Unwürdiges Schauspiel: Die Entlassung von Heiko Herrlich

Kommentar

Heiko Herrlich | Foto: afp

Mitleid ist fehl am Platz. Im Profigeschäft ist eine Trainerentlassung einen Tag vor Heiligabend ungewöhnlich, aber letztlich auch business as usual.

Heiko Herrlich, der weich fällt, wird zudem schon am Samstag nach dem 3:1 von Bayer Leverkusen gegen Hertha BSC geahnt haben, dass seine Tage unter dem Bayer-Kreuz gezählt sind.

Anders sind seine Äußerungen nicht zu deuten, dass er nicht wisse, ob er an der Aufarbeitung und Analyse der Hinrunde beteiligt sei. Dass der 47-Jährige ausgerechnet nach zwei Siegen bei Schalke 04 und gegen Berlin sein Büro räumen muss, mutet zwar paradox an, war nach dem skurrilen Interview von Sportvorstand Rudi Völler auf Schalke aber nicht anders zu erwarten.

Mitte der Woche waren die Bayer-Bosse offensichtlich schon mit Herrlich-Nachfolger Peter Bosz klar, der bereits 2017 auf der Wunschliste von Völler stand.

Damals entschied sich der Niederländer aber für Borussia Dortmund. Bei den Westfalen erlebte er nach einem Höhenflug mit dem Sprung an die Tabellenspitze einen Totalabsturz und musste schon vor Weihnachten seinen Hut nehmen. Ob er der richtige Mann ist, um das schlingernde Bayer-Schiff wieder auf Kurs zu bringen, muss sich erst noch zeigen. Dass die Leverkusener Führungsetage ihr Vertrauen in Herrlich verloren hat, ist indes nachvollziehbar. Das Bild, das Völler, der neue Sportdirektor Simon Rolfes und Klubchef Fernando Carro aber bei der Trennung auf Raten abgegeben haben, ist katastrophal.

Herrlich sollte froh sein, dass das unwürdige Schauspiel vor den Feiertagen beendet wurde. Wie Bayer das Aus von Herrlich und die Verpflichtung von Bosz mit einem Bild des früheren BVB-Coaches auf Twitter bekanntgab, war äußerst stillos.

Völler, zweifelsohne das Gesicht von Bayer Leverkusen, hat in der Trainerpersonalie einmal mehr kein gutes Bild abgegeben. In der Saison 2016/17 hielt er viel zu lange an Roger Schmidt fest, selbst als das Kind schon in den Brunnen gefallen war. Nachfolger Tayfun Korkut, der als erster Trainer in dieser Saison bei VfB Stuttgart entlassen wurde, war als Feuerwehrmann gerade gut genug, musste nach der Mission Klassenerhalt aber gehen. Und Herrlich stellte sich am Ende auch als großes Missverständnis heraus. Das muss sich vor allem auch Völler ankreiden.

Dass in dieser Saison in Korkut und Herrlich erst zwei Trainer ihre Papiere erhielten, spricht aber für eine Umdenken bei den Klubs. 2017 waren zum selben Zeitpunkt bereits fünf Trainer gefeuert. Es wäre zu wünschen, dass Nürnberg, Hannover, Düsseldorf und auch Schalke am Ende dafür belohnt werden, dass sie den üblichen Mechanismen im Profifußball getrotzt haben. (sid)

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