Andros und Tinos: Strände, Marmor und lokale Leckereien

Ägäis

Eiland in der Ägäis: Die Kykladeninsel Andros ist von Athen aus bequem per Fähre zu erreichen. | Foto: Verena Wolff

Andros und Tinos liegen nur wenige Fährstunden von Athen entfernt in der Ägäis. Doch auf beiden Kykladen-Inseln scheint die Zeit auf angenehme Weise stehengeblieben zu sein. Auch mancher Städter genießt das – und hat sich dort eine Existenz aufgebaut.

Von Verena Wolff

Petros Marmarinos beugt sich konzentriert über den weißen Marmorblock, den er an einem Holztisch in einen Schraubstock geklemmt hat. Mit Hammer und Meißel fängt er an, eine feine Linie zu schlagen. Die Marmorstückchen fliegen in alle Richtungen. Immer wieder pustet der Grieche über die Stellen, die er bearbeitet. „Der Staub verdeckt sonst meine Zeichnung“, sagt er. Ein Boot wird aus dem Block entstehen – ein Segelboot aus Marmor. Es wird aussehen wie aus einem Papierquadrat gefaltet.

Marmarinos ist einer von zahlreichen Bildhauern in Pyrgos, einem Dorf im Nordwesten der Kykladen-Insel Tinos. Nicht weit von dem Ort mit seinen rund 400 Einwohnern gibt es Marmorbrüche, in denen weißer und grauer Marmor abgebaut werden. „Früher hatten wir auch grünen Marmor an einer anderen Stelle auf der Insel“, sagt der Künstler. „Aber davon ist nichts mehr übrig.“

Der Marmor bestimmt seit vielen Jahrzehnten das Leben im Dorf. Schon 1955 hat man eine Bildhauerschule in Pyrgos eingerichtet. Viele Menschen finden Arbeit in den Steinbrüchen, andere mit der Kunst. Bei einem Rundgang durchs Dorf sieht man viele detailliert gearbeitete Marmorplatten, die Böden und Häuser zieren.

Marmor war auch der Werkstoff eines großen griechischen Künstlers, der von Tinos stammte: Giannoulis Chalepas. Seine Geschichte klingt nach griechischer Tragödie und ist in seinem Geburtshaus in Pyrgos festgehalten. Er galt als begabter Bildhauer, studierte in Athen und München. Dann allerdings verliebte er sich unglücklich, durfte nicht heiraten – und landete schließlich in einer Psychiatrie, eingewiesen von den Eltern. Später lebte er wieder in seinem Dorf, unter den strengen Augen der Mutter, die jede Art von Kunst verbot – offenbar aus Angst, der Sohn könnte wieder verrückt werden.

Erst als Vater und Mutter tot waren und der Bildhauer schon das stolze Alter von 65 Jahren erreicht hatte, wurde Chalepas wieder künstlerisch tätig. 115 Skulpturen existieren heute, heißt es in der Tinos Cultural Foundation, in der zahlreiche Werke zu sehen sind.

Doch wer nach Tinos kommt, kann noch viel mehr erleben als Marmorbüsten und Skulpturen. Denn die Insel hat genauso wie das benachbarte Andros eine bewegte Vergangenheit. Die Venezianer herrschten lange auf beiden Inseln, die so etwas wie ein Garten für die italienischen Fürstenfamilien waren – Landwirtschaft und Gemüseanbau haben hier eine lange Geschichte. Die Dörfer auf Andros und Tinos sind überwiegend in die Berge gebaut, man wollte nicht zum Opfer von Piraten in der Ägäis werden.

In Tripotamos ist noch heute bestens zu sehen, wie die Tinoten versuchten, den Seeräubern ein Schnippchen zu schlagen. Denn neben den ohnehin schon engen Gassen, die sich um die weißen Häuser herumschlängeln, gibt es Gänge, die ins Nichts führen. „Die Einwohner sind über die Dächer von einem Haus zum anderen gegangen“, erzählt Sofia Passa. Ihre Mutter Ourania Diamantopoulou, eine Architektin, hat über viele Jahre hinweg verfallene Häuser in dem Dorf zu einzigartigen Hotelzimmern umgebaut – jedes ganz anders und so in den 40-Einwohner-Ort eingepasst, dass sie nur durch ihre hellgrün gestrichenen Türen auffallen. „Crossroads Inn“ heißen die Unterkünfte, weil sich hier die Wege vieler Menschen kreuzen.

Passa, eine promovierte Geologin mit fester Stelle an der Universität, ist der Mutter auf die Insel gefolgt. „Tinos ist ein ganz besonderer Ort, hier will ich leben“, sagt sie. Fernab vom Stress der Großstadt. Und da ist sie nicht die Einzige: Es gibt viele junge Leute, die zurückkommen und sich eine Existenz aufbauen. Mancher eröffnet ein Restaurant und kocht nur mit dem, was die Insel hergibt. Oder erzeugt selber Lebensmittel: Käse, Wein, Schnaps oder Louza, den traditionellen Schinken. Viele Gastronomen haben sich zu den „Food Paths“ zusammengeschlossen und halten einmal im Jahr ein Festival auf der ganzen Insel ab. Jeder kocht etwas, Touristen wie Einheimische können die Köstlichkeiten probieren.

Auch auf Andros sind lokale Küche und heimische Produkte auf den Speisekarten vieler Restaurants und Tavernen zu finden. „Das war nicht immer so“, erzählt Katerina Remoundou. „Als ich vor einigen Jahren an die Türen eines Bauern klopfte, um seine Kürbisse zu kaufen, sagte er: Womit soll ich dann die Schweine füttern?“ In Athen hat sich Remoundou als Restaurant-Kritikerin einen Namen gemacht, heute kocht sie selbst für ihre Gäste. Mit dem, was ihr Garten hergibt und was die Bauern auf der Insel produzieren. „Wir haben viele Quellen, darum sind große Teile der Insel das ganze Jahr über grün, und das Wasser für die Felder war immer da“, erzählt Ariana Masselou, die Athen ebenfalls den Rücken gekehrt und sich wieder auf ihrer Insel angesiedelt hat – mit einem kleinen Unternehmen für Trekking und Yoga.

Andere sind nie weggegangen und tun sich nun zusammen, um die Traditionen ihrer Vorväter wiederzubeleben. So wie Yannis, der allein zwischen den zahlreichen Terassenfeldern in Plaka seine Bienenstöcke bearbeitet. Oder die Kooperative von Frauen in Batsi, die kleine Kuchen und Süßigkeiten herstellen. In Chora, dem Hauptort von Andros, werden in einer Kooperative Seifen hergestellt, die nach den Düften der Insel riechen: Zitrone und Orange, Rosen und Lavendel, wilde Kräuter. Katerina Remoundou kommt heute einfacher an die Zutaten für ihr Restaurant, das sie zu Ehren ihres Großvaters „Zozef’s“ genannt hat. Es kommt eher wie ein gemütliches Wohnzimmer als eine straff durchorganisierte Gaststätte daher.

Überhaupt, die Frauen auf beiden Inseln: Auf Andros lagen die Geschäfte jahrzehntelang in ihren Händen, denn die Männer fuhren zur See – sie waren Kapitäne und Reeder und teils jahrelang nicht daheim. Auf Tinos findet man viele ältere Damen, die fließend Französisch sprechen und auch sonst hochgebildet sind. Sie sind vor vielen Jahren bei der Ordensgemeinschaft der Ursulinen in Loutra in die Schule gegangen, die schon 1862 von einer gewissen Mary-Anne Leaves gegründet wurde. Nur Mädchen wurde hier unterrichtet. Selbst betuchte Persönlichkeiten aus dem Ausland schickten die Töchter nach Tinos – die Ausbildung hatte einen hervorragenden Ruf. Heute ist das ehemalige Schulhaus ein Museum, es gibt private Führungen.

Viel Geschichte hat auch Volax zu bieten, das einstige Dorf der Korbmacher, von denen allerdings nur noch wenige übrig geblieben sind. Heute kommen nicht nur Geologen in das kleine Örtchen, das mitten in einer Art Mondlandschaft liegt – Volax heißt auf Griechisch Fels. Die Steine üben eine große Faszination auf Kletterer aus.

Klettern und Schwimmen sind nicht die einzigen Sportarten, die man auf den zwei Kykladeninseln betreiben kann. Denn sowohl Andros als Tinos sind recht hügelig. Sie haben jeweils mehr als 100 Kilometer ausgewiesener und beschilderter Wege, die besonders im Frühjahr und im Herbst zum Wandern einladen. In Andros liegt eine kühle Alternative unter der Erde: die Höhle von Foros mit fünf unterirdischen Räumen, die rund fünf Millionen Jahre alt sind. Stalaktiten, Stalagmiten, Marmor und Sandstein bilden teils bizarre Formationen, wie es sie nur an wenigen anderen Orten auf der Welt gibt. Die Temperatur liegt konstant bei 18 Grad.

Wärmer ist es an den vielen Stränden und Buchten der Inseln. „Manche sind wunderschön, aber nur per Boot zu erreichen“, sagt Ariana Masselou. Für andere braucht man entweder einen Geländewagen oder gute Kondition und Wanderschuhe. Wieder andere sind per Auto erreichbar, dort werden im Sommer auch Liegen und Sonnenschirme aufgestellt. In Beachbars gibt es kühle Getränke und Musik.

Im August wird es voll auf Andros und Tinos. Dann ist in Athen Sommerpause – und die Städter verziehen sich auf die Inseln.

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Laden zum Bummeln und Hinsetzen ein: die Gassen auf der Insel Andros.
Volax auf Tinos ist das Dorf der Korbmacher – allerdings gehen nur noch wenige Einwohner diesem Handwerk nach.

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