„Krebs haben, ist wie Höhenangst“

Im November 2009 erhielt Claudia Borrmann die Diagnose Krebs. Eine Ärztin riet ihr, nach Hause zu gehen und die verbleibende Zeit mit ihren Kindern zu genießen. Die Chance auf Heilung sei gleich null. Doch ans Aufgeben wollte die damals 34-jährige Mutter nicht denken. Heute steht sie noch immer im Leben. Der Kampf gegen den Krebs und zwei Schlaganfälle haben so an ihren Kräften gezehrt, dass sie in den nächsten Tagen ins Hospiz gehen wird, um dort die letzte Ruhe zu finden.

Von Allan Bastin

Diesen Kampf gegen Krebs hat Claudia Borrmann in einem Buch festgehalten, das „Wenn der Himmel keine Sterne trägt“ heißt und im ostbelgischen Buchverlag Kachina erschienen ist. In einer ersten Auflage hieß es „Einfach weitergehen“, ein Titel, der sehr gut ihr Leben beschreibt. „Ich musste mich einfach gegen diese Krankheit wehren und weitergehen. Ich hatte damals zwei Kinder von sieben und zehn Jahren. Wer hätte da ans Aufgeben gedacht? Dass es jetzt vorbei sein sollte, kam damals einfach nicht in die Tüte“, erzählt die heute 40-jährige aus Würselen, die nach dieser pessimistischen Prognose, ihre Behandlung selbst in die Hand genommen hat. „Ich habe mir meine Ärzte gewissenhaft ausgesucht. Meinen Gynäkologen über Bord zu schmeißen, fiel mir beispielsweise leicht. Ich hatte den Eindruck, wenn ich bei ihm bleibe, dann sterbe ich. Selbst habe ich viel recherchiert, um an diese Personen zu kommen. Ein Chefarzt sagte mir, dass ich von ihm aus gerne vom Krankenbett in die Wanderschuhe steigen darf. Das hat mich dazu bewegt, dort eine Chemotherapie durchzuführen.“ Insgesamt hat Claudia Borrmann in den fast sieben Jahren über 50 Operationen und rund 20 Chemotherapien durchlebt. Dass sie dabei nicht immer jeder Anweisung der Ärzte blind folgte, störte so manchen Mediziner. „Ein Professor in Düsseldorf wollte unbedingt eine Chemotherapie durchführen, obwohl ich gerade erst eine Operation hinter mir hatte. Ich wollte das aber einfach nicht. Weil ich nicht das gemacht habe, was er wollte, hat er gemeint, mich unter Druck setzen zu müssen, und mir Medikamente, wie Schmerzmittel oder Flüssigkeit, verweigert. Das wurde lebensbedrohlich.“

Das Buch von Claudia Borrmann versteht sich nicht nur als „Mutbuch“ für Betroffene und Angehörige in einer ähnlichen Situation, sondern auch als „Wutbuch“ für Ärzte, die sie aufgegeben hatten, und „Dankbuch“ für Mediziner, die stets an sie geglaubt haben. „Ich wollte, dass die Ärzte auch mal die andere Seite sehen. Dass der Kampf einfach nicht einfach ist. Viele Mediziner haben das Buch gelesen. Manche haben mich sogar um Rat gefragt, um zu wissen, wie sie in einer gewissen Situation reagieren sollen“, so die gelernte Bürokauffrau, der das Schreiben des Buches aber auch selbst geholfen hat: „Es war anfangs nur ein Tagebuch. Ich schrieb fast jeden Tag darin. Ich hätte nie gedacht, dass daraus eines Tages ein Buch würde.“ Manche ihrer Angehörigen haben das Buch auch gelesen, so auch ihr Vater Alfred Vondenhoff: „Für mich war das Buch an sich nicht so spannend, da ich die Sachen direkt oder indirekt mit erlebt habe. Aber man erhält dennoch ein anderes Bild von seiner Tochter. Oft habe ich ihr gesagt, dass ich dies oder jenes an ihrer Stelle anders geschrieben hätte. Sie sagte immer: ‚Papa, ich habe es so geschrieben, wie ich es empfunden habe.‘ Es muss eben nicht alles rosarot geschrieben werden. Es ist ein frisches, trotziges Buch. Man muss davon zwar nicht heulen, aber man denkt darüber nach. Claudia benutzt oft einen gewissen Galgenhumor, das finde ich gut. Ich hätte nie gedacht, dass sie so etwas kann.“

Von ihrem Vater hat Claudia Borrmann stets viel Unterstützung erhalten. Genauso von ihrer Mutter. Ihre Kinder haben zwar ihre Probleme mit der Erkrankung, aber „sie werden ihren Weg gehen“, sagt die Mutter. Von ihrem Mann hätte sie sich mehr Unterstützung gewünscht: „Als ich von meinen Schlaganfällen heimgekehrt bin, hatte ich den Eindruck zu stören.“ Kurze Zeit später zog sie zu ihrer Mutter, wo sie heute noch immer wohnt.

Aber auch gewisse Mediziner spielten eine wichtige Rolle in ihrem Leben. Sei es die Aachener Psychoonkologin Andrea Petermann-Meyer oder die Kohlscheider Ärztin Antje Rosenbaum, die mittlerweile sogar zu einer Freundin geworden ist. In den Gesprächen mit den Medizinern spielte der Tod stets eine Rolle, manchmal mehr, manchmal weniger. Sie beschreibt ihre Situation mit der Höhenangst: „Wenn man auf einem Hochhaus steht, muss man sich von der Höhenangst befreien, um in die Tiefe blicken zu können und sich an diesen Blick zu gewöhnen. Durch Rückschläge kommt diese Angst wieder hoch, dann fängt der Prozess wieder von vorne an.“

Die „Opferrolle“ hat sie jedoch immer abgelehnt. Wenn die Leute sie fragen, wie es ihr geht, antwortete sie einfach: „Gut und dir?“ Ihr Vater Alfred Vondenhoff zeigt sich davon äußerst beeindruckt: „Ich weiß nicht, wie wir reagieren würden. Selbst wir als Angehörige können nicht nachvollziehen, wo sie diese Kraft her nimmt. Wenn sie beispielsweise ins Krankenhaus muss, um einen Schlauch zu wechseln, da würden wir schon fast sterben. Sie hingegen stört es fast nicht. Da kann man nur den Hut vor ziehen.“

Dieser mit Lebensmut und Lebenskraft gefüllte Tank ist jedoch nicht unendlich. Diese Erfahrung hat die Familie in den letzten Monaten machen müssen, wie Vater Alfred Vondenhoff schildert: „Die Leute sagen immer ‚Es wird schon‘. Doch wir wissen alle, dass es nicht mehr wird. Es ist wie ein Band, an dem man zieht. Irgendwann reißt es.“ Diese Tatsache ist ihnen nach den beiden Schlaganfällen, die Claudia Borrmann im letzten Jahr erlitt, besonders bewusst geworden. „Seitdem habe ich einfach gemerkt, dass es einfach nicht mehr reicht“, erzählt die 40-Jährige, die sich im letzten Jahr nach der Rückkehr zu ihrer Mutter schon für den Gang ins Hospiz entschied. „Dort sagte man ihr jedoch, dass ihre Zeit noch nicht gekommen sei“, erzählt ihr Vater. „Sie war einfach noch zu mobil. Jetzt möchte sie aber wieder ins Hospiz. Sie ist dort angemeldet und wird den Schritt in den nächsten zwei Wochen machen. Sie spürt es einfach. Sie hat keine Lust mehr jede Woche ins Krankenhaus zu fahren, weil dies oder jenes versagt. Wenn man jahrelang mit der Krankheit kämpft, dann kommt dieser Punkt irgendwann. Wir hätten vielleicht schon lange gesagt, ‚Ich kann nicht mehr.‘“ Alle lebensverlängernden Maßnahmen hat sie bereits abgestellt. Mit dem Gang ins Hospiz, wo sie eine medizinische Rundumversorgung erhält, möchte sie auch und vor allem ihre Mutter entlasten: „Ich merke, dass ich meiner Mutter immer mehr Arbeit mache. Im Hospiz möchte ich einfach meine Ruhe finden.“

Die Ziele, die sie sich in den vergangenen Jahren gesteckt hat, hat sie erreicht. So war sie auf Mallorca, war auf einem Kreuzfahrtschiff, ist letztes Jahr nach den Schlaganfällen noch Auto gefahren und hat sich vor drei Wochen an der niederländischen Küste vom Meer verabschiedet.

Wie ihr Vater erklärt, hat Claudia Borrmann stets auch die positiven Seiten der Krankheit gesehen und sie auch als „Chance“ bezeichnet: „Sie hat viele tolle Menschen kennengelernt. Sie hat bewusster gelebt, sich mehr mit Leuten beschäftigt und sie analysiert. Ohne den Krebs hätte sie auch nie ein Buch geschrieben. Dafür hätte sie ganz einfach keine Zeit gehabt.“