Klöster und Kakaobohnen – Radwandern entlang der Elbe

Tschechien

Im Sattel durch Tschechien: Radfahrer auf dem Elberadweg in Decin. | Foto: Petr Polak/CzechTourism

Der Elberadweg ist in Deutschland ein beliebter Radfernweg. Lohnenswert ist aber auch das tschechische Teilstück der Route. 234 Kilometer mit dem Fahrrad oder E-Bike am Wasser entlang.

Von Michael Juhran

Das Grün der Elbauen, barocke Stadtarchitektur, die Basaltfelsen des Böhmischen Mittelgebirges: Der tschechische Teil des beliebten Elberadwegs verspricht viele Höhepunkte. Leider regnet es am Anfang der Tour in Strömen. Tourguide Sven Czastka schlägt deshalb vor, den ersten Abschnitt der Mehrtagesroute von der Elbquelle bei Spindlermühle im Riesengebirge bis nach Kuks zu überspringen. „Es kann ja wohl nicht fünf Tage am Stück regnen“, sagt er.

Zumindest in Kuks bleibt das Wetter aber schlecht. Bevor die ersten Kilometer auf dem Elberadweg gemacht sind, geht es also erst einmal in das barocke Kloster, das einst ein Hospital für bedürftige Männer war und aufwendig renoviert wurde. Zu sehen gibt es Wandgemälde und Skulpturen aus dem 17. Jahrhundert. In den Wandelgängen und in der Dreifaltigkeitskirche versinnbildlichten Maler und Steinmetze in ihren Kunstwerken die menschlichen Tugenden und Laster. Damit sollten damals die Mönche und Verwundete aus den Türkenkriegen dazu angehalten werden, sich ihrem Schicksal zu fügen.

Demut ist auch auf dem Elberadweg gefragt: Dicke Tropfen prasseln auf den Asphalt. Nach 38 Kilometern sind die Finger in Hradec Kralove klamm. Glücklicherweise hat Jiri Stejskal in dem Ort vor sechs Jahren seine Chocolaterie „Jordi’s chocolate“ eröffnet. Er begrüßt durchnässte Radler mit Chili-Schokolade und Rum, der den Körper wärmt. Radfahrer kommen besonders wegen der leckeren selbstgerösteten Kakaobohnen zu Jiri – ein guter Bikersnack. Die letzten Kilometer bis Pardubice lassen sich mit dem Zug abkürzen. Und dort warten Gulasch mit Knödeln und ein Bier. Auch nicht verkehrt.

Die Idee für den tschechischen Teil des Elberadwegs wurde 2008 bei einer Konferenz in Prag ins Leben gerufen, man arbeitete eng mit deutschen Partnern zusammen. 2012 erschien ein erstes gemeinsames Handbuch zum Elberadweg. Inzwischen sind 167 von 370 Kilometern in Tschechien als fester Radweg ausgebaut.

Am nächsten Morgen ist der Himmel zwar noch grau, aber er hat seine Schleusen geschlossen. Zeit für einen Abstecher zur Pferderennbahn von Pardubice. Dort tragen gerade Einspänner mit sportlichen Kutschen einen Wettkampf aus. Einige Kilometer weiter führt die Route am Nationalgestüt von Kladruby vorbei. Mit wehenden Mähnen tollen leichtfüßige Altkladruber auf den sattgrünen Koppeln – eine der ältesten europäischen Pferderassen, die wegen ihres ausgeglichenen Charakters gerne bei Zeremonien an Königshöfen eingesetzt werden.

Weiter geht es jedoch im Sattel des Elektro-Fahrrads. Das Tagesziel ist Kutna Hora. Die Stadt liegt etwas abseits der Elbe, aber der Umweg lohnt sich. Silber machte Kutna Hora Ende des 13. Jahrhunderts zu einer der reichsten Städte Böhmens. Heute gehört die Altstadt zum Welterbe der Unesco, und der Dom der heiligen Barbara versetzt Besucher mit seiner Architektur ins Staunen. Stolz aufragende Kirchen, sorgsam renovierte Barockgebäude, der Welsche Hof als einstige Münzprägestätte, die Reste der Burganlage und ein beeindruckendes Jesuitenkolleg machen aus der Stadt ein Freilichtmuseum. Hier kommt auch die Sonne heraus und setzt die Fassaden kunstvoll vor einem dunklen Himmel in Szene.

Befremdlich wird es am folgenden Morgen im Beinhaus im Stadtteil Sedlec. Knochen und Schädel von 40.000 Menschen verarbeiteten Holzschnitzer in der Allerheiligen-Friedhofskirche zu Leuchtern und Wappen – ein durchaus grausiger Ort. Auf dem Weg über Brandys nad Labem nach Melnik geht es in Stara Boleslav an der Basilika vorbei, an deren Pforte einst Wenzel, der tschechische Nationalheilige, von seinem Bruder ermordet worden sein soll. Hinter Kostelec folgt ein steiniger, holpriger Weg. In den schmalen Fahrrinnen erweist sich das schwere und damit nicht sehr wendige E-Bike als unvorteilhaft. Bald kann man auf die Landstraße ausweichen. Nach etwa 70 Kilometern ist Melnik erreicht, das eine schöne Innenstadt und einen tollen Blick auf den Zusammenfluss von Elbe und Moldau bietet.

Am nächsten Morgen vertreibt die Sonne den Elbe-Nebel schnell. Nächstes Ziel: die größte Ostereiergalerie Tschechiens in Libotenice mit unzähligen gewachsten, gebatikten, gekratzten und mit Stroh beklebten Eiern in allen Farben.

Weiter nach Terezin, bekannter unter dem einstigen deutschen Namen: Theresienstadt. Die Nationalsozialisten machten die Stadt zu einem Konzentrationslager für die Juden Böhmens und Mährens. Von rund 141.000 in Theresienstadt internierten Juden überlebten nur rund 19.000. Mehr als 33.000 Menschen starben dort, etwa 88.000 wurden deportiert und meist in anderen Lagern getötet.

Kurz hinter der Stadt beginnt der schönste Abschnitt der Radtour. An den Ausläufern des böhmischen Mittelgebirges geht es erst an Hopfenfelder vorbei und dann zu Weingütern. Vor langer Zeit reihte sich hier ein Vulkankegel an den anderen. Die vulkanische Asche gibt dem Boden noch heute eine besondere Mineralität, die auch dem Wein zugute kommt. Grund genug, um in Velke Zernoseky eine Pause einzulegen – für einen Grauen Burgunder.

Von Cirkvice nach Usti nad Labem geht es mit dem Boot von Ivo Jirousek, der „Marie“. Jirousek ist eigentlich Kfz-Mechaniker und Oldtimer-Sammler. Als er erfuhr, dass die 1908 gebaute „Marie“ in Stücke geschnitten werden sollte, entschloss er sich, das Schiff zu retten und baute kurzerhand einen Traktormotor ein. Per Boot kann die Landschaft nun vom Wasser beobachtet werden. Rechts und links tauchen kleine Ortschaften auf, die von Streuobstwiesen umgeben sind. Hier, hinter der Porta Bohemica, herrscht ein mildes Klima. Der Ort Dolni Zalezly galt einst als das böhmische Meran.

Unterhalb der Schreckensburg in Usti legt das Boot an, um die Radler an Land zu lassen. Jirousek empfiehlt einen Besuch der Burg. Es geht also bergan, dank E-Bike kein Problem. Von oben hat man eine gute Aussicht auf die Industriestadt, die zunächst nicht allzu spannend wirkt. Die Innenstadt präsentiert dann aber eine interessante Mischung aus barocker Architektur, Jugendstil und Plattenbau. Gebäude aus sozialistischen Zeiten warten mit großflächiger Malerei auf, versteckte Restaurants überzeugen mit ihren Speisekarten.

Die letzte Etappe führt über 28 Kilometer von Usti nach Decin, das ein „Mekka für Aktivtouristen“ ist, wie Czastka sagt. Hier geht es sportlich zu: Auf der Elbe sind viele Kajakfahrer und Menschen in Schlauchbooten unterwegs. Mountainbiker und Wanderer zieht es auf die Sandsteinkämme, es gibt auch Klettersteige.

Von Decin aus sind es nur noch wenige Kilometer bis Schmilka auf deutscher Seite. Hier türmen sich die Sandsteinfelsen beiderseits der Elbe auf. Die Natur zeigt sich auf dem letzten Abschnitt dieser 243 Kilometer langen Radtour noch einmal von ihrer schönsten Seite. (dpa)

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Die Altstadt von Kutna Hora gehört zum Unesco-Welterbe – hier der Dom der heiligen Barbara. | Foto: Michael Juhran
Theresienstadt (Terezin) aus der Luft: Die Nationalsozialisten errichteten in der Stadt ein Konzentrationslager. | Foto: Libor Svacek/CzechTourism
In Melnik befindet sich der Zusammenfluss von Elbe und Moldau. | Foto: Libor Svacek/CzechTourism

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