„Wir werden neue Wege suchen“

Marienheim-Direktor Patrick Laschet sieht die Altenpflege in der Deutschsprachigen Gemeinschaft vor großen Herausforderungen: „Schätzungen gehen davon aus, dass jährlich 30 Plätze zusätzlich benötigt werden.“ | Foto: David Hagemann

Patrick Laschet (49), Direktor des Raerener Marienheims, spricht im GrenzEcho-Interview über die neue 150-Betten-Norm und das „Altenheim von morgen“ in der Deutschsprachigen Gemeinschaft.

Von Boris Cremer

Herr Laschet, Sozialminister Harald Mollers behauptet, die neue Höchstgrenze von 150 Betten für Alten- und Pflegeheime in der DG sei „eine gute Sache, die keinem schadet“. Schadet sie auch nicht dem Marienheim, das aktuell 149 Plätze hat und ausbauwillig ist?

Sie schadet dem Marienheim nicht unmittelbar, stellt uns aber vor neue Herausforderungen. Das Marienheim hat ja, ähnlich wie das Sankt-Joseph-Heim Eupen und der Hof Bütgenbach, eine Kapazität, die derzeit an der Grenze dieser 150 Plätze ist und künftig sogar leicht darüber liegen wird. Es wird für uns nun darauf ankommen, andere Aktivitäten zu entwickeln.

Die Obergrenze schadet Ihrer Aussage nach dem Marienheim also nicht – zumindest nicht direkt. Dennoch sah sich der Raerener Gemeinderat genötigt, eine Resolution zu verabschieden, in der die Aufhebung der neuen Norm gefordert wird.

Ich denke, es ging dem Gemeinderat darum, sich mit unserer Einrichtung zu solidarisieren, weil die Gemeinde seit Jahren davon profitiert, dass das Marienheim schwarze Zahlen schreibt und eine Seniorenpolitik betreibt, die weit über die Altenpflege hinaus geht. Wir sind vernetzt mit dem Seniorenbeirat, mit ambulanten Diensten usw.

Hintergrund der Resolution waren aber offenbar in erster Linie die Ausbaupläne des Marienheims.

Es stimmt, dass wir die Vision hatten, uns zu vergrößern. Diese Vision fußte auf zehn Kurzzeitpflegeplätzen, die meiner Meinung nach sehr wichtig sind, weil die älteren Menschen immer früher aus dem Krankenhaus entlassen werden. Da aber zehn Kurzzeitpflegeplätze alleine nicht rentabel sind, wollten wir diese Betten in einen Baukörper zusammen mit 40 Altenheimplätzen bündeln. Das wird, bedingt durch die neue 150-Betten-Norm (das Marienheim verfügt bereits heute über 149 Plätze, A.d.R.) nicht möglich sein. Ich würde dennoch nicht von einem direkten Schaden sprechen. Wir werden neue Wege suchen müssen.

Dennoch sind doch die von Ihnen erwähnten Planungen zum Ausbau um immerhin 50 Plätze durch die neue Betten-Norm torpediert worden, oder?

Ich sehe es nicht ganz so negativ und würde uns mit Lüttich vergleichen, das sich für die Austragung der Weltausstellung beworben hatte. Unsere „Bewerbung“ hatte durchaus ihre Reize, aber ich kann durchaus verstehen, dass der Minister sich anders entschieden hat. Ich bin mir aber auch der demographischen Entwicklung bewusst und deshalb zuversichtlich, dass das Marienheim in Zukunft andere Projekte realisieren kann. Natürlich haben wir einiges an Zeit in diese Planungen gesteckt, aber auch ein Handwerker unterbreitet Angebote, und längst nicht alle davon werden letztlich zu einem Auftrag.

Sie haben Zeit, aber offenbar auch Geld investiert in diesen geplanten Bau von 50 Plätzen. Stimmt es, dass sie im Hinblick darauf schon für knapp eine halbe Million Euro ein Grundstück erworben haben?

Ja. Es wird sich zeigen, ob dieser Grundstückskauf eine Fehlinvestition war. Wenn ich mir aber die Entwicklung an den Finanzmärkten anschaue, ist der Kauf von Bauland sicher keine schlechte Sache, zumal wir 400.000 Euro für 10.000 Quadratmeter gezahlt haben, was sicher ein guter Preis war.

Die neue Höchstnorm soll die wohnortnahe Betreuung von alten Menschen fördern und die Einrichtungen dazu bewegen, eher kleinere Heime an mehreren Standorten zu betreiben anstelle von großen Häusern. Ist es jetzt beispielsweise für das Marienheim denkbar, Ableger in Hauset oder Eynatten zu bauen?

Das könnte eine Option sein, ja. Fakt ist: Das Marienheim wird privat getragen, und deshalb können wir nur Projekte umsetzen, die wirtschaftlich rentabel sind. Nach meinem Kenntnisstand und in Anbetracht der geltenden Gesetzgebung ist es nicht möglich, isoliert Häuser zu betreiben mit weniger als 60 oder sogar 90 Betten.

Mit anderen Worten: Die vom Marienheim ursprünglich angedachten 50 zusätzlichen Betten sind alleinstehend an einem anderen Standort nicht tragbar.

Richtig. Es geht ja nicht nur um die Wirtschaftlichkeit, sondern auch um die Qualität. Es muss ein Pflegeteam aufgestellt und ein Pflegekonzept erarbeitet werden. Desto größer das Haus, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Bewohner mit einer bestimmten Krankheit nicht der einzige im Heim ist, der daran leidet. Größere Einrichtungen bieten beispielweise die Möglichkeit, Gruppen von Parkinsonkranken oder Multiple-Sklerose-Patienten zu bilden, um speziell ausgebildete Pfleger einsetzen zu können. Das wird mit kleineren Strukturen schwieriger, dessen muss man sich bewusst sein. Auf der anderen Seite hat Wohnortnähe auch große Vorteile.

Wie entwickelt sich denn die Nachfrage nach Altenheimplätzen? Gerade vom Marienheim heißt es, die Wartelisten würden länger und länger.

Wir sind seit Jahren voll ausgelastet und haben aktuell 67 Menschen auf der Warteliste, die innerhalb der nächsten Wochen bei uns einziehen würden. Daneben gibt es bei uns noch eine Einschreibeliste mit potenziellen Kunden, die prinzipiell an einem Platz im Marienheim interessiert sind, aber nicht kurzfristig einziehen würden.

Die DG wird ab 2014 oder 2015 nicht nur den Bau und Ausbau von Altenheimen bezuschussen, sondern auch den Betrieb der Einrichtungen finanzieren. Wird diese Kompetenzübertragung Ihrer Meinung nach Verbesserungen nach sich ziehen?

Ich habe in einer Note, die ich bereits vor einiger Zeit an das Parlament und den Minister gerichtet habe, von Chancen und Risiken einer solchen Reform gesprochen. Eine große Chance sind in meinen Augen die kürzeren Wege. Es wird möglich sein, hier in der DG eigene Akzente zu setzen. Die Risiken sehe ich darin, dass die Finanzierung dieses Sektors sehr komplex ist. Das nötige Knowhow bereitzustellen, ist selbst für Flandern und die Wallonie nicht einfach, geschweige denn die für DG mit ihren aktuell acht Alten- und Pflegeheimen. Das ist eine Herausforderung, die aber zu meistern ist.

Der Föderalstaat erlaubt für das Gebiet der DG derzeit 880 Altenheimplätze. Wie viele werden angesichts der Veralterung der Gesellschaft in Zukunft benötigt werden?

Schätzungen gehen davon aus, dass jährlich 30 Plätze zusätzlich benötigt werden. Deshalb wollten wir ja auch ausbauen, obwohl wir mit unseren derzeit 149 Betten ausgezeichnet leben können. 67 Einträge auf der Warteliste sind vielleicht nicht viel, aber wenn morgen ein älterer Mensch vor ihnen steht, der auf einen Platz im Altenheim angewiesen ist, dann ist dieser Mensch in diesem Moment für Sie der wichtigste. Die Zukunft wird zeigen, ob neue Konzepte imstande sind, den steigenden Pflegebedarf zu decken, sodass es bezahlbar und zugänglich bleibt.

Die Bezahlbarkeit ist ein wichtiger Punkt. Wie viel kostet ein komplett ausgestattetes Einzelzimmer im Marienheim Raeren? 1300, 1400 Euro?

1400 Euro, aber das voll ausgestattete Doppelzimmer kostet, inklusive des kompletten Versorgungspakets, 1058 Euro, was das Marienheim preislich interessant macht. Die Renten werden in Zukunft sicher nicht steigen, und es sollte nicht so sein, dass die Betreuung und die Pflege einen alten Menschen finanziell ruinieren.

Droht diese Gefahr denn?

Ja, und das ist ja auch der Grund, weshalb die DG andere Wege geht und beispielsweise das häusliche Umfeld stärken möchte. Ins Altenheim von morgen werden die Menschen nicht mehr mit 70 Jahren einziehen und bis 90 wohnen bleiben. Der Trend geht zum Altenheim, das ich zeitweilig als Tagesstätte nutze, das ich mal nach einer OP ein paar Monate besuche, um wieder auf die Beine zu kommen, das mich bei der häuslichen Pflege unterstützt, wenn meine Angehörigen mal in Urlaub sind,… Das ist meine Vision der Altenpflege von morgen. Die Zeiten, in denen die Menschen 10 oder 15 Jahre im Altenheim wohnen, dürften vorbei sein. Die durchschnittliche Verweildauer wird sinken, das sieht man heute schon und darauf müssen wir unser Pflegeteam vorbereiten. Im Altenheim werden in Zukunft Menschen wohnen, die schwerstpflegebedürftig sind.

Finden Sie denn das nötige Pflegepersonal? In der vergangenen Woche machte in Eupen eine Jobbörse auf 30 offene Stellen im Pflegesektor der DG aufmerksam.

Im Moment haben wir hier im Marienheim mehr Anfragen als Stellen, aber das ist nur eine Momentaufnahme. Ohne die Nachschulung von Arbeitssuchenden hätten wir bereits heute einen Altenpflegemangel. Wir haben in Belgien das Privileg, im Bereich der Altenpflege zu 100 Prozent auf qualifiziertes und diplomiertes Personal zurückzugreifen. Und wir sollten im Sinne der Qualität so lange wie möglich daran festhalten.

Blick auf das Raerener Marienheim