Mit dem Rücken auf die Matte: Judo in Eupen als Erziehungsmethode

Kampfsport

Judo, das heißt übersetzt: „Sanfter Weg“. Doch ganz so „sanft“ geht es bei der japanischen Kampfsportart nicht zu, denn es wird mit zahlreichen Wurf- und Falltechniken agiert. In dieser Szene wird Präsident Ralph Godesar (vorne) von seinem Trainingspartner Christian Drösch zu Boden geschickt. | Foto: David Hagemann

In der Eupener Hillstraße klatscht es regelmäßig, aber kein Beifall. In der Turnhalle der ehemaligen Städtischen Technischen Schule gehen wöchentlich einige Judokas zu Boden, und das vorrangig mit dem Rücken. Verletzt wird dabei aber niemand – zumindest nicht im Normalfall. „Das Verletzungsrisiko bei dem Sport ist viel geringer als zum Beispiel beim Fußball“, sagt Oskar Willem, der seit 1954 als Kämpfer und Trainer des Kgl. Judo & Ju-Jitsu Clubs aktiv ist.

Von Carsten Lübke

Oskar Willem steht mit seinen stolzen 82 Jahren bei fast jedem Training im Dōjō (Trainingsraum) und beobachtet die Arbeit der Eupener Judokämpfer. „Auf der Matte bin ich heute leider nicht mehr so aktiv wie früher“, gesteht der Cheftrainer ein. Der Grund: Seine Hüfte macht ihm zu schaffen. „Da ist es für mich nicht immer so einfach, die Techniken vorzuzeigen“, sagt der Träger des 4. Dan. Wie wichtig dennoch seine Anwesenheit ist, untermauert Präsident Ralph Godesar: „Oskar ist für unseren Verein extrem wertvoll, denn er lässt die verschiedenen Generationen an seinem Erfahrungsschatz und seiner Fachkompetenz teilhaben.“

Oskar Willem sticht aber nicht nur durch sein Alter hervor, sondern auch durch seinen Jūdōgi. Im Vergleich zu den restlichen Judoka im Raum trägt der Eupener einen blauen Kampfanzug. Aber warum? „Das hat nichts mit meinem Dan oder meiner Funktion als Trainer zu tun. Die gebräuchlichen Farben der Anzüge sind weiß und blau. Letzteres wird insbesondere in Wettkämpfen zur besseren Unterscheidung der Kontrahenten getragen“, erklärt Willem, der zahlreicheEupener Judoka zu Meisterwürden verholfen hat.

„Das gemeinsame Erleben und gegenseitige Hilfe stehen auf der Matte im Mittelpunkt.“

Oskar Willem | Foto: David Hagemann

Aushalten müssen die Jūdōgis unterdessen einiges. „An den Anzügen wird gezogen, was das Zeug hält. Daher sind sie relativ grob gewebt und nahezu reißfest“, meint Ralph Godesar. Aber auch die Judokämpfer selbst dürfen nicht zimperlich sein. „Bei einigen Übungsmethoden kann es beispielsweise sein, dass die Judokas bis zu 100 Mal hintereinander auf die Matte befördert werden“, erzählt der 45-Jährige.

Um einen Kontrahenten überhaupt auf die Bretter schicken zu können, braucht es eine ausgebildete Muskulatur. „Ohne die geht es nicht, um überhaupt die anspruchsvollen Wurf-, Hebel- und Falltechniken korrekt zu beherrschen“, meint Oskar Willem. Nichtsdestotrotz meint er, dass Judo grundsätzlich für jeden geeignet sei. „Es ist eben alles eine Frage der Technik und des Willens“, so das Eupener Judo-Urgestein.

Und wann und wo darf man die japanische Kampfsportart einsetzen? „Judo dient ausschließlich der Selbstverteidigung und darf nur in Wettkämpfen und in Gefahrensituationen angewendet werden“, erklärt Oskar Willem in einem ernsten Ton. „Das ist kein Spaß, sondern eine grundsätzliche Regel“, fügt er an.

Ein „guter“ Judoka zeichnet sich laut dem 82-Jährigen übrigens durch „Bescheidenheit, Durchhaltevermögen und einen enormen Lernwillen“ aus. „Das sind in meinen Augen auch Qualitäten, die auch im Leben abseits der Matten sehr hilfreich sind“, so Willem. Lernen könnten die „Schüler“ bei dem Sport „en passant“ einiges. „Abgesehen von koordinativen und konditionellen Fähigkeiten, werden beim Judo Werte wie Hilfsbereitschaft, Ernsthaftigkeit, Höflichkeit, Mut und Freundschaft vermittelt. Der erzieherische Aspekt ist beim Judo einfach extrem hoch“, ist Oskar Willem überzeugt. Das Faszinierende am Judo-Sport sei in seinen Augen auch, dass man ihn nie „auslernt“. „Man kann x Jahre intensiv Judo trainiert haben, und doch begegnen einem Judoka immer wieder neue Techniken“, sagt er.

Sie machen beim Königlichen Judo & Ju-Jitsu Club Eupen „rund zwei Drittel“ der Mitglieder aus: die Nachswuchs-Judokämpfer.

Judokas, die immer mittwochs und freitags aufs Neue trainieren, gibt es beim Kgl. Judo & Ju-Jitsu Club Eupen immerhin etwas mehr als 60. Vor einigen Jahren waren es aber fast doppelt so viele. „Ich kann mich noch daran erinnern, dass wir zeitweise einmal weit über 100 Mitglieder hatten. Ich würde mir wünschen, dass der Verein wieder an diese Zahl herankommt, nur leider sind die Zu- und Abgänge momentan schwankend“, sagt Willem.

Die Fahne im Club hält mittlerweile die Jugend hoch. „Sie macht rund zwei Drittel des Vereins aus“, meint Ralph Godesar. Gegründet wurde die Abteilung Ende der 60er Jahre. „Das, was viele Eltern wollen, dass ihr Kind bei uns im Judo lernen soll, ist Disziplin“, erzählt der Präsident. „Aber das kommt mit der Zeit von ganz alleine“, ist er sich sicher.

Das Stichwort bei der Jugend lautet: „spielerisch“. „Die Kinder wollen im jungen Alter noch raufen und ‚kabbeln‘, sich sprichwörtlich fallen lassen. Daher versuchen wir, sie spielend an die Kampfsportart heranzuführen“, erläutert Godesar und fügt hinzu: „Das gemeinsame Erleben und die gegenseitige Hilfe stehen auf der Matte im Mittelpunkt.“

Weitere Informationen über den Kgl. Judo & Ju-Jitsu Club Eupen gibt es auf Facebook oder unter der Rufnummer 0497/543368 (Ralph Godesar).

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