Zwei Schauplätze, eine Terrorzelle?

Der Terrorverdächtige Mohamed Abrini wird nach einem ersten Verhör zurück in seine Haftzelle gebracht. | Foto: belga

Abdeslam, Abrini – die Namen wiederholen sich. Die Terrorverdächtigen von Paris sind die von Brüssel. Die Festnahme des „Mannes mit Hut“ ist ein neuer Beleg dafür. Und die Vernehmungen enthüllen, dass Frankreich wohl erneut im Visier der Zelle stand.

Es ist der lang ersehnte große Fang für die Terrorfahnder: Der „Mann mit Hut“ ist gefasst, ihn hatten Überwachungskameras am Landesflughafen von Zaventem an der Seite der Selbstmordattentäter gefilmt.

Doch die Festnahme von Mohamed Abrini ist mehr als ein Fahndungserfolg für die kritisierten Behörden. Es wird deutlich, dass die islamistischen Attentäter von Paris und Brüssel womöglich eine einzige Terrorzelle bildeten. Dazu passt, dass die Extremisten wohl nur aus Zeitdruck in Brüssel zuschlugen. Eigentlich hätten sie Frankreich im Visier gehabt, sind die Ermittler nun überzeugt.

Doch weil der Fahndungsdruck nach der Festnahme des Terrorverdächtigen Salah Abdeslam zu groß wurde, machten sie die belgische Hauptstadt zum Ziel – und töteten am Flughafen und in der Metro 32 Menschen.

Mohamed Abrini ist ein Bindeglied zwischen den beiden Mordserien. Noch bevor der 31-jährige Belgier gegenüber den Ermittlern einräumt, dass er tatsächlich der mysteriöse Hut-Mann ist, wird gegen ihn ein Haftbefehl wegen der mutmaßlichen Beteiligung an den Pariser Anschlägen vom 13.November ausgestellt. Schon seit Monaten stand er auf der Fahndungsliste von Interpol. „Das ist ein sehr großer Fang, vielleicht ebenso wichtig wie Abdeslam“, sagt der Vorsitzende der Untersuchungskommission der französischen Nationalversammlung zu den Pariser Anschlägen, Georges Fenech, dem Sender BFMTV.

Abrinis Rolle bei der Pariser Mordserie, die 130 unschuldige Menschen das Leben kostete, ist jedoch noch sehr unklar. Als er Ende November öffentlich zur Fahndung ausgeschrieben wurde, beteuerte seine Familie, dass Mohamed Abrini am Abend der Anschläge in Brüssel war. Er habe dort mit seiner Verlobten den Mietvertrag für eine Wohnung unterschrieben, bevor er verschwand. In den Tagen vor den Anschlägen aber war Abrini mit dem Terrorverdächtigen Salah Abdeslam unterwegs. Eine Überwachungskamera filmt den Mann mit Trainingshose und akkurat gestutztem Bart am Abend des 11. Novembers an der Autobahntankstelle von Ressons, keine 90 Kilometer nördlich von Paris. Abrini steigt mit Snacks in der Hand ins Auto. Sein Begleiter: Salah Abdeslam, der Wagen: der schwarze Renault Clio, den die Attentäter später benutzen. Zudem soll das Duo in einem Apartment-Hotel eine Unterkunft für die Terroristen gemietet haben. Medien erwähnen weitere Fahrten zwischen Brüssel und Paris. „Libération“ schreibt sogar, Abrini sei in einem Konvoi dreier Wagen mitgefahren, der die Terroristen am 12. November zur französischen Hauptstadt brachte, und in der Nacht darauf allein nach Brüssel zurückgekehrt. Eine Bestätigung dafür gibt es bislang allerdings nicht.

Doch insgesamt ergeben die Puzzleteile ein Bild, das zumindest eine logistische Unterstützung der Pariser Mordserie plausibel erscheinen lässt. Die Festnahme nährt damit Hoffnungen, weitere offene Fragen klären zu können. Und sie untermauert die Verbindung zwischen den Anschlägen von Brüssel und Paris – auch wenn einige Beobachter zur Vorsicht raten, was Abrinis Angaben bei den Ermittlern angeht. Doch die Staatsanwaltschaft stützt sich bei der Identifizierung des Belgiers als dritter Mann vom Flughufen auch auf nicht näher erläuterte Expertisen. Wie Abrini am Ende aufgespürt wurde und ob die Aufrufe der Polizei dazu beigetragen haben, blieb zunächst unklar. Was aus den kennzeichnenden Kleidungsstücken des Gesuchten wurde, teilte die Staatsanwaltschaft hingegen ganz offiziell mit: Die helle Jacke hat Abrini nach eigenen Angaben in einen Mülleimer geworfen. Seine Kopfbedeckung hat der „Mann mit Hut“ weiterverkauft.

Unterdessen hat der Brüsseler Ministerpräsident Rudi Vervoort (PS) bestätigt, dass es am 22. März gut 50 Minuten nach den Anschlägen am Flughafen Zaventem telefonische Kontakte gegeben habe, was mit den Metrostationen in Brüssel passieren solle.

Detaillierte Angaben machte er aber nicht. Es gibt unterschiedliche Angaben darüber, was an dem Tag wirklich geschehen ist. Die RTBF hatte berichtet, bereits gegen 8.10 Uhr habe es aus dem föderalen Krisenzentrum die Anweisung gegeben, die U-Bahn zu evakuieren. Innenminister Jan Jambon (N-VA) hatte dann mitgeteilt, eine Entscheidung sei um 8.50 Uhr getroffen worden. Die Brüsseler Nahverkehrsgesellschaft STIB hatte erklärt, keine entsprechende Information erhalten zu haben. Der parlamentarische Untersuchungsausschuss wird nun klären müssen, warum das so war. Um 9.11 Uhr sprengte sich in der Metrostation Maelbeek ein weiterer Selbstmordattentäter in die Luft. Derweil wird das eingeschränkte Angebot der Metros in Brüssel ab heute Abend (21 Uhr) wieder etwas ausgeweitet. Die Untergrund-Bahn sei dann zwischen 7 und 21 Uhr unterwegs und werde in 51 von insgesamt 69 Stationen Halt machen, teilte Vervoort mit. (sc/belga/dpa)