Der deutsche Aktienmarkt – eine Geschichte in Superlativen

Börsen

Die Deutsche Börse ordnet ihre Index-Gruppen neu. Demnach entfällt künftig die Trennung zwischen Tech-Werten und traditionellen Industriefirmen. Illustrationsbild: dpa

Die Deutschen gelten als Aktien-Muffel. Doch es gab Zeiten, in denen auch das breite Publikum an der Börse eifrig handelte. Eine wichtige Rolle spielten Tech-Firmen. Nun hebt die Deutsche Börse die Trennung zu klassischen Branchen auf. Die Historie verlief nicht ohne Crashs.

Kurz nach dem 30. Geburtstag des Dax ordnet die Deutsche Börse im September ihre Index-Gruppen neu. Die aus der Zeit gefallene Trennung zwischen Tech-Werten und traditionellen Industriefirmen entfällt.

TecDax-Unternehmen können dann nicht nur wie bisher in den Leitindex Dax aufsteigen. Ihnen stehen künftig auch der Index der mittelgroßen Werte, der MDax, und der SDax für Unternehmen aus der „dritten Reihe“ offen. Nachstehend die wichtigsten Etappen der deutschen Aktienmarkt-Geschichte der vergangenen drei Jahrzehnte.

Die folgenreichste Werbung: Weitgehend unbemerkt vom Normalbürger wurde im Juli 1988 der Dax als offizieller Aktienindex der deutschen Wertpapierbörsen aus der Taufe gehoben. In den Fokus rückte er aber erst rund acht Jahre später mit dem Börsengang des Staatsunternehmens Deutsche Telekom. Eine riesige Werbeaktion mit Schauspieler Manfred Krug machte die T-Aktie bekannt. Sie wurde zur „Volksaktie“ und damit aus den Deutschen – zumindest für ein paar kurze Jahre – auch ein Volk von Aktionären.

Die größte Blase: Die späten 1990er Jahre waren die Boomphase der Dotcom-Unternehmen. So ziemlich alles, was an der Börse mit Telekom und dem Internet zu tun hatte, wurde gekauft. Der Begriff „New Economy“ wurde geprägt, Firmen aus Technologie, Medien und Telekommunikation (TMT) wurden die höchsten Wachstumsaussichten attestiert. Ihre Bewertungen erreichten schwindelerregende Höhen, die mit normalen Maßstäben klassischer Branchen nicht mehr vergleichbar waren. Die Deutsche Börse schuf das Segment „Neuer Markt“ und schließlich auch die Nemax-Indizes. Binnen nicht einmal eines Jahres – bis zum März 2000 – konnte der Nemax 50 seinen Wert nahezu verzehnfachen. Dann platze die Blase.

Der schlimmste Einbruch: Unerfüllbare Gewinnerwartungen und oft kaum materieller Gegenwert hinter den Marktbewertungen führten zum großen Dotcom-Crash. Der Börsenwert der knapp 300 Firmen im „Nemax All Share“ von bis zu rund 235 Milliarden Euro schmolz bis Ende September 2002 auf unter 30 Milliarden Euro zusammen. Auch Standardwerte blieben nicht verschont. Der Dax brach zwischen März 2000 und März 2003 um fast 75 Prozent ein. Die Kleinanleger waren Hauptleidtragende der Kapitalvernichtung.

Die längste Aufwärtsphase im Dax: Die durch überbordende Immobilien-Spekulationen und die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers ausgelöste Wirtschaftskrise 2007/08 führte zum nächsten Crash. Der Dax hatte sich gerade erst vom Jahr 2003 erholt und büßte nun bis 2009 schon wieder mehr als die Hälfte an Wert ein. Dann aber begann auch dank des Billiggeldes, das die Notenbanken zur Stabilisierung der Wirtschaft in die Märkte pumpten, eine bis heute ungebrochene Rally. Mangels rentabler Alternativen steckten Investoren viel Geld in Aktien. 2013 schaffte es der Dax über die alte Bestmarke. Abgesehen von kleinen Rückschlägen folgte Rekord auf Rekord. Der aktuelle von knapp 13.600 Punkten wurde im Januar erreicht – seit dem Tief 2009 ein Plus von fast 280 Prozent.

Die beeindruckendste Aktienkurs-Rally: Die wohl irrwitzigste Kursrally erlebten Börsianer im Jahr 2008, als die Stammaktie von Volkswagen in nur zwei Tagen von 360 Euro bis auf 1.005 Euro hochschoss. Der Wolfsburger Autobauer wurde für 24 Stunden zum damals teuersten Unternehmen der Welt. Grund: Porsche hatte sich fast eine Dreiviertel-Mehrheit an VW gesichert. Rechnet man die 20-Prozent-Beteiligung Niedersachsens hinzu, gab es kaum noch frei handelbare Papiere auf dem Markt. Leerverkäufer, die auf fallende Kurse setzen und sich bei Anstiegen eindecken müssen, um nicht in Schieflage zu geraten, überboten sich beim Rennen um die wenigen verfügbaren Anteile. Der Kursspuk währte jedoch nicht lange. Schon eine Woche später notierte die VW-Aktie wieder auf dem alten Niveau.

Die beständigsten Dax-Unternehmen: Von den 30 heutigen Dax-Unternehmen ist laut der Deutschen Börse die Hälfte seit Beginn dabei. Während etwa der Maschinenbauer Deutsche Babcock oder der Warenhauskonzern Karstadt Pleite gingen, Mannesmann, Nixdorf oder Schering übernommen wurden, sind diese 15 noch drin: der Versicherer Allianz, die Chemieriesen BASF/Bayer, der Nivea-Konzern Beiersdorf, die Autobauer BMW, Daimler und VW sowie die Deutsche Bank und die Commerzbank. Außerdem sind die Lufthansa, die Versorger Eon und RWE, der Industriegase-Hersteller Linde und die Industriekonzerne Siemens und Thyssenkrupp Dax-Mitglieder der ersten Stunde.

Der am besten gelaufene Index der Dax-Familie: Das ist der MDax. Der zweitwichtigste deutsche Index mit aktuell insgesamt 50 Unternehmen aus den traditionellen Industriebranchen wurde 1996 von der Deutschen Börse geschaffen. Wie der Dax wurde auch er auf 1.000 Punkte per Ende Dezember 1987 zurückgerechnet, legte aber bis heute um mehr als 2.500 Prozent zu – während der deutsche Leitindex Dax im selben Zeitraum um ungefähr 1.200 Prozent stieg.

Die bislang radikalste Neuordnung: Eine erste größere Neuordnung ihrer Indizes nahm die Deutsche Börse im März 2003 vor, als sie den TecDax als Nachfolger des durch Insidergeschäfte und Bilanzfälschungen in Verruf geratenen Nemax 50 einführte. Zugleich verkleinerte der Marktbetreiber den MDax von 70 auf 50 und halbierte auch die Zahl der 100 Unternehmen im darunter liegenden SDax. Der „Small-Cap-Index“ ist seither der Auswahlindex für diejenigen 50 Werte, die den MDax-Aktien nach Börsenwert und Börsenumsatz folgen. Der Dax 30 blieb von den Änderungen unberührt. (dpa)

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