„Wir stehen mit dem Rücken zur Wand“

Vor fast genau einem Jahr wurde Toni Wimmer (56) zum BRF-Direktor gewählt: „Natürlich habe ich mir das anders vorgestellt.“ | Foto: David Hagemann

Der Belgische Rundfunk (BRF) erlebte 2012 wegen finanzieller Probleme eine Kündigungs- und Pensionierungswelle. Jetzt geht der Sender auf den Felgen und muss sich neu erfinden, wie BRF-Direktor Toni Wimmer im Interview erklärt.

Von Boris Cremer

Herr Wimmer, vor fast genau einem Jahr sind Sie zum neuen BRF-Direktor gewählt worden. Hand aufs Herz: Das hatten Sie sich doch alles ganz anders vorgestellt, oder?

Natürlich habe ich mir das anders vorgestellt. Vor einem Jahr war von dramatischen Sparzwängen noch keine Rede. Das hat sich ja zum Teil erst nach meinem Amtsantritt (am 15. Mai 2012, A.d.R.) ergeben. Seitdem haben sich die Ereignisse überschlagen. Ein Großteil meiner bisherigen Tätigkeit bestand aus Ursachenforschung, Schadensbegrenzung, Vergangenheitsbewältigung und Haushaltskonsolidierung.

Sie haben Ende Januar 2012, nach Ihrer Bezeichnung, in einem GrenzEcho-Interview u.a. gesagt: „Der BRF ist ein sehr solides Haus.“ Inwiefern schränken Sie diese Aussage jetzt, ein Jahr später, ein?

Der BRF ist für mich weiterhin ein sehr solides Haus. Die Grundlagen sind geprägt von Kompetenz, Engagement und von thematischer Vielfalt. Das sind Stärken, die bedingt durch die Sparzwänge zuletzt etwas in den Hintergrund geraten sind. Der Stellenabbau hat auf die Stimmung gedrückt. Der BRF ist derzeit arg gebeutelt, aber das ändert nichts an den Qualitäten des Hauses, die wir im Zuge einer Umstrukturierung wieder stärker zutage fördern müssen.

Ab wann ist Ihnen klar geworden, dass Sie nicht als Gestalter, sondern – vorerst zumindest – als Sanierer fungieren würden?

Als ich anfing, war das ganze Ausmaß der Haushaltsproblematik noch nicht erkennbar. Es hat für alle Beteiligten Monate gedauert, um die Zusammenhänge zu analysieren. Das war für mich in der Tat ein Sprung ins eiskalte Wasser. Aber Gestaltungswille ist ja gerade auch in solch heiklen Situationen unerlässlich.

Nehmen wir mal an, Toni Wimmer wäre ein Jahr früher Direktor geworden, wären die Entlassungen und Frühpensionierungen dem BRF dann erspart geblieben.

Eine tückische Frage (lacht). Meine Überzeugung ist, dass mit einer längerfristigen Finanzplanung die erschwerenden externen Faktoren von Dotationsdeckelung und Baremaverjüngung besser hätten ausgeglichen werden können. Im Sommer allerdings blieben kaum Alternativen. Das lässt sich auch daran ablesen, dass selbst der Abbau von insgesamt zehn Beschäftigten so gerade ausreicht, die Haushalte bis 2015 zu sichern.

Also war das Führungsvakuum, das mit der Pensionierung von Hans Engels als Direktor entstanden ist, entscheidend für die drastischen Schritte?

Es tut ja keinem Betrieb gut, monate- und im Falle des BRF gar jahrelang führungslos zu sein. Insofern hätte ein nahtloser Übergang des Direktorenpostens wichtige Kurskorrekturen erlaubt, und die Entwicklung wäre wahrscheinlich nicht so dramatisch gewesen. Aber das ist Kaffeesatzleserei.

Bei der Ursachenforschung gibt es mehrere Grundthesen: 1. Der BRF bekommt seit Jahren zu wenig Geld von der DG. 2. Der BRF hat sich zu viel zugemutet. 3. Dem BRF wurde zu viel zugemutet.

Die Wahrheit liegt wohl wie so oft in der Mitte. Der BRF hat für meine Begriffe einerseits über seine Verhältnisse gelebt und sich nicht penibel genug an die finanziellen Vorgaben gehalten. Andererseits glaube ich, dass durchaus immer wieder Anforderungen an den BRF gestellt worden sind, die nicht ausreichend finanziell begleitet wurden. Insofern ist da eine ungünstige Gemengelange entstanden. Der BRF hat zu viel gemacht ohne die nötige finanzielle Deckung. Das Ergebnis müssen wir jetzt ausbaden.

Im vergangenen Jahr wurden vier BRF-Mitarbeiter entlassen und sechs weitere in Frührente geschickt. Kann der BRF angesichts dieses Stellenabbaus überhaupt noch seinen Aufgaben gerecht werden?

Wir haben meiner Meinung nach eine Grenze überschritten und sind unter dem Limit angelangt. Wir haben jetzt auch bei BRF1 unmoderierte Sendestrecken, z.B. vormittags von 10 bis 12 Uhr. Das sind Abschaltfaktoren, und diese Hörer sind kaum zurückzugewinnen. Insofern stehen wir mit dem Rücken zur Wand. Es bleibt nur der Weg nach vorne. Wir werden jetzt Strukturen suchen, die es uns ungeachtet der finanziellen und personellen Zwänge erlauben, ein konkurrenzfähiges Produkt zu gestalten. Die Bereiche Redaktion und Moderation haben stärker als andere unter dem Aderlass gelitten. Deshalb müssen wir schauen, wie wir aus Verwaltung und Technik Personal verlagern können in die programmschaffenden Bereiche. Dafür brauchen wir eine Veränderung der statutären Rahmenbedingungen, und das muss jetzt mit der Politik und den Gewerkschaften diskutiert werden.

Ein Privatunternehmen in Ihrer Situation würde hoffen, dass es irgendwann wieder bergauf geht und sogar wieder Personal eingestellt werden kann. Hat der BRF Anlass zur Hoffnung, dass die Talsohle durchschritten werden kann, oder stehen Ihnen ganz magere Jahre bevor?

Es gibt noch etwas Spielraum innerhalb des Hauses, und den müssen wir nutzen. Das verlangt aber strukturelle Veränderungen. Wir sind jetzt dabei zu überlegen, wie das Programm gezielt aufgewertet werden kann. Wir werden, ausgehend von einer Mindestgrenze, ausloten, welche Bereiche vorsichtig ausgebaut werden können. Wir waren ja ungeachtet der Sparzwänge nicht untätig. Die Arbeitsordnung ist angepasst worden, die Funktion eines stellvertretenden Redaktionsleiters wurde geschaffen, wir haben jetzt eine Weiterbildungsbeauftragte, die Erstellung von Moderationsrichtlinien ist im Gange usw.

Ministerpräsident Lambertz hat im DG-Parlament gesagt: „Der BRF kostet pro Jahr fünf Millionen Euro, und das Geld ist dann weg“, während der Privatsender 100’5 Das Hitradio seit 2003 Gewinne einfahre. Das ist doch aus Sicht des BRF eine Beleidigung…

Der Vollständigkeit muss man hinzufügen: Es gab den Nachsatz, dieses Geld für den BRF sei gut angelegt. Also war es keine bloße Geringschätzung. Aber natürlich werden solche Aussagen hier im Hause derzeit sehr sensibel wahrgenommen. Das führt zum Teil zu Entrüstung und Empörung. Mir ist wichtig, dass der BRF mit 100‘5 vernünftig unter einem Dach zusammenlebt. Dazu gehört eine vertragliche Regelung der technischen Unterstützung und Infrastrukturnutzung. Da laufen die Verhandlungen, und von deren Ergebnis mache ich abhängig, ob es eine sinnvolle Koexistenz wird oder nicht. Es sind da Synergien möglich, aber es gibt eine ganze Reihe von Widerständen, die wir ausräumen müssen. Das wird nicht einfach, und das wird seine Zeit brauchen.

Sie sprachen davon, Aussagen wie die von Lambertz in dieser Woche hätten für „Entrüstung und Empörung“ gesorgt. Sie sind also gewiss nicht glücklich darüber.

Ich möchte vorwegschicken, dass wir uns in konstruktiven Verhandlungen mit der DG-Regierung befinden und wir den Eindruck haben, dass man uns an der Klötzerbahn wirklich helfen will, die aktuellen Probleme zu bewältigen. Es stimmt aber, dass einige Aussagen der Politik in Sachen BRF zuletzt unglücklich waren. Aber damit müssen wir leben. Wir befinden uns in einer Umstrukturierung, die sich nicht auf das Programm beschränken wird, sondern viel umfangreicher sein wird. Uns steht ja ein Audit bevor, dass im April oder Mai beginnen wird. Davon erhoffen wir uns wichtige Informationen zu Arbeitsabläufen und zur Organisationsoptimierung, und daran koppeln wir die Überlegung, wie sich der BRF für die Zukunft aufstellen sollte. Personal, Gremien, Gewerkschaften und Politik sind aufgerufen, sich an diesen Überlegungen zu beteiligen.

Wird der BRF privatisiert, oder in welche Richtung geht das?

Das ist völlig offen. In unserer aktuellen Situation müssen wir uns überlegen, ob es nicht günstigere Formen für den BRF gibt als die aktuelle öffentlich-rechtliche Struktur mit ihren statutären Rahmenbedingungen. Wir können im Moment das Personal nicht dort einsetzen, wo wir es brauchen. Ein Privatunternehmen kann das ohne Probleme, aber in einer öffentlich-rechtlichen Struktur ist das quasi unmöglich. Die Frage, wie wir das auch hier möglich machen können, finde ich völlig legitim.

Direktor Toni Wimmer (1.v.l.) und der stellvertretende Redaktionsleiter Olivier Krickel (1.v.r.) ehrten beim BRF-Neujahrsempfang am vergangenen Donnerstag Frank Vandenrath (2.v.l.), Rolf Peters (Mitte) und Michael Reul (2.v.r.), die in Frührente gingen. | Foto: BRF