Vor einem Dreikampf Froome-Bardet-Aru

Tour de France

Drei Sky-Fahrer vor Chris Froome (rechts): Der Titelverteidiger hat nicht nur die beste Mannschaft, auch auf sich allein gestellt bewies er bisher seine Klasse. | Foto: belga

Nach neun Etappen ist bei der 104. Tour de France zwar längst noch nicht alles entschieden, aber die Analyse des Stands im Generalklassements deutet auf einenDreikampf zwischen Titelverteidiger Chris Froome (GB/Sky), Fabio Aru (I/Astana/18 Sekunden Rückstand) und Romain Bardet (F/Ag2R/52 Sekunden) hin.

Das Feld der Fahrer, die Ansprüche auf den Tour-Gesamtsieg anmelden können, hat sich deutlich gelichtet. Prominentestes Opfer war Richie Porte (Aus/BMC), der die Grande Boucle nach einem schrecklichen Sturz mit gebrochenen Becken und Schlüsselbein verlassen musste.

Als Froome, Porte, Aru, Bardet und Daniel Martin (Irl/Quick Step) sich im Mont du Chat ein packendes Kräftemessen lieferten, war einer der großen Herausforderer praktisch zum Zusehen verurteilt: Ohne seinen Super-Leutnant Alejandro Valverde blieb der kolumbianische Movistar-Kapitän Nairo Quintana blass. Vor der zehnten Etappe weist er auf Platz acht bereits 2:13 Minuten Rückstand auf. Noch weiter zurückliegt der zweifache Tourgewinner Alberto Contador (Trek/Sp/5:15)

Vieles spricht daher nach der Königsetappe am Sonntag dafür, dass Romain Bardet die großen Hoffnungen, die ganz Radsport-Frankreich in ihn gesetzt hat, wahr machen kann.

„Na, klar kann man Froome schlagen“, behaupteteder Ag2R-Manager Vincent Lavenu, dessen französische Equipe in Chambéry zuhause ist und beim Heimspiel einen tolles Spektakel vorführte. Lavenu: „Chambéry ist unser Zuhause. Wir kennen die Gegend gut und wollten etwas zeigen, den Sieg holen und ums Klassement kämpfen.“

Wie der Plan dazu aussah, verriet der Schweizer Mathias Frank: „Wir schickten drei Mann in die Spitzengruppe, die dort als Relaisstation dienten. In der Abfahrt vom Col de la Biche haben wir versucht, das Feld auf der nassen Straße etwas auseinander zu ziehen und deshalb dort ein bisschen Gas gegeben.“

„Die Abfahrt vom Col de la Biche war der Schlüssel“, bestätigte auch Lavenu und begründete die Attacke so: „Sie ist sehr gefährlich und man muss Mut haben. Wir sind lieber von vorne runter gefahren. Wenn man hinterherfährt, ist es noch gefährlicher.“ Auf den Punkt wie morgens im Teambus besprochen zog AG2R den Plan durch. Ag2R spannte sich am gefürchteten Mont du Chat vors Feld und brachte  auch die Sky-Truppe ins Schwitzen. In der Abfahrt wagte Bardet schließlich alles.

„Romain ist in guter Form. Deshalb hat er in der Abfahrt Risiko genommen. Abfahren gehört heute zum modernen Radsport dazu“, begründete Lavenu die waghalsige Aktion. Allerdings kam Bardet entgegen, dass die Basis seiner Mannschaft am Fuße des Mont du Chat beheimatet ist und der HC-Anstieg das Trainingsgelände der Mannschaft ist.

Viel fehlte nicht und Bardet hätte auch die Etappe gewonnen. Doch unter der Führung von Froome wurde er zwei Kilometer vor dem Ziel von den Verfolgern gestellt.

Doch nicht nur Bardet überzeugte als Herausforderer, die gesamte Ag2R-Equipe bewies, dass man Froomes „Sky-Train“ zumindest mal ins Stottern bringen kann. „Wenn wir hier mit Romain gewinnen wollen, müssen wir so offensiv fahren, weil Sky sonst so stark ist. Wenn Bardet in den Bergen keine Zeit holen kann, kann er die Tour nicht gewinnen“, erklärte Matthias Frank.

Noch näher dran an Froome ist weiterhin der italienische Meister Fabio Aru. Doch der „Gentleman in Gelb“ dürfte dem Sarden nicht mehr gut gesonnen sein. Aru attackierte den Engländer im Mont du Chat, obwohl der gerade die Hand gehoben und ein technisches Problem signalisiert hatte. Quintana sprang sofort hinter Aru her, und auch die anderen Mit-Favoriten wie Porte und Bardet folgten dem Italiener, während Froome anhielt. „Ich konnte die Gänge nicht mehr wechseln. Deshalb musste ich das Rad tauschen“, erklärte der später.

Ein Angriff auf den Gesamtführenden, der gerade wegen eines Defekts stoppt? Nicht die feine, englische Art. Das sahen auch die Anderen so und fuhren zwar hinter Aru her, unterstützten ihn offensichtlich aber nicht in der Führungsarbeit. Kurz darauf gab auch der Italiener seinen Vorstoß auf und drosselte das Tempo.

Aru selbst erklärte, dass er von Froomes Problem erst per Funk aus dem Teamwagen erfuhr. „Also habe ich auf ihn gewartet“, so der Italiener in einer Pressemitteilung seines Rennstalls. Aru will nicht gesehen haben, dass der Brite den Arm hob: „Wir hatten geplant, anzugreifen, und wussten, dass wir es schon weit vor dem Gipfel tun mussten. Ich fand einen guten Moment und habe attackiert. Ganz ehrlich: Ich habe nicht gesehen, dass Chris Froome technische Probleme hatte. Ich habe mich voll auf meine Attacke konzentriert.“

Glauben kann man dem 27-Jährigen das kaum. Schließlich lancierte er seine Attacke aus einer Position hinter Froome und fuhr dabei sogar unter dessen gehobenen Arm hindurch. (rsn/jph)

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