Aldi unter Druck: Streiks, Preispolitik und Reformen verschärfen den Wettbewerb

<p>Streikende Beschäftigte vor einer geschlossenen Aldi-Filiale am Freitag in Evergem. Mehrere Supermärkte der Kette blieben wegen Arbeitsniederlegungen geschlossen, nachdem Pläne für mögliche Sonntagsöffnungen für Proteste gesorgt hatten.</p>
Streikende Beschäftigte vor einer geschlossenen Aldi-Filiale am Freitag in Evergem. Mehrere Supermärkte der Kette blieben wegen Arbeitsniederlegungen geschlossen, nachdem Pläne für mögliche Sonntagsöffnungen für Proteste gesorgt hatten. | Foto: belga

Am Samstagmorgen blieben nach Angaben des Unternehmens rund 40 Aldi-Filialen geschlossen, vor allem in Ost- und Westflandern. In anderen Regionen des Landes blieb die Mehrheit der Geschäfte dagegen geöffnet.

Das Video zeigt Proteste vor einer Aldi-Filiale in Evergem.

Worum geht es? Die Proteste stehen im Zusammenhang mit möglichen Sonntagsöffnungen, die derzeit für Unmut sorgen. Bereits am Vortag hatten Beschäftigte in rund 60 Filialen die Arbeit niedergelegt, nachdem die Unternehmensleitung angekündigt hatte, mit den Gewerkschaften über eine Öffnung am Sonntag verhandeln zu wollen. Die Aktionen erfolgen laut Gewerkschaften spontan. „Die Unzufriedenheit sitzt sehr tief“, erklärte dazu Koen Vanschoubroeck von der christlichen Gewerkschaft gegenüber der Nachrichtenagentur Belga. Discounter Aldi sieht sich wirtschaftlich unter Druck. Der Umsatz sank im ersten Quartal leicht um 0,2 Prozent – trotz steigender Lebensmittelpreise. In einer Branche mit ohnehin niedrigen Margen ist selbst ein kleiner Rückgang spürbar. Als Grund nennt das Unternehmen unter anderem die Konkurrenz, die ihre Filialen zunehmend auch sonntags öffnet. Supermarktketten wie Delhaize, Carrefour und Okay haben diesen Schritt bereits vollzogen, während Lidl entsprechende Pläne verfolgt. Dass die Ankündigung bei Aldi unmittelbar zu Streiks führte, kam für das Unternehmen überraschend. Denn in anderen Ketten blieb eine ähnliche Reaktion bislang aus. Die Gewerkschaften verweisen jedoch auf seit Langem bestehende Probleme. Viele Filialen seien personell unterbesetzt, zusätzliche Öffnungstage würden die Belastung weiter erhöhen. Bisher galt Aldi in der Branche als vergleichsweise guter Arbeitgeber, mit soliden Löhnen und kürzeren Öffnungszeiten. Doch mit der geplanten Flexibilisierung wächst der Druck auf die Beschäftigten, analysiert die flämische Wirtschaftszeitung „De Tijd“.

Hintergrund ist ein zunehmend intensiver Wettbewerb. Neue Anbieter wie Albert Heijn, Jumbo und Intermarché haben den Markt in Belgien stark verändert. Die Folge: sinkende Margen, steigender Kostendruck und eine Entwicklung, die selbst etablierte Unternehmen unter Zugzwang setzt. Die Ausweitung der Öffnungszeiten gilt dabei als defensive Maßnahme. Seit Delhaize vor zwei Jahren seine großen Filialen sonntags öffnete, entstand ein Dominoeffekt. Wer geschlossen bleibt, verliert Kunden. Gleichzeitig bringt der zusätzliche Öffnungstag kaum mehr Umsatz, aber höhere Kosten – etwa durch Zuschläge für Sonntagsarbeit. Auch die Politik reagiert auf die veränderte Lage. Die Föderalregierung hatte auf Vorschlag von Ministerin Eléonore Simonet (MR, zuständig unter anderem für kleine und mittlere Unternehmen) beschlossen, die Pflicht zur wöchentlichen Schließung abzuschaffen. Künftig dürfen Supermärkte täglich bis 21 Uhr geöffnet sein. Ziel ist es, den Einzelhandel flexibler zu gestalten und besser mit dem Onlinehandel konkurrieren zu lassen. Für die Branche bleibt die Situation allerdings weiterhin angespannt. Die Kunden profitieren kurzfristig von längeren Öffnungszeiten und stärkerem Wettbewerb. Langfristig jedoch drohen sinkende Gewinne – und weitere Konflikte zwischen Unternehmen und Belegschaften. (sc)

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