Volksrocker mit Botschaft

John Francis Bongiovi, Sohn eines aus Sizilien stammenden Arbeiters: „Als amerikanischer Patriot möchte ich, dass alle Menschen gleich behandelt werden: Weiße, Schwarze, Heterosexuelle, Schwule, Demokraten und Republikaner. Aber ich muss damit leben, dass wir niemals perfekt sein werden.“ | Foto: dpa

Bon Jovi aus New Jersey verkörpern den American Way of Life wie kaum eine andere Band. Im Sommer 2013 stellen die Superstars ihr neues Opus „What About Now“ bei einigen Freiluftkonzerten vor. Das Album soll bereits Ende März erscheinen.

Olaf Neumann hatte vorab Gelegenheit, mit Frontmann Jon Bon Jovi zu plaudern. Ein Gespräch über soziales Engagement, das Songschreiben mit 50 und Begegnungen mit Barack Obama.

Sie bereiten sich gerade auf eine Welttournee mit Bon Jovi vor. Ist das harte Arbeit?

Ja, solch eine Tour erfordert natürlich einen gewissen Arbeitsaufwand. Wir haben den Anspruch, eine Produktion auf die Beine zu stellen, die mit der letzten mindestens mithalten kann. Viele unserer Fans haben sämtliche unserer Tourneen gesehen. Wir wollen sie schließlich nicht langweilen. Dass ich mich körperlich fit halte, ist eigentlich selbstverständlich. Die Produktion, mit der wir jetzt um die Welt reisen, ist ein Monster. Der Aufwand ist schier unglaublich. Aber wir kriegen das hin. Alles ist gut.

Muss jede neue Bon-Jovi-Tour ein bisschen größer sein als die vorherige?

Diese Produktion ist groß, ja. Aber sie ist nicht verschwenderisch. Wissen Sie, ich sehe mir öfter Arenen- und Stadionkonzerte anderer Bands an, und manchmal frage ich mich: Was will uns der Künstler mit diesem Bühnenaufbau sagen? Das ist Kunst, kostet einen Haufen Geld und gehört vielleicht ins Museum, aber bestimmt nicht auf eine Rockbühne. Ich suche für Bon Jovi immer nach einer praktischen Lösung, nach einem Aufbau, den man gut transportieren kann. Zudem muss das Publikum verstehen, was das Ganze soll. Kürzlich zeigte mir jemand seinen Entwurf für eine Bühne. Es sah aus wie Stonehenge. Ich möchte unserem Publikum aber nicht zumuten, jeden Abend das Bühnendesign interpretieren zu müssen. Mann, es ist doch nur ein Rockkonzert. Dafür braucht es eigentlich nur ein Mikrofon und einen Scheinwerfer.

Machen Sie sich viele Gedanken über die Songauswahl?

Nicht wirklich. Klar wird unser Katalog immer größer, die neuen Songs sollen auch ihren Platz im Programm haben. Aber die Hits dürfen wir nicht vernachlässigen. Ich glaube, ich habe ein gutes Händchen dafür, was funktioniert.

Das Album zur Tour wird “What About Now” heißen und voraussichtlich Ende März erscheinen. Haben Sie versucht, die Band neu zu erfinden?

Nein. Aber wir haben definitiv versucht, uns weiterzuentwickeln. Auf einem Album von Bon Jovi wird man niemals einen Rapper oder eine Boyband hören, weil das vielleicht populär ist. Sowas passt einfach nicht zu uns.

Wie persönlich sind Ihre neuen Songs?

Songs wie „The Fighter“ gehören zu den persönlichsten, die ich je gemacht habe. Wenn man ihn hört, weiß man, warum ich ihn geschrieben habe und wie ich über bestimmte Dinge denke. Andere Texte lesen sich wie Briefe an meine Kinder. Und „Because We Can“ ist eine erhebende Hymne im typischen Bon-Jovi-Stil. Wissen Sie, ich bin 50 Jahre alt, ich muss keine oberflächlichen Partylieder mehr schreiben. Meine Songs sind hoffentlich zeitlos und universell. Sie reflektieren das, was in der Welt tatsächlich vor sich geht – aus meinem persönlichen Blickwinkel. Vier Jahre nach Slogans wie „Hope“ und „Change“ möchte ich von der Politik keine Versprechungen mehr hören. Ich will sehen, dass sich konkret etwas ändert. Mit „Because We Can“ wollen wir sagen: Hört auf zu quatschen und tut endlich was!

Ist „What About Now” ein Album der Hoffnung?

Ich würde sagen, es ist ein Album zwischen Hoffnung und Realität. Der Song „I’m With You“ beschreibt zum Beispiel die Frustration, die man erleben muss, wenn die Realität der Hoffnung aufs Maul haut. Deswegen wird es Zeit, aufzustehen und etwas zu tun. Natürlich bin ich privilegiert, aber ich nehme durchaus wahr, was um mich herum passiert. Ich sehe Menschen, die partout keinen Job finden, die noch nicht mal das Geld haben, um Weihnachten zu feiern. Die Wirtschaftskrise ist noch lange nicht überwunden, die Politik muss jetzt liefern.

Fällt es Ihnen immer leicht, sich auf der Bühne mit sehr persönlichen Songs zu öffnen?

Auf der Bühne macht es für mich eigentlich keinen Unterschied, ob ich einen sehr persönlichen Song singe oder einen, der sich mit gesellschaftlichen Dingen beschäftigt. Ich singe sie alle mit derselben Inbrunst und Leidenschaft. Unsere Shows sind ja irgendwie auch große Partys. Wobei ich genau weiß, wie man die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zieht, wenn es um ernstere Themen geht. Derselbe Song bekommt eine ganz andere Bedeutung, wenn man ihn akustisch statt elektrisch bringt. Ich könnte für Sie „Living On A Prayer“ spielen und Sie würden dabei eine Stecknadel fallen hören können. Mit demselben Song kann ich aber auch ein Stadion zum Kochen bringen.

Helfen Ihre Songs, die Welt besser zu verstehen?

Wissen Sie, ich habe einfach viel von der Welt gesehen, unsere Tourneen führen uns seit 30 Jahren regelmäßig rund um den Globus. Ich bin mit der wirtschaftlichen Situation von Asien, Europa oder Afrika einigermaßen vertraut, denn ich bin ja selbst dort gewesen. Dieses Jahr spielen wir aus naheliegenden Gründen nicht in Spanien oder in Griechenland. Aber wir treten das erste Mal in 17 Jahren wieder in Südafrika auf.

Was erwarten Sie eigentlich von Barack Obamas zweiter Amtszeit?

Ich hoffe auf Kompromisse zwischen den Demokraten und den Republikanern. Ich empfinde diese endlosen Diskussionen um die Fiskalpolitik zermürbend, während die Mittelklasse immer mehr auseinanderbricht. Die Reichen müssen definitiv höher besteuert und den Armen muss aktiv geholfen werden. Die Politiker wissen um diese Problematik, aber sie reden immer nur um den heißen Brei herum. Die sollten endlich mal ihre Hände aus den Hosentaschen nehmen und sich um die wahren Bedürfnisse ihrer Wählerschaft kümmern. Ich finde, Politiker sollten einmal von Sozialhilfe leben müssen, dann wüssten sie wenigstens, wie Armut sich anfühlt. Das alles mit anzusehen, ist frustrierend.

Mit Ihrer Stiftung The Jon Bon Jovi Soul Foundation bekämpfen Sie die Armut in Amerika. Was treibt Sie tief im Innersten an?

Nun, wenn ich jemanden sehe, der Hilfe benötigt und ich die Möglichkeit habe, diesem Menschen aktiv zu helfen, dann tue ich es einfach. Ich denke, das geht jedem so. Ich habe kürzlich ein Benefizkonzert zugunsten der Sturmopfer an der amerikanischen Ostküste gespielt, weil dort meine Leute leben. Mein eigenes Haus und meine Familie waren von „Sandy“ betroffen. Es ist doch selbstverständlich, dass ich Nachbarn helfe.

Sie wurden von Präsident Obama in ein Gremium im Weißen Haus berufen. Es soll neue Wege finden, um junge Menschen in Schwierigkeiten wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Mit welchen Methoden wollen Sie das schaffen?

Es fing damit an, dass ich bei meinen Beobachtungen bestimmte Dinge über Jugendliche und junge Erwachsene herausgefunden hatte. Darüber informierte ich die Mitglieder dieses Gremiums. Wir haben hier in Amerika junge Menschen, die in Obdachlosenunterkünften leben müssen. Die wollen eigentlich arbeiten, aber sie kommen nicht an die dafür notwendigen Papiere wie Geburtsurkunden heran. Weil sie eben keinen festen Wohnsitz haben. Wenn du in solch einem Heim lebst oder ein Kind bist, das deine Eltern eigentlich gar nicht haben wollten, kommst du an solche Dokumente einfach nicht ran. Ein Teufelskreis. Man kann Menschen bereits mit relativ einfachen Mitteln helfen und sie so in die Gesellschaft wieder eingliedern. Solche Dinge habe ich dem Gremium vermittelt.

Und was noch?

Ich habe mir in den letzten vier Jahren ein Programm für jugendliche Straftäter überlegt. Sie sollen eine zweite Chance bekommen. Viele Firmen würden Kids, die mit leichten Drogen wie Marihuana oder Schlägereien zu tun hatten, niemals einstellen. Die müssen aber dringend wieder eingegliedert werden, es sind ja keine Schwerverbrecher. Ich habe das Gremium mit Gesichtern und Lebensgeschichten und nicht bloß mit Statistiken konfrontiert. Diese Kids gehören in Einrichtungen, wo ihr Selbstbewusstsein gestärkt wird und wo sie eine Ausbildung bekommen. Tut man dies nicht, werden sie zwangsläufig zu lebenslangen Sozialhilfeempfängern.

Wer keine Arbeit hat und um Almosen bitten muss, verliert schnell seine Würde.

Arbeit ist enorm wichtig für die Würde. Meine Frau und ich betreiben in New Jersey ein Restaurant, es heißt Soul Kitchen. Wir nennen es „Zweckrestaurant“. Auf der Speisekarte stehen keine Preise. Wer nichts hat, muss bei uns auch nichts bezahlen. Es ist aber keine Armensuppenküche, sondern ein richtiges Restaurant, wo man von richtigen Tellern Drei-Gänge-Menus essen kann. Als Gegenleistung für eine Mahlzeit erwarten wir, dass sich der Gast zum Beispiel in unserem Garten nützlich macht oder beim Abwasch hilft. Auf diese Weise können wir unsere Fixkosten senken und gleichzeitig dabei helfen, Menschen wieder in Arbeitsprozesse einzugliedern. Bei uns hat niemand das Gefühl, Almosen zu bekommen. Auch wer mit nichts zu uns kommt, behält seine Würde. Aber zu uns kommen auch Gäste, die 20 Dollar für ihr Essen und das ihres Tischnachbarn bezahlen. Auf diese Weise bringen wir Menschen zusammen. Man kann auf vielfältige Weise helfen.

Sind Sie ein kritischer und hinterfragender Patriot?

Ja, das bin ich definitiv. Als amerikanischer Patriot möchte ich, dass alle Menschen gleich behandelt werden: Weiße, Schwarze, Heterosexuelle, Schwule, Demokraten und Republikaner. Aber ich muss damit leben, dass wir niemals perfekt sein werden.

Es heißt, Sie seien mit den Obamas befreundet. Haben Sie selbst politische Ambitionen?

Nein, habe ich nicht. Es wäre vermessen, wenn ich Barack Obama als meinen persönlichen Freund bezeichnen würde. Er ist mein Präsident. Und ich schätze mich glücklich, dass ich mich bei verschiedenen Gelegenheiten mit ihm austauschen durfte.

Die Band Bon Jovi ist

am 22. Juni 2013 im Kölner RheinEnergie-Stadion live zu erleben.