Komasaufen: Jede Woche 20 Siebzehnjährige in der Notaufnahme

Gesundheit

Illustrationsfoto: dpa

In Belgien müssen jede Woche 20 Siebzehnjährige wegen exzessiven Alkoholkonsums, auch Binge-Drinking oder Komasaufen genannt, in einer Notaufnahme versorgt werden.

Von Gerd Zeimers

Man trifft sich und „gibt sich die Kante“. Mutwillig. Und zwar so lange, bis nichts mehr geht – bis zur Bewusstlosigkeit. Binge-Drinking nennen Experten derartige Trinkexzesse. Mindestens vier Gläser Alkohol binnen zwei Stunden für eine Frau und mindestens sechs Gläser für einen Mann: Das ist nach Angaben des Vereins für Alkohol und andere Drogenprobleme (VAD) die Definition von Binge-Drinking.

Die Gemeinde der Rauschtrinker wird immer jünger. Im Jahr 2014 mussten jede Woche 47 Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren in der Notaufnahme eines Krankenhauses versorgt werden. Auf 10.000 Minderjährige ist die Zahl derjenigen mit einer möglichen Alkoholvergiftung von 30 im Jahr 2008 auf 34 im Jahr 2014 gestiegen. In absoluten Zahlen geht es um 2.433 Fälle. Über einen Zeitraum von 15 Jahren geht es sogar um eine Zunahme um 50 Prozent.

Zum ersten Mal stellen Experten fest, dass in der Gruppe der 12- bis 17-Jährigen mehr Mädchen in der Notaufnahme landen als Jungen. Vor allem bei den 17-Jährigen nimmt das Phänomen besorgniserregende Proportionen an: 996 Fälle im Jahr 2014, wie aus Zahlen der Agentur IMA hervorgeht, die die Daten von sieben Krankenkassen in unserem Land sammelt und auswertet.

„Übermäßiger Alkoholkonsum kann bei Jugendlichen ernsthafte Schäden verursachen“, sagt der IMA-Experte Dr. Michiel Callens. „Eine Alkoholvergiftung kann bei Heranwachsenden sogar zu unumkehrbaren Gehirnschäden führen. Die für das Lernen zuständigen Gehirnstrukturen sind bei trinkenden Jugendlichen kleiner als bei nichttrinkenden. Die Lern- und Leistungsfähigkeiten gehen zurück. Eine weitere Folge ist der Kontrollverlust über Emotionen und Impulse. Es sind nicht nur die Kosten einer medizinischen Behandlung, Alkoholmissbrauch kann auch aggressives Verhalten auslösen mit Zerstörung, Polizeieinsatz oder unerwünschtem Sexualverhalten als Folge. Jugendliche, die früh mit dem Trinken beginnen, werden später auch mehr Alkohol konsumieren.“

Die nun veröffentlichten Zahlen sind eine Bestätigung dessen, was Ärzte schon lange feststellen: Exzessiver Alkoholkonsum ist sowohl bei Jungen als auch bei Mädchen ein Problem. Vor allem ab dem Alter von 16 Jahren nimmt der Missbrauch stark zu. Ein kleiner Trost: Bei den 15-Jährigen sind die Fälle zurückgegangen (von 481 auf 418 innerhalb eines Jahres). Experten führen diesen Rückgang auf das Verbot des Alkoholverkaufs an Jugendliche unter 16 Jahren zurück. „Das Mindestalter von 16 auf 18 Jahre zu erhöhen, so wie dies in den meisten EU-Ländern der Fall ist, wäre sicher effizient“, meint Professor Guido Van Hal, Medizinsoziologe an der Uni Antwerpen. „Aufklärung und Sensibilisierung sind gut gemeint, bringen aber nicht viel. Für die Jugendlichen, ihre Eltern und die gesammelte Gesellschaft ist ein stärkeres Signal nötig.“ Deshalb fordern die Experten einen „guten Alkoholplan mit effizienten Maßnahmen und eine Betreuung von Jugendlichen mit Alkoholproblemen“.

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