„Wilde“ Gilde: Attestflut legt Zaventem lahm

Flugverkehr: Premier Charles Michel spricht von „unverantwortlichem Streik“

Der Flugverkehr in Zaventem wurde am Mittwoch von einem Streik der Fluglotsen gestört. Sie blieben, abgedeckt durch ein ärztliches Attest, der Arbeit fern. | Foto: belga

Das krankheitsbedingte Fernbleiben von 80 Fluglotsen hat am Flughafen von Zaventem für Chaos gesorgt. Zahlreiche Flüge mussten annulliert werden. Premier Charles Michel (MR) sprach von einem „wilden Streik“ und warf den Fluglotsen vor, das Land als Geisel zu nehmen.

Von Patrick Bildstein

Hintergrund der Situation sind die Sozialverhandlungen über die neue Rentenregelung für Fluglotsen, die in Zukunft nicht mehr bis 55, sondern bis 58 Jahre arbeiten müssen. Die Anpassung des Renteneinstiegsalters erfolgt in drei Phasen: 2020, 2025 und 2030. Das Abkommen sieht auch fünf zusätzliche Urlaubstage für die Fluglotsen vor: einen Tag ab dem 45. Lebensjahr, einen Tag ab dem 50. Lebensjahr und ab dem 55. Lebensjahr jeweils einen weiteren Tag. Die Gewerkschaften reagierten unterschiedlich auf das Abkommen. Die CSC war dagegen. Der Beamtenflügel der sozialistischen Gewerkschaft CGSP konnte sich mit der Anpassung des Renteneinstiegsalters abfinden. „Das geht weiter als der ursprüngliche Vorschlag der Regierung“, meinte ein Gewerkschaftssprecher in der Zeitung „De Standaard“. Dass die CGSP dem Text zustimmte, hatte nicht ausschließlich mit der Statutenregelung für die 300 Fluglotsen zu tun. Das Abkommen betrifft auch 500 andere Arbeitnehmer.

Die Reaktionen in der Öffentlichkeit sahen recht negativ aus. „De Standaard“ titelte auf Seite 1: „Wilder Streik bricht Neustart Zaventem“. Darunter listete die Zeitung den monatlichen Bruttolohn auf (zwischen 8.000 und 10.000 Euro) sowie die Möglichkeit, ab 58 Jahre in Rente zu gehen bzw. weitere fünf Urlaubstage zugesprochen zu bekommen. Darunter in Großbuchstaben: „Inakzeptabel für die Fluglotsen“.

Inakzeptabel lautete auch das Statement von Premier Charles Michel (MR) auf die Aktion des Flughafenpersonals. Der Regierungschef kritisierte zudem die Ärzte, die die „Gefälligkeitsatteste“ ausgestellt haben. „Es ist ein unverantwortlicher Streik“, da der Flughafen dabei sei, sich von dem Anschlag des 22. März zu erholen. „Ich akzeptiere nicht, dass eine Handvoll Leute, das Land als Geisel nehmen und unser Image bzw. die wirtschaftliche Lage in Gefahr bringen“, erklärte Michel. Der Flughafen von Zaventem sei die wirtschaftliche Lunge des Landes.

Wer hinter der Streikaktion steckt, konnte gestern nicht geklärt werden. Die sogenannte belgische Gilde der Fluglotsen, die 80 von 280 Personalmitgliedern vertritt und für die Organisation der krankheitsbedingten Abwesenheit verantwortlich gemacht wird, dementierte gestern, damit zu tun zu haben. Die Gilde teilte mit, dass sie kein Sozialpartner sei und somit auch nicht an den Sozialverhandlungen teilnehmen könne. Für den Löwener Rechtswissenschaftler Pieter Pecinovsky sollte ein solcher Streik in Zukunft verboten werden, da der Flughafen für die öffentliche Ordnung notwendig sei und die Arbeitsniederlegung Folgen für die Wirtschaft habe. Er bezweifelte aber, dass internationale Instanzen ein solches Verbot genehmigen.

Nach einem Schichtwechsel gegen 15 Uhr meldete die Luftaufsichtsbehörde Belgocontrol, dass die anwesenden Fluglotsen den Dienst zu hundert Prozent gewährleisten konnten. „Bis 22 Uhr können wir alle Flüge garantieren“, meinte Belgocontrol-Sprecher Dominique Dehaene. Die Flughafendirektion schlägt allen Reisenden vor, sich regelmäßig auf der Internetseite über den aktuellen Stand zu informieren.