Pur-Sänger Hartmut Engler: „Wir tun schließlich niemandem weh“

Musik

Pur-Sänger Hartmut Engler: „Wir versuchen positive Energie an die Menschen abzugeben.“ | Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Pur veröffentlichen dieser Tage ihr mittlerweile 16. Studio-Album. Auf „Zwischen den Welten“ geht es um Toleranz, Interesse und Respekt für das uns Fremde. Sänger Hartmut Engler erklärt im Interview auch, warum Pur keine Band ist, die provozieren will.

Hartmut Engler sitzt in seinem Wohnzimmer, schaut aus dem Fenster und wartet auf die „täglichen Sympathie-Bekundungen“ seiner Katze. Auf seinem Sofa kam ihm auch die Idee zum neuen Pur-Album „Zwischen den Welten“. Wie gewohnt verpacken die Schwaben berührende Geschichten in emotionale Songs. Einige Lieder sind auch stark von Englers Interesse am Buddhismus geprägt, wie er im Interview der Deutschen Presse-Agentur erzählt.

Das Vorgänger-Album stand im Zeichen von Achtung und Respekt. Wie kann man „Zwischen den Welten“ einordnen?

Ich saß auf meinem Sofa und habe daran gedacht, dass wir in drei Wochen vor 65.000 Leuten in der Arena Auf Schalke spielen. Da kam mir die Idee: Ich bin ein Wandler zwischen den Welten. In diesem Fall zwischen Wohnstube und Stadion. In dem Lied heißt es: Zweifel und Gewissheit, Zögern und Entschlossenheit, Bettler und Millionär – also alles Kontraste, die sich gegenüber stehen. Im Prinzip ist es für jeden Menschen wahnsinnig wichtig, über seinen Tellerrand hinauszuschauen und andere Perspektiven im Leben zu haben. Ich hatte das Glück, durch die Musik ganz viele verschiedene Facetten kennenlernen zu dürfen. Politisch betrachtet können wir die Grenzen dicht machen und sagen: Wir sind satt, uns geht es gut. Die Anderen interessieren uns nicht. Wir können aber teilen. Wir sind 82 Millionen Deutsche gegenüber einer Million Flüchtlingen. Das sind 82 Menschen, die sich um einen kümmern müssten. Das sollte doch drin sein.

Sind Pur eigentlich für das Konzert gegen Rechts in Chemnitz angesprochen worden?

Bands wie Kraftclub oder die Toten Hosen haben immer miteinander zu tun. Allein schon durch das Management. Da sind wir außen vor. In Bietigheim-Bissingen sind wir weit ab vom Schuss. Die Großstädter sind da besser vernetzt. Wenn wir gefragt worden wären, hätten wir zugesagt. Wir haben Songs, die zu diesem Thema gut funktionieren.

In „Zwischen den Welten“ geht es doch sicherlich auch um Toleranz gegenüber anderen Kulturen und Religionen?

Ja natürlich. Es geht darum, eine andere Perspektive einzunehmen und sich für Anderes zu interessieren. Und nicht einfach zu sagen, was die Anderen glauben, ist bescheuert. Ich setze mich schon länger mit der buddhistischen Philosophie auseinander. Diese Lehren auf unser westliches Leben anzuwenden, ist sehr erfrischend. Wenn man zum Beispiel im Stau steht und sich aufregt, geht das Ego in ein höheres Bewusstsein über. Man lacht dann über sich selbst, warum man sich über etwas aufregt, das man nicht ändern kann. Im Buddhismus geht es auch darum, die Gedanken zur Ruhe zu bringen, sich im Hier und Jetzt auf Achtsamkeit zu konzentrieren.

Seit wann und warum beschäftigen Sie sich mit dem Buddhismus?

Wie der großen Zeitung mit den vier Buchstaben zu entnehmen war, hatte ich 2008 eine Lebenskrise. In dieser Zeit hat mir ein Freund ein paar Bücher gegeben. Die Lektüre hat mir wahnsinnig viel gegeben. Ich hatte plötzlich das Gefühl, ein Licht zu sehen, das vorher nicht da war. Es gibt mir die Möglichkeit, mich zwischen dem ganzen Terminstress zu entspannen. Ich habe auch Meditation für mich entdeckt. Das grenzt mein Lampenfieber unheimlich ein. Früher hatte ich vier Tage vor einem Auftritt wahnsinniges Lampenfieber.

Welche Bedeutung haben Ihre Bandkollegen für Sie?

Wir sind die älteste Schülerband Deutschlands und auch die erfolgreichste. Wir kennen uns unglaublich gut und stehen uns bei. Wenn bei einem die Krise ausbricht, sind die anderen da. Wir können uns unheimlich gut gegenseitig einschätzen und wissen, wie es dem anderen geht. Wir drücken nicht den Knopf, von dem wir wissen, dass der andere dann hoch geht. Wir streicheln uns dort, wo es gut tut. Wir haben untereinander eine Freundschaft, die unzerstörbar ist.

Das Lied „Freund und Bruder“ ist dem an Krebs erkrankten Keyboarder Ingo Reidl gewidmet.

Er hat den Song mit komponiert. Das ist der Hammer, das einer, den ich seit meinem 15. Lebensjahr kenne, so schwer erkrankt ist. Er ist jetzt selbst an die Öffentlichkeit gegangen und hat mitgeteilt, wie es ihm geht. Es sieht leider nicht so gut aus.

Warum polarisieren Pur, ohne provokant zu sein?

Als wir zu Abenteuerland-Zeiten wahnsinnig erfolgreich waren, sah ich merkwürdig aus: übergewichtig, mit blonder Locke und großem Ohrring. Diese Merkmale habe ich abgeschafft. Seitdem, würde ich sagen, hat die Kritik stark nachgelassen. Ich würde auch nicht sagen, unsere Fans lieben und die anderen Leute hassen uns. Uns hasst niemand, wir tun schließlich niemanden weh. Wir versuchen positive Energie an die Menschen abzugeben. Jeder, der aus einem Pur-Konzert herauskommt, fühlt sich zwei Wochen lang positiv energetisch aufgeladen. Wir haben keine Tabu-Themen. Bei uns gibt es nicht nur Perlen und funkelnde Augen. Wir sind sehr vielschichtig unterwegs. Die Leute goutieren das.

Hat es Sie nie gejuckt, mit einem Text mal richtig anzuecken oder Ihrer Wut freien Lauf zu lassen?

Buddhistisch betrachtet, nimmt einem Hass und Wut unheimlich viel Energie weg. Natürlich ist in meinem Leben nicht alles toll verlaufen. Ich bin aber nicht von Hass und Wut geleitet. Wenn ich auf der Bühne stehe, möchte ich nicht, dass sich die Leute beim Pogo-Tanzen die Ellbogen in die Rippen hauen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte beachten Sie unsere Netiquette, wenn Sie den Artikel kommentieren möchten.