20 Jahre „Flasche leer“- Trapattonis legendäre Wutrede

Jubiläum

„Flasche leer“, „Was erlauben Strunz?“ - im Stile eines brodelnden Vulkans zündet Trap ein dreieinhalbminütiges Sprüchefeuerwerk. | Foto: dpa

„Was erlauben Strunz?“ Vor 20 Jahren explodiert Bayern-Trainer Giovanni Trapattoni wie ein sizilianischer Vulkan. Ein Beben mit Folgen.

Von Marco Mader

Giovanni Trapattoni hat sich auf den Tag der Abrechnung akribisch vorbereitet. Sieben, acht Zettel, so erinnert sich der damalige Pressesprecher des FC Bayern, Markus Hörwick, bringt der italienische Coach am 10. März 1998 mit ins überfüllte Pressestüberl an der Säbener Straße. „Sind Sie bereit?“, raunt Trapattoni den Journalisten zu, dann nimmt die legendäre Wutrede ihren Lauf.

„Flasche leer“, „Was erlauben Strunz?“ – im Stile eines brodelnden Vulkans zündet Trap ein dreieinhalbminütiges Sprüchefeuerwerk, das er mit den inzwischen geflügelten Worten „Ich habe fertig“ beendet. Der Kern seiner Anklage: „Ein Trainer ist nicht ein Idiot!“ Also: Nicht er sei schuld am 0:1 des Meisters auf Schalke zwei Tage zuvor und den acht Punkten Rückstand des Tabellen-Zweiten auf Aufsteiger 1. FC Kaiserslautern. Sondern: Die Spieler!

Der Name Strunz, sagt Trapattoni, habe auch zur Verbreitung der Tirade in Italien beigetragen.

Namentlich: Thomas Strunz, „is immer verletzt!“ Außerdem: Mehmet Scholl und Mario Basler, die Trapattoni nach der Pleite in Gelsenkirchen in Interviews attackiert hatten. Der Italiener war so sauer auf das Trio, dass er bereits am Abend der Niederlage im Hotel beim Gespräch mit den Bossen auf sie schimpfte. Dabei gestikulierte er so wild, dass eine geöffnete Flasche Rotwein über die Hose von Manager Uli Hoeneß kippte. Im Kurzurlaub in Italien am trainingsfreien Montag reift in ihm die Idee zur Abrechnung. Was er dann in ein Dutzend Mikrofone brüllt, ist „keine spontane Sache“, wie Trapattoni in seiner 2016 erschienen Biographie („Ich habe noch nicht fertig“) schreibt. Er hatte sogar einen befreundeten italienischen Journalisten angerufen, „weil ich wahrlich ein Riesentohuwabohu veranstalten wollte“.

Die Spieler waren „alle geschockt über das Ausmaß seines Zorns“, sagte Strunz zum 15-jährigen Jubiläum der SZ. Er habe danach eine harte Zeit durchlebt, „ich war auf einmal das Synonym des verwöhnten Fußballers“. Über Leistung schaffte er später wieder den „Turnaround vom Clown der Nation zum Nationalspieler“.

Der Name Strunz, sagt Trapattoni, habe auch zur Verbreitung der Tirade in Italien beigetragen. Im neapolitanischen Dialekt steht er für eine unflätige Beschimpfung, das „machte das Ganze umso einprägsamer“. Wie ein Kind habe sich der Mittelfeldspieler damals benommen, inzwischen haben sich beide längst ausgesprochen.

Dass der Trainer Trapattoni zu Wutausbrüchen neigte, mussten die Bayern schon in dessen erster Amtszeit 1994/95 erleben. Nach der Niederlage im Supercup gegen Bremen gleich im ersten Pflichtspiel hätten die Wände gezittert, „so sehr brüllte ich herum“. Und auch später in Irland („The cat is in the sack“) oder Salzburg („Wer kann nicht sprechen, der schreiben“) kam es zu slapstikartiger Sprachakrobatik. Im März 1998 wollte er sogar noch einmal zurück in den Presseraum, nachlegen. Hörwick schloss ihn in der Trainerkabine ein und flunkerte, die Pressemeute sei schon weg. Inzwischen, sagt Trapattoni (78), der nach fast 40 Trainerjahren mit über 20 Titeln seinen Ruhestand genießt, amüsiere er sich über den Ausbruch, der „eine Legende wurde“, wie er schreibt. Mit dem Satz von der leeren Flasche warb er für ein Sprudler-System, verdiente gut.

Und „ich habe fertig“? wurde darüber hinaus in einen Band mit historischen Zitaten aufgenommen, schreibt er stolz. „Dort steht es nun neben Zitaten wie ‚I have a dream‘ von Martin Luther King, um nur eines zu nennen. Nicht schlecht.“ (sid)

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