„Die AS ist meine zweite Familie“

Akram Afif spielt seine zweite Saison für die AS Eupen und hat es auf Anhieb zum Publikumsliebling geschafft. Er träumt davon, eines Tages für Manchester United zu spielen. Kritik an der Weltmeisterschaft 2022 in Katar kann der 19-Jährige nicht nachvollziehen.

Von Mike Notermans

Da sitzt er also. Akram Afif. Der junge Mann, der bei der Weltmeisterschaft 2022 in Katar zu Hochform auflaufen und dem Emirat, das nach Anerkennung fernab von Öl und Gas lechzt, zu einem erfolgreichen Turnier verhelfen soll. Am Donnerstag trägt er schwarz und die Kappe tief im Gesicht. Jedes Mal wenn er nach seinem glitzernden Handy greift, klimpern seine noch bunteren Armbänder.

Akram Afif ist 19 Jahre alt und gehört bei Fußball-Zweitligist AS Eupen seit seiner Ankunft zum Stammpersonal. Eigentlich müsste man denken, was ein Katarer ausgerechnet in Eupen macht und warum er in einem Land, das nicht gerade für seinen hochklassigen Fußball bekannt ist, zum Weltstar geformt werden soll. Man müsste denken, warum Afif, der auf dem Papier nicht einmal als Erwachsener galt, als er 2013 zum ersten Mal für ein Jahr in Europa spielte, nicht bei seiner Familie ist. Aber man tut es nicht. Und das tun wohl auch die meisten Fans der AS Eupen nicht oder haben inzwischen damit aufgehört.

In Eupen hat Afif, der immer ein freundliches Lächeln im Gesicht trägt und beinahe schüchtern wirkt, auf Anhieb Anklang gefunden. Niemand stört sich daran, wenn Afif und manche seiner Mitspieler buntgekleidet durch die Straßen Eupens laufen und dabei Videos in die sozialen Netzwerke stellen. Wie groß seine Beliebtheit ist, soll sich nach unserem Gespräch zeigen. Afif, der in Doha geboren wurde, ist Fußballprofi und lebt in zwei Welten. In erster Linie soll er in Eupen zu dem Spieler heranreifen, der in sechs Jahren bei der WM vielleicht den Unterschied ausmachen kann.

Seine zweite Welt heißt Katar. Immer wieder muss Afif die AS Eupen verlassen, um zur Nationalmannschaft zu reisen. „Es ist nicht einfach, für die AS Eupen und gleichzeitig für Katar zu spielen“, erzählt Afif. „Aber“, fügt er an, „immer wenn ich mit der Nationalmannschaft unterwegs bin, was mich wirklich sehr stolz macht, denke ich an Eupen. Die AS und meine Mitspieler sind mittlerweile fast wie eine zweite Familie für mich. Wir haben alle ein großes Ziel. Und das ist für uns der Aufstieg in die 1. Division“, so Afif. Er sei sehr glücklich hier, sprudelt es aus ihm heraus. Dass er in Eupen zum ersten Mal in seinem Leben Schnee gesehen hat, wirft er in das Gespräch und lacht dabei so herzlich, dass man seine Zahnspange sieht, die übrigens genau so glitzert wie seine Armbänder.

Mit seinen gerade einmal 19 Jahren hat es Afif bereits in die Geschichtsbücher Katars geschafft. 2014 erzielte er im Endspiel des Asiencups das alles entscheidende Tor und sorgte für den ersten Titel in der Geschichte des ambitionierten Emirats. „Das war ein toller Moment. Ich wurde eingewechselt und habe nach zehn Sekunden das 1:0 geköpft. An diesen Tag denke ich heute noch“, erzählt Afif.

Wenn er über seinen ersten großen Titel spricht, fangen seine Augen an zu glänzen. Das tun sie auch, als das Gespräch auf die viel umstrittene Weltmeisterschaft 2022 abschweift.

Dass das Gastgeberland Katar vor allem wegen seines Umganges mit den Menschenrechten kritisiert und infrage gestellt wird, kann Afif nicht nachvollziehen. „Jeder fragt sich, warum Katar die Weltmeisterschaft erhalten hat. Dabei hat es in der Vergangenheit wirklich viel dafür getan. Wir wären das erste arabische Land, das die Möglichkeit erhält, solch ein Event auszutragen. Ich bin mir sicher, dass es ein unglaubliches Turnier wird. Es ist mein allergrößter Traum, an dieser WM teilzunehmen.“

Zwischen Afif und seinem großen Traum von der WM im Heimatland liegen noch über sechs Jahre. Für welchen Verein er bis dahin aufläuft, weiß der schmächtige Nationalspieler noch nicht. „Momentan spiele ich für Eupen. Wenn man mich fragt, kann ich mir auf jeden Fall sehr gut vorstellen, auch in der nächsten Saison noch hier zu spielen“, so Afif.

Mit der AS Eupen, die auf dem zweiten Tabellenplatz liegt, will der Katarer den nächsten großen Erfolg feiern und in die 1. Division aufsteigen. „Wir glauben wieder alle daran, dass der Aufstieg möglich ist, denken aber nur von Spiel zu Spiel. Was die anderen Mannschaften machen, interessiert uns nicht“, stellt Eupens Nummer 87 klar. Ein paar Minuten lang erzählt er noch von seinem Herzenswunsch, einmal für Manchester United aufzulaufen.

Dann macht sich Afif auf den Weg nach draußen und läuft dutzenden fußballbegeisterten Kindern, die einen Teil ihrer Schulferien in einem Fußballlager verbringen, über den Weg. Während der Fußballnachwuchs fast euphorisch den Namen von Afif skandiert, unterschreibt dieser geduldig Autogramme auf Trikots, Hosen, sogar auf Fußballschuhe, die sich die Kinder hektisch von den Füßen reißen. Dass selbst die Kleinsten den Namen von Akram Afif schreien, zeigt, dass er angekommen ist in Eupen. „Das passiert mir in Katar nie. Ich finde es toll, dass ich die Kinder mit einem Foto oder Autogramm stolz machen kann“, erzählt er auf dem Weg Richtung Innenstadt.

Kurz bevor er sich dann aus dem Auto verabschiedet, um durch Eupens Straßen nach Hause zu schlendern, beantwortet Afif eine letzte Frage. „Was Fußball für mich bedeutet? Alles.“