Tankstelle für die Seele – der Fastenmonat Ramadan

Religion

Datteln werden beim Fastenbrechen im Fastenmonat Ramadan gereicht. | Foto: Paul Zinken/dpa

Jedes Jahr verzichten Somaja und Taha im Fastenmonat Ramadan vom ersten morgendlichen Licht bis zum Sonnenuntergang auf Essen und Trinken. Nicht nur aus religiösem Pflichtgefühl.

Somaja und ihre Familie haben sich in ihrem Wohnzimmer versammelt. In dem hell eingerichteten Raum schmücken ein paar orientalische Lampen die Kommoden. Girlanden mit arabischen Mustern verzieren die Wände. Die letzten Sonnenstrahlen streifen über die Dächer. Somaja, ihr Mann und die drei Kinder sitzen auf kleinen, schmuckvollen Gebetsteppichen. Sie sprechen ein Bittgebet, das letzte vor der Dunkelheit.

Vater Taha hat den dreijährigen Faris auf dem Schoß. Dann reicht Somaja einen kleinen Teller mit Datteln herum, für die Eltern ist es die erste Mahlzeit an diesem Tag. In andächtiger Stille essen sie, bevor sie noch einmal beten. Die Familie feiert den Beginn des Ramadans. Bis Mitte Juni dürfen Muslime nur noch nach Sonnenuntergang essen und trinken, Sex tagsüber ist in der Zeit tabu.

Somaja Al Thawr und ihr Mann Taha Al Tabeeb wohnen in Berlin-Spandau, in einer ruhigen Gegend nahe der Havel. Sie stammen aus dem Jemen, Taha ist Automechaniker, Somaja Zahnmedizinerin. Ihre Kinder sind in Deutschland geboren. An diesem Abend ist auch ihre jüngere Schwester mit der Tochter zu Besuch. Das tägliche Fastenbrechen an Ramadan feiert die Familie gerne unter Verwandten und Freunden. Ramadan ist für viele Muslime eine Zeit des Beisammenseins, in der nicht nur gefastet wird.

„An den ersten zwei, drei Tagen ist das Fasten schwierig, der Schlafrhythmus ändert sich und es ist körperlich anstrengend, wenn man zum Beispiel sonst viel Kaffee trinkt auf der Arbeit. Aber dann gewöhnt sich der Körper dran“, erzählt Taha. Ramadan und das Fasten seien „eine Tankstelle für den Menschen, man bekommt Energie für das ganze Jahr“, sagt der Mechaniker. Das Ehepaar verzichtet von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf Trinken und Essen sowie auf alle Genussmittel.

Für die drei Kinder ist der Ramadan auch spannend, gerne würden sie selbst schon fasten, sagt der 9-jährige Sami. Doch die Eltern achten streng darauf, dass Gesundheit und Leistungsfähigkeit in der Schule nicht leiden. Gefastet wird bei den Kindern nur am Wochenende und dann auch nicht den ganzen Tag. Dann dürfen sie auch einmal länger wach bleiben. Ausnahmen gibt es aber nicht nur für Kinder, auch Kranke oder Reisende dürfen von den strengen Regeln abweichen. Diese Tage könne man im Monat nach dem Ramadan nachholen, erzählt Taha.

Dabei orientieren sich Muslime an den Auslegungen im Koran und den Hadithen, den überlieferten Handlungen und Aussprachen des Propheten Mohammed. Gefastet wird nach dem islamischen Kalender im neunten Monat, der sich an den Mondphasen orientiert. Dadurch fällt der Ramadan jedes Jahr in eine andere Zeit, weil sich der Beginn jeweils um elf Tage verschiebt.

So kann es schon einmal passieren, dass Ramadan in die Winterzeit fällt. „Ramadan im Winter in Deutschland, das ist eigentlich perfekt“, sagt Taha. Je kürzer die Tage, desto kürzer das Fasten. Trotzdem nehmen Taha und Somaja den Ramadan sehr ernst. „Für manche ist Ramadan nur eine religiöse Pflicht, aber dann hat man den Sinn dahinter nicht verstanden“, erzählt Somaja. Für die 38-jährige hat der Ramadan auch eine gesellschaftliche Funktion. Es gehe darum, Gutes zu tun und anderen zu helfen. „Wenn man es ernst meint mit dem Fasten, dann merkt man das an der Seele. Man hat keine Lust oder Energie mehr, etwas Böses oder Falsches zu tun. Es geht nicht nur um den Hunger, sondern auch um die Reinigung der Seele für das ganze Jahr.“

Ramadan ist der einzige islamische Monat, der im Koran namentlich genannt wird. Seine Ursprünge und Bedeutung werden von Gelehrten unterschiedlich interpretiert. Für viele Muslime steht aber fest: Im Ramadan empfing ihr Prophet Mohammed Teile des Korans in einer Offenbarung. Wer im Ramadan eine gute Tat begehe, werde dafür von Gott belohnt. „Reiche Leute sollen auch ein Gefühl dafür bekommen, wie sich Armut oder Hunger anfühlt“, erzählt Taha. „Man soll nicht lügen oder etwas Schlechtes tun, das wäre im Ramadan schon wie eine Schande“, ergänzt seine Frau. An diesem Abend haben Somaja und ihre Schwester gekocht. Das traditionelle und festliche Essen am Abend im Ramadan, das auch „Iftar“ genannt wird, besteht heute aus jemenitischen Spezialitäten. Der ganze Tisch ist voll bedeckt, es duftet aus der Küche. „Fatoot“, eine süße Nachspeise aus Fladenbrot mit Honig, hat ihr Mann zubereitet. „Das ist das Wichtigste“, sagte er und lacht dabei.

Die Kinder sind inzwischen im Bett. Sie müssen morgen wieder zur Schule gehen. Mit vollem Bauch. (dpa)

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