Schnaps auf der Hütte, Bier in der Kirche

Willingen

Ein DJ legt im Brauhaus in Willingen (Hessen) auf. Tausende reisen jedes Wochenende in den kleinen Ort im Sauerland für eine feucht-fröhliche Sause. | Foto: Göran Gehlen/dpa

Tausende reisen jedes Wochenende in den kleinen Ort Willingen im Sauerland für eine feucht-fröhliche Sause. Doch trotz seines Rufs hat der Ort die Balance zwischen Partyexzess und Erholungstourismus gefunden.

Von Göran Gehlen

„Wer nach Willingen kommt, muss in die Kirche“, heißt eine Regel im nordwestlichsten Zipfel Hessens. Die „Kirche“ in dem 6.000-Einwohner-Dorf direkt an der Grenze zu Nordrhein-Westfalen war wirklich ein Gotteshaus. Heute heißt sie aber Don Camillo, ist ein Restaurant und wirbt mit dem Slogan „Verdammt gut“. Wer will, kann dort essen, ein Bier unter der Kirchenkanzel trinken oder im Discolicht tanzen. Don Camillo ist ein guter Einstieg in die verrückte Party-Parallelwelt von Willingen. Viele Gäste hier kommen aus NRW, etwa aus dem Ruhrgebiet.

Die Gemeinde im Sauerland hat einen Ruf, der bis ins Ausland reicht. Sie ist berühmt als Wintersportort, beliebt bei Wanderern und Mountainbikern. Berüchtigt ist Willingen für das Nachtleben und als Reiseziel für Junggesellenabschiede und Clubs.

Partytourismus wird akzeptiert

Gefeiert wird schon am Morgen. Mit der Seilbahn geht es auf Siggis Hütte auf dem Ettelsberg. In 838 Metern gibt es das berühmte brennende Feuerwasser und Erbsensuppe im Glas. Am Nachmittag verlagert sich die Party ins Tal. Es ist lustig, laut und kann auch mal peinlich sein. Touristengruppen mit T-Shirt-Aufschriften wie „Immer voll, der Klügere kippt nach“ haben dem Ort Bezeichnungen wie „Ballermann im Sauerland“ eingebracht.

Den Vergleich mit Mallorca lehnen die Willinger ab. Der Partytourismus ist aber akzeptiert: „Wenn sich viele Menschen an einem Platz treffen, passieren schöne Dinge – und nicht so schöne“, sagt Karl Leyhe von der Werbegemeinschaft „Meine Gastronomie Willingen“. Partytourimus sei eines der Standbeine, „die wir gut bedienen und bedienen müssen“.

Dass Willingen gelegentlich darauf reduziert wird, sei logisch: „Es wird nichts so in die Welt getragen wie eine gute Party“, sagt Arndt Brüne, Betreiber der Graf Stolberg Hütte. Facebook, Instagram, die sozialen Netzwerke befeuern die Legende von Wilingen.

Gegen 21.00 Uhr ist samstags Betriebstemperatur erreicht. Im Bistro Vis á Vis tanzen die Jüngeren zu Culture Beat, im Leo älteres Publikum zu Deutschpop. Schlager gibt es überall. Wer zur Toilette will, steckt auch mal ein paar Minuten in der feiernden Masse fest. Mitwippen ist angesagt, Widerstand zwecklos.

Belgier zählen zu den regelmäßigen Gästen

Saison ist in Willingen quasi immer. Der Samstag gilt als Partytag. Und wenn in den Niederlanden im Frühjahr Krokusferien sind, dann sei durchaus drei Wochen lang jeden Tag Samstag, sagt Brüne. Die Niederländer machen neben den Deutschen und Belgiern eine große Zahl der Gäste aus. Der Ort mit seinen 10.000 Betten stoße dann an Kapazitätsgrenzen. In diesem Jahr wird ein neuer Rekord erwartet: Man rechne mit 1,1 Millionen Übernachtungen, erklärt die Werbegemeinschaft. Inklusive kleinerer Herbergen sollen es sogar 1,3 Millionen werden.

„Vor 100 Jahren war Waldeck das Armenhaus Hessens, und Willingen das Armenhaus Waldecks“, sagt Leyhe. Heute ist das anders. Der Mini-Ort hat eine Infrastruktur, die Städte im Umland vor Neid erblassen lässt. Es gibt 3-D-Kino, Erlebnisbad, Sommerrodelbahn, Eishalle, Kartbahn, Ärzte, Shopping-Möglichkeiten. Eine Hängebrücke über den Diemelsee ist in Planung, eine neue Sportanlage wird gebaut.

Das trage zur Akzeptanz in der Bevölkerung bei, sagt Bürgermeister Thomas Trachte „Der Wochenendtourismus ist eines der vielen Angebote unseres Ortes, und wir wissen, dass wir davon leben.“ Ganz ohne Probleme laufe das natürlich nicht ab. Aber für die Lösung zögen Gastronomen, Gemeinde und Bevölkerung an einem Strang.

Daher sucht man manche Dinge in Willingen vergebens: Go-go-Girls zum Beispiel gebe es nicht, so der Gewerbeverein. Vom kommenden Jahr an sind Fußballtrikots in Discos und Restaurants verboten. Junggesellenabschiede mit bunten Kostümen sind schon länger tabu.

Die Kombination aus Party mit einem gewissen Grundniveau funktioniert offenbar. Selbst Neulinge im Willinger Nachtleben fühlen sich wohl. „Ich war schon als Kind in Willingen“, sagt Steffi Menne aus Nordrhein-Westfalen.

Dass Willingen seiner Legende gerecht wird, bestätigt Rüdiger Konz von Partyreisen Deutschland. Der Reiseveranstalter hat sich auf diese Art des Tourismus spezialisiert. „Willingen ist heftig“, sagt er bewundernd über das Partyleben dort. Trotz der Menschenmassen gebe es aber kaum Probleme.

Die Nachfrage nach Willingen sei riesengroß. Der Ort sei sicher kein „Ballermann im Sauerland“. In einem Punkt sei der Vergleich aber korrekt: „Von der Musik her läuft da das Gleiche.“ (dpa)

Hier ist immer Saison. | Foto: Uwe Zucchi/dpa
In der umgebauten Kirche hängt eine Kanzel an der Wand. | Foto: Göran Gehlen/dpa

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