Kulturkampf um Kunstmuseum spitzt sich zu

Brüssel

Riesiger Baukomplex : die Königlichen Museen der Schönen Künste. | Foto: Photo News

Brüssel besitzt seit über fünf Jahren kein Museum für moderne und zeitgenössische Kunst mehr. Daran scheint sich sobald nichts zu ändern. Gekämpft wird mit allen Mitteln.

Von Sabine Glaubitz

An Museen fehlt es in Brüssel nicht. Fans von Asterix und Tim und Struppi werden mit dem Comiczentrum bedient, Designliebhaber mit dem ADAM. Nach einem staatlichen Museum für moderne und zeitgenössische Kunst sucht man in unserer Hauptstadt seit 2011 jedoch vergeblich. Es musste dem am 6. Dezember 2013 eröffneten Museum „Fin-de-Siècle“ weichen, das Werke aus der Glanzzeit Brüssels als Jugendstil-Metropole vereint. Seitdem schlummert der Großteil der staatlichen Sammlung des 20. und 21. Jahrhunderts im Depot.

„Es ist höchste Zeit, dass die Staatsbürger dieses Landes und Europas wieder in den Genuss der Sammlungen moderner und zeitgenössischer Kunst kommen“, fordert die Vereinigung „Musée sans musée“ auf ihrer Internetseite. Das Kollektiv aus Künstlern und Kulturschaffenden ist 2011 entstanden. Seitdem protestiert es mit Petitionen und Protestmärschen gegen die Schließung.

Bis Anfang Februar 2011 befand sich das staatliche Museum für moderne und zeitgenössische Kunst in dem riesigen Baukomplex der Musées royaux des Beaux-Arts de Belgique, den Königlichen Museen der Schönen Künste, an der rue de la Régence (in der Nähe des Königspalastes). In ihm werden die rund 20.000 Werke umfassenden Gemälde- und Skulpturensammlungen des belgischen Staates in verschiedenen Museen aufbewahrt und präsentiert. Neben dem Museum für Alte Kunst hat dort auch das René Magritte-Museum seine Adresse.

Er habe eine Museumsmeile schaffen wollen, sagte Michel Draguet der Deutschen Presse-Agentur. Die Gründung des „Fin-de-Siècle“-Museums sei der erste Schritt gewesen, der zweite hätte die Wiedereröffnung des Museums für moderne und zeitgenössische Kunst sein sollen. Draguet ist seit 1989 Direktor der Königlichen Museen. Auf ihn geht auch die Schaffung des Magritte-Museums im Jahr 2009 zurück. Alles sei genau geplant gewesen, rechtfertigt sich Draguet. Das Museum sollte in das Gebäude Vanderborght unweit des Grand’Place ziehen. Das Projekt fand die Zustimmung der Stadt Brüssel und der damaligen Regierung. Die einen wollten das Gebäude zur Verfügung stellen, die anderen die im Depot aufbewahrte Sammlung des belgischen Staates.

Großteil der staatlichen Sammlung des 20. und 21. Jahrhunderts schlummert im Depot.

Ein Museum für moderne und zeitgenössische Kunst sei für die kulturelle Attraktivität und den Tourismus in Brüssel unerlässlich, verkündete im März 2014 die Kulturschöffin der Stadt Brüssel, Karine Lalieux (PS), noch zuversichtlich. Doch im Mai 2014 fanden Parlamentswahlen statt, föderal kam eine Mitte-rechts-Regierung an die Macht. Mit dem Regierungswechsel platzte auch das Projekt. Denn Elke Sleurs, Staatssekretärin für Wissenschaftspolitik und Großstädte und Politikerin der nationalistischen Partei N-VA, sprach sich gegen den geplanten Umzug der staatlichen Sammlung aus. Damit blieb die Stadt Brüssel auf einem für vier Millionen Euro gekauften Gebäude sitzen – und die Sammlung weiterhin im Keller.

„Darf man noch an ein großes Museum glauben?“ fragten sich Inlandsmedien, als auf einmal die Region Brüssel mit einem neuen Projekt auftauchte. Die Region hatte für mehr als 20 Millionen Euro die rund 40 000 Quadratmeter große „Garage Citroën“ erworben, mit dem Ziel, aus den Werkstätten des französischen Automobilherstellers Citroën ein Kunstzentrum zu machen. Eine Garage sei kein Museum, schloss Sleurs die Debatte. Die Staatssekretärin will, dass das Museum wieder dorthin zurück geht, wo es ursprünglich war: im Gebäudekomplex der Musées royaux des Beaux-Arts.

In dem Ciroën-Gebäude wird nun das Pariser Centre Pompidou bis spätestens 2020 seine neue Dependance eröffnen. Das Abkommen zwischen dem französischen Museum – es besitzt rund 120.000 Werke aus den Jahren zwischen 1905 und 2016 – und der Region Brüssel wurde vor Kurzem unterschrieben.

Er könne der Region zu diesem Projekt nur gratulieren, erklärte Draguet. Was nun mit den belgischen Surrealisten und den anderen Künstlern des 20. und 21. Jahrhunderts passiere? Diese Frage sei offensichtlich zu einem Kulturkampf geworden, antwortete der Kunsthistoriker. Laut Informationen der Tageszeitung „L’Echo“ will Draguet nun gerichtlich gegen Sleurs vorgehen. Er soll wegen Behinderung der Amtsausübung Anzeige erstattet haben. (dpa)

Michael Draguet, Direktor der Königlichen Museen der Schönen Künste. | Foto: dpa

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