch wenn alles eher ungeordnet ist“, bekennt der passionierte „Bücherwurm“. Biografien, Geschichtliches und Politisches haben es ihm angetan. Fernsehen ist weniger sein Ding –bis auf eine Ausnahme: „Die ZDF-Sendung ‚Terra X‘ am Sonntagabend finde ich toll und äußerst lehrreich“, räumt er ein.

Apropos politisch: In einer Partei hat sich Alfred Bourseaux zu keinem Zeitpunkt engagiert. „Ich wollte mich einfach nicht zersplittern und habe dieses Feld gerne anderen überlassen“, gesteht er. Und fügt mit ironischem Unterton hinzu: „Ich hatte mit dem Kabelwerk aber eigentlich auch immer genug zu tun.“

So still und diskret, wie er sein gesellschaftliches Engagement betreibt, will Alfred Bourseaux nun auch seinen 90. Geburtstag feiern. „Ich will nicht sagen ‚Lasst mich alle in Ruhe‘, aber ich möchte es doch still und klein halten –wenn es denn eben geht“, verrät er bei unserem Treffen.

Ob er da schon ahnt, dass dies angesichts seines Bekanntheitsgrads ein mittelschweres Unterfangen wird? Dabei läge eine elegante Lösung doch auf der Hand: Einfach wieder einmal in Urlaub zu fahren.

Zur Person: Alfred Bourseaux

  • Am 19. Dezember 1928 wurde Alfred Bourseaux als fünftes und jüngstes Kind der Eheleute Carl Bourseaux und Anne-Marie Dederich geboren.
  • Nach seiner Ausbildung trat er 1950 in das Kabelwerk ein, wo er zunächst dem Vater assistierte. Schnell kletterte er die Karriereleiter hoch: 1956 wurde er Verwaltungsratsmitglied, 1960 geschäftsführendes Verwaltungsratsmitglied und ab 1976 Präsident des Verwaltungsrates der Kabelwerk Eupen AG.
  • Neben seiner Tätigkeit an der Spitze des Unternehmens setzte sich Alfred Bourseaux für das kulturelle und soziale Leben seiner Heimatstadt ein. Belege hierfür sind Mitgliedschaften und Ehrenpräsidentschaften in zahlreichen Vereinen. Als Erster wurde er 1987 mit der „Goldenen Feder“ der Eupener Ex-Prinzen ausgezeichnet.
  • Darüber hinaus ist die Liste seiner Ehrentitel lang. Zu den wichtigsten gehören die königliche Adelung als Ritter, die Auszeichnung als Ehrenbürger der Stadt Eupen sowie die Verleihung des großen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland und des goldenen Ehrenzeichen der Republik Österreich.
  • Alfred Bourseaux spricht fünf Sprachen: Neben Deutsch, Französisch, Niederländisch und Englisch parliert er gerne auf Eupener Platt.
  • Seit 1954 ist der Ritter mit Vera Dollendorf verheiratet. Das Paar hat einen Sohn, Axel Bourseaux.

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