„Franziskus zeigt klare Kante“

Prof. Dr. Guido Meyer referiert heute Abend in Eupen zum Thema „Warum Werte - für ein ‚nachchristliches‘ Europa?“ | Foto: RWTH Aachen

Wenn Papst Franziskus am 6. Mai den Aachener Karlspreis erhält, wird auch der Eupener Theologe Prof. Dr. Guido Meyer in Rom sein. Heute Abend gehört er zu den Referenten eines Diskussionabends in Eupen zum Thema „Europa, der Papst und die Bildung“.

Von Boris Cremer

Herr Prof. Dr. Meyer, finden Sie es eine gute Wahl, Papst Franziskus den Karlspreis zu verleihen? Es gibt ja auch reichlich Kritiker dieser Entscheidung.

Die Frage ist in der Tat, warum ein Mann vom anderen Ende der Welt den Karlspreis erhält für seinen Beitrag zur Einigung Europas. Ich finde aber, dass Franziskus den Preis verdient hat. Durch sein entschiedenes Auftreten hat er Sympathien erworben. „Die Zeit“ hat über Franziskus geschrieben: „Der Papst, den die Welt liebt.“ Durch diese Sympathien hat er mediale Aufmerksamkeit und auch Autorität erlangt. Durch sein unerschrockenes Auftreten hat er die Kirche nach innen und nach außen auf einen dringend notwendigen Reformkurs gebracht. Ein Kurs, der die Würde eines jeden Menschen ins Zentrum stellt. Durch diese Fokussierung auf die Menschenwürde und das Wertesystem kann er auch dem angeschlagenen Europagedanken wichtige Impulse geben. In dieser Hinsicht ist dieser Karlspreis an den Papst zu verstehen.

Als Franziskus‘ Vorvorgänger Johannes Paul II. Im Jahr 2004 den Karlspreis erhielt, bestand die Europäische Union noch aus 15 Staaten, heute sind es 28. Sind der Papst und die katholische Amtskirche vor diesem Hintergrund eines deutlich größeren Europas überhaupt noch einflussreiche Instanzen und echte Orientierungshilfen?

Ich weiß nicht, ob die katholische Kirche in jedem dieser 28 Länder viele Mitglieder haben muss. Ich glaube, der Papst ist nach wie vor eine moralische Autorität, weil er nicht direkt im Interesse bestimmter politischer Strömungen und Ausrichtungen steht. Diese moralische Autorität ist unabhängig von der Zahl derer, die sich Katholiken nennen.

Ihr Kurzreferat, das Sie am Dienstagabend im Rahmen der Diskussionsrunde in Eupen halten werden, trägt den Titel „Warum Werte – für ein ‚nachchristliches‘ Europa?“ Was verstehen Sie unter „nachchristlich“? Ist Europa nicht mehr christlich?

Ich habe das „nachchristlich“ bewusst zwischen Anführungszeichen gesetzt. Damit meine ich nicht, dass das Christentum verschwunden ist. Es hat sich lediglich in seinem Auftreten ein Stück weit gewandelt. Es ist nach wie vor vorhanden, aber etwas versteckt, verdrängt – und manchmal sogar unsichtbar. Selbst die Menschenrechte tragen im Kern christliche Züge, das Christentum ist also immer noch da und in manchen Ländern mehr denn je. Aber: Das klassische Bild der katholischen Kirche als „Volkskirche“, die alle gesellschaftlichen Gefilde durchstrahlt, zerfällt und ist bereits teilweise zerfallen. Das Christentum sucht derzeit neue Ausdrucksformen von Religion und von Kirchlichkeit. Wir erleben den Wandel von einer Volks- zu einer Bekenntniskirche. Wir suchen eine neue Sozialstruktur, die sich dem globalisierten und pluralisierten Kontext Kontext anpasst.

Sehen Sie da eine Parallele zu Europa, das auch eine neue Identität sucht und neuen Schub vertragen kann?

Es gibt durchaus Parallelen. Allerdings braucht die Kirche keine Identitätssuche. Wenn die Kirche Kirche sein möchte, ist sie dem Evangelium gegenüber verpflichtet. Aber beide – Europa und auch die Kirche – suchen nach neuen Ausdrucksformen. Die Identitätsfindung ist eine Aufgabe Europas und nicht der Kirche. Europa befindet sich definitiv in einer Identitätskrise.

Ist der Karlspreis an Franziskus nicht ein Armutszeugnis für die politische Kaste? Wenn ein katholischer Würdenträger einen solchen Preis erhält, liegt der Schluss nahe, dass es derzeit keinen Politiker gibt, der sich im Einigungsprozess Europas besonders hervortut.

Also so weit würde ich nicht gehen. Da stärke ich mal unseren Politikern den Rücken (lacht). Franziskus ist ja nicht der erste Papst, der den Karlspreis erhält. Ich glaube eher, dass Franziskus durch sein frisches Auftreten etwas verkörpert, was vielleicht manche Politiker derzeit – aber das kann sich schon morgen ändern – nicht so vertreten. Franziskus zeigt klare Kante – in einer Zeit, in der es vielerorts drunter und drüber geht. Die Entschiedenheit des Papstes kontrastiert in positiver Weise zum diplomatischen Einerlei mancher Politiker.

Papst Franziskus hat zuletzt am Gründonnerstag in Rom muslimischen Asylbewerbern die Füße gewaschen. Ist diese Symbolhaftigkeit – mitten in der Flüchtlingskrise – seine Paraderolle?

Ich gehe da einen Schritt weiter: Sein Rollenverständnis geht über das Symbolhafte hinaus. Sein Handeln hat mit seinem grundlegenden Verständnis von Kirche zu tun. Und die Zeichen, die er setzt, leiten sich davon ab. Franziskus sagt: Ich brauche eine Kirche, die bereit ist, an die Ränder der Gesellschaft zu gehen, die auch dahin geht, wo‘s weh tut. Vor allem aber sollte sie, bevor sie sich zu moralischen Aussagen erhebt, Barmherzigkeit vermitteln.

Flüchtlingskrise und Kampf gegen den Terror: Plötzlich wird in Europa viel von Werten gesprochen, was jahrelang nicht der Fall war. Ist die Order, Europa müsse seine Werte verteidigen, nicht arg vereinfacht?

In der Tat ist es so, dass immer dann von Werten die Rede ist, wenn sie fehlen. Das ist ein Uraltmechanismus. Und in solchen Zeiten schaut man da hin, wo die Werte vertreten werden. Da bietet sich dieser Papst an. Eine Figur, die Werte vertritt, anstatt zu versuchen, alle Menschen zu Katholiken zu machen: Christentum als Lebensform, nicht dogmatische Instanz. Angesichts der Probleme dieser Welt ist es ganz wichtig, eine Reihe von Werten noch mal ins Spiel zu bringen. Da bin ich gerne bei Nietzsche, der gesagt hat: „Wir haben den Horizont weggewischt.“ Wer sich in letzter Zeit einige hochrangige Antieuropäer anhört, der kann nur zu dieser Schlussfolgerung kommen. Und angesichts dessen kann man dankbar dafür sein, dass jemand wie der Papst zumindest Konturen eines Horizonts aufzeigt, um das alte Schiff Europa, das zurzeit in heftigen Turbulenzen steckt, wieder auf Kurs zu bringen.


Als zweiter Papst nach Johannes Paul II. (im Jahr 2004) erhält Franziskus den Aachener Karlspreis. | Foto: dpa