Zugriff auf offener Straße

Nach fünf Monaten Suche haben die Terrorfahnder gestern Nachmittag Mohamed Abrini in Anderlecht ergreifen können. Außerdem wurden vier weitere Verdächtige festgenommen, darunter Osama Krayem, der als Mittäter des Anschlags auf die Metrostation Maelbeek gilt. Am Abend gab die föderale Staatsanwaltschaft weitere Details bekannt, doch bleiben noch Fragen offen.

Von Christian Schmitz

Nicht bei Hausdurchsuchungen, sondern auf offener Straße gingen Mohamed Abrini und zwei weitere Terrorverdächtige in der Brüsseler Gemeinde Anderlecht den Fahndern ins Netz. Sie wurden am Freitagnachmittag von Polizisten in Zivil in üblichen Fahrzeugen abgeführt, berichtete der flämische Rundfunk VRT. Das Ganze sei sehr schnell über die Bühne gegangen, sodass Passanten kaum etwas gemerkt hätten, hieß es weiter. Die föderale Staatsanwaltschaft bestätigte zunächst nur die Festnahme von mehreren Personen, gab dann aber Details im Rahmen einer Pressekonferenz am Abend bekannt. Dabei wurde zwar die Festnahme von Abrini vermeldet. Unklar bleibt aber weiterhin, ob es sich bei Abrini um den geflüchteten dritten Brüsseler Flughafenattentäter handelt. Dieser wird seit den Anschlägen als „Mann mit dem Hut“ gesucht. Die VRT und die RTBF hatte gestern gemeldet, Abrini sei „höchstwahrscheinlich“ dieser „Mann mit Hut“ – doch die Staatsanwaltschaft ging am Abend noch nicht so weit. Dies müssten die weiteren Ermittlungen zeigen. Weitere Neuigkeiten kündigte die Behörde für die nächsten Tage, vielleicht schon für heute an. Die Föderalpolizei hatte am Donnerstag einen Fahndungsaufruf gestartet. Insgesamt seien fünf Personen festgenommen worden, auch Osama Krayem. Dieser soll der Mann sein, der nach Zeugenaussagen an der Brüsseler Metrostation Pétillon einen flüchtigen Kontakt mit dem Selbstmordattentäter von Maelbeek hatte, kurz bevor sich dieser in die Luft sprengte. Krayem wurde auch von Überwachungskameras gefilmt, als er im Shopping-Zentrum City 2 in Brüssel jene Reisetaschen kaufte, die bei den Brüsseler Anschlägen als Transportmittel für die Bomben genutzt wurden. Aber auch hier gab es von der föderalen Staatsanwaltschaft keine Bestätigung. Auch diese Vermutung müsse durch die weiteren Ermittlungsergebnisse bestätigt werden.

Derweil hat der flämische Rundfunk durch Zufall den Anruf der Zaventem-Attentäter aufgenommen, als diese ein Taxi zum Flughafen bestellten. Das Telefongespräch war gestern zum ersten Mal bei „Radio 1“ zu hören, wie die flämische Tageszeitung „De Morgen“ berichtet. „Die Tonspur wurde von einem unserer Reporter aufgenommen. Der war zufällig in der Taxizentrale, um eine Reportage zu drehen“, heißt es vonseiten des Fernsehsenders. „Wir verhandeln seit Wochen mit der föderalen Staatsanwaltschaft, um die Aufnahme hören lassen zu dürfen.“ Bedenken gab es jedoch, denn jemand hätte die Stimme erkennen und die Ermittlungen gefährden können. Nach dem Polizeieinsatz am späten Freitagnachmittag in Anderlecht gab die föderale Staatsanwaltschaft jedoch grünes Licht für die Veröffentlichung des Telefongesprächs, das etwa 15 Sekunden lang ist. Am 22. März hatten islamistische Terroristen einen Doppelanschlag auf den Landesflughafen Zaventem und in der Metrostation Maelbeek im Brüsseler Europaviertel verübt. Dabei wurden 32 Menschen getötet und etwa 340 Menschen verletzt.

Zudem kamen drei Selbstmordattentäter um: Najim Laachraoui (24) und der für Gewaltkriminalität vorverurteilte Ibrahim El Bakraoui (29) sprengten sich am Flughafen in die Luft, Bakraouis Bruder Khalid (27) in der Metro-Station Maelbeek. Die Terroristenzelle hatte Beziehungen zu den Pariser November-Anschlägen mit 130 Toten. Nach Khalid Bakraoui wurde schon vor den Brüsseler Anschlägen gefahndet, weil er eine Wohnung zur Vorbereitung der Pariser Anschläge angemietet haben soll. Der Elektromechaniker Laachraoui soll als Bombenspezialist sogar einer der Haupttäter von Paris gewesen sein. Seine DNA wurde an Tatorten gefunden: dem Stade de France und dem Musikclub Bataclan.

Ein Rätsel gab zunächst der „dritte Mann“ vom Flughafen Zaventem auf: Überwachungskameras hatten neben den beiden Selbstmordattentätern dort einen „Mann mit Hut“ aufgenommen. Er verließ das Gebäude und ging durch Zaventem und durch Brüssel bis in die Nähe des zweiten Anschlagsortes, wie die spätere Auswertung der lückenhaften Aufzeichnung von Überwachungskameras ergab.

Derweil soll die Terrorwarnstufe in Belgien weiterhin auf das Niveau drei bleiben, wie am Abend nach einer Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates entschieden wurde. Man werde die Entwicklung der Untersuchungen abwarten und dann gegebenenfalls neu entscheiden, hieß es.