„Ich werde mich nicht verkriechen“

Man kennt sich aus der Euregio: EU-Parlamentspräsident Martin Schulz aus Würselen (l.) und Mathieu Grosch (Archivfoto).

Mit dem Ausscheiden von Mathieu Grosch aus dem Kelmiser Gemeinderat ist an der Göhl eine Ära zu Ende gegangen. 21 Jahre stand der CSP-Politiker als Bürgermeister an vorderster kommunalpolitischer Front. Übrig geblieben ist der Europapolitiker Grosch. Das GrenzEcho besuchte den 62-Jährigen in Kelmis und unterhielt sich mit ihm über die Wahlschlappe im vergangenen Jahr, seinen Amtsnachfolger Louis Goebbels sowie ein Leben nach der politischen Karriere.

Von Martin Klever

Herr Grosch, sagt Ihnen die Zahl 7.746 etwas?

7.746? Auf Anhieb sagt mir das ehrlich gesagt nichts.

Sol viele Tage waren Sie Bürgermeister der Gemeinde Kelmis.

Ach du lieber Gott (Grosch lacht). Wir haben diese Zeitspanne zwischenzeitlich mal in Anzahl Gemeinderatssitzungen umgerechnet. Wie viele das waren, weiß ich aber nicht mehr – nur das ich keine einzige Sitzung verpasst habe.

Die Dauer Ihrer Amtszeit ist ohne Frage beachtlich – gekennzeichnet von vielen Höhen und Tiefen, wobei insbesondere Ihr Abgang von der kommunalpolitischen Bühne nicht so verlaufen ist, wie Sie sich es gewünscht hätten, oder?

Sicherlich nicht. Mein Abgang war programmiert, aber natürlich nicht in dieser Form. Klagen gehörte aber noch nie zu meinen Stärken, deshalb mache ich es wie beim Balletttanzen: Gute Miene zeigen zum nicht immer schönen Spiel.

Wie bewerten Sie den Ausgang der Kommunalwahlen von Oktober 2012 mit einigen Monaten Abstand? Überwiegt die Enttäuschung oder fällt nach all den Jahren an vorderster Gemeindefront nicht auch eine Last von Ihren Schultern?

Solche Sachen muss man erst einmal verkraften. Aber ich denke, dass man so etwas privat für sich machen sollte. Natürlich war ich enttäuscht – und ohne Frage haben wir und ich persönlich Fehler gemacht. Wir sind großes Risiko gefahren. Die Auswirkungen unseres Verhaltens waren uns aber im Vorfeld nicht so bewusst. Nach all den Jahren als Bürgermeister würde wohl jeder an meiner Stelle am liebsten selber entscheiden, wann er geht. Aber gut, das haben jetzt andere für mich getan und das muss ich akzeptieren.

Akzeptieren heißt nicht zustimmen.

Ohne masochistisch zu sein, finde ich das Ganze nicht uninteressant. So viele Leute sagen immer „Wählen bringt nichts, es kommt sowieso immer dasselbe dabei heraus“, aber in Kelmis ist jetzt mal ein anderes Zeichen gesetzt worden.

Während zwei Jahrzehnten galten Sie als Kelmiser Bürgermeister als nahezu unantastbar, mussten sich kaum Sorgen um eine Wiederwahl machen. Böse Zungen würden behaupten, dass Sie den Absprung im richtigen Moment verpasst haben?

Das behaupten nicht nur böse Zungen, das behaupte auch ich selber. Ich habe unter anderem einiges gemacht, wovon ich jedem anderen abraten würde: Nicht ein Jahr vorher sagen, dass man geht – und sich dann irgendwie überzeugen lassen, dass man doch noch einmal antritt. Das kommt einfach nicht gut an.

Aber auch das publik gemachte Koalitionsabkommen zwischen CSP und SP schien viele Bürger zu irritieren.

Das stimmt. Man kann Zusammenarbeiten ankündigen und dadurch frühzeitig Transparenz schaffen, aber die Bürger haben das nun mal so verstanden, dass wir unbedingt an der Macht bleiben wollten – und das ist auch ihr gutes Recht. Diese Offenheit ist leider ganz anders interpretiert worden, was wir im Nachhinein natürlich auch feststellen mussten. Ich bin aber immer ein Koalitionsmensch gewesen. Ich habe mehr Koalitionen erlebt als absolute Mehrheiten, und deshalb war ich froh, dass man sich bereits im Vorfeld zu einer Mehrheit überwinden konnte. Es hieß ja immer, die CSP sei eine Alleinherrscherin in Kelmis, was für meine Zeit als Bürgermeister jedenfalls gar nicht stimmt.

Nichtsdestotrotz konnte man den Eindruck gewinnen, dass Sie Ihre Wahlniederlage relativ gefasst und nüchtern aufgenommen haben. Wirft einen langjährigen Vollblutpolitiker wie Sie eine solche Schlappe nicht mehr so schnell aus der Bahn?

Ich denke, dass so etwas in erster Linie auch eine Charakterfrage ist. Die Größe eines Menschen erkennt man ja nicht unbedingt an seinen Siegen, sondern in Momenten der Niederlage. Diesbezüglich habe ich Schönes und weniger Schönes erlebt. Aber ich kann nicht von anderen verlangen, dass sie sich auch so verhalten. Vor allem kann man im Vorfeld nicht sagen, dass man das Wählervotum respektiert und es im Anschluss dann doch nicht tut.

Zu den weniger schönen Momenten gehörte für Sie sicherlich die öffentliche Attacke Ihres einstigen politischen Ziehsohns Luc Frank. Kam das für Sie überraschend?

Ich habe bislang nicht über einzelne Personen geredet und werde das jetzt auch nicht machen. Was mir aber am Tag nach der Wahlniederlage gut getan hat, war die Geschlossenheit unserer Mannschaft, die hinter mir stand. Aber natürlich muss man als Spitzenkandidat ein bisschen mehr einstecken, aber zu allem anderen werde ich auch jetzt – einige Monate danach – keine weiteren Kommentare abgeben.

Feststeht, dass Sie nach so vielen Jahren als Aushängeschilder der Kelmiser Kommunalpolitik keine Lust mehr hatten, sich auf die harte Oppositionsbank zu setzen.

Das stimmt, aber das war auch für mich eine wirklich schwierige Entscheidung. Wenn man bleibt, sagen die Leute „Der kriegt nie genug und hat es einfach nicht verstanden“, wenn man geht heißt es „Der hat keine Lust auf Oppositionsarbeit“. Deshalb haben wir diese Entscheidung auch parteiintern getroffen mit den Leuten, die nachrücken. Wenn jemand sich darüber freut, dass er nachrücken darf, dann räume ich gerne meinen Platz. In der Politik kann man ohnehin nie alle zufriedenstellen. Ich arbeite aber weiter mit und leiste meinen Beitrag. Es ist nicht so, dass ich jetzt vor Ort im Rat nicht mehr präsent bin und deshalb die Hände in den Schoß lege. Das Thema Kelmis beschäftigte mich nicht nur in der Vergangenheit, sondern wird mich auch in Zukunft weiter beschäftigen.

Das Gegenbeispiel zu Ihnen ist Elmar Keutgen, der auch als abgewählter Bürgermeister auf der Eupener Oppositionsbank Platz nimmt.

Und es ist sein gutes Recht, das auch in dieser Form zu machen. Das sind Sachen, die man intern besprechen soll. Ich glaube aber auch, dass es für mich einfacher war, weil ich schon vor einem Jahr gesagt habe, dass es Zeit wird, für andere Platz zu machen. Wobei die Umstände jetzt nicht wirklich ideal waren.

Soll man denn die Nachwuchskräfte einfach ins kalte Wasser schmeißen oder ihnen eher mit Rat und Tat zur Seite stehen?

Das ist eine persönliche Frage. Man kann Spielertrainer sein oder einfach den Trainerjob ausüben, ohne auf dem Spielfeld zu stehen. Beide Methoden können funktionieren.

Der Wahlkampf 2012 in Kelmis wurde von liberaler Seite mit sensiblen Themen wie dem Sicherheitsgefühl der Bürger und durch die Ausländerproblematik angeheizt, während die CSP projektbezogene Schwerpunkte anführte. Vor welchen Herausforderungen steht die Gemeinde denn nun anno 2013?

Für mich stand die Gemeinde vor der Hausforderung, rein technisch und infrastrukturell Dinge zu erneuern. Wenn man sich Kelmis heute anschaut und zehn bis 15 Jahre zurückblickt, dann haben wir sehr viel geleistet: Ob es die Schulen, Straßen oder Kirchen betrifft. Das Zweite betrifft die Seele der Gemeinde. Die Kelmiser Bevölkerung setzte sich neben dem Mittelstand vor allem aus Menschen zusammen, die Arbeit suchten im Raum Verviers oder Aachen. Und da wir vom Standort her nicht zum Anziehungspunkt für große Niederlassungen taugten, ging es für mich darum, Kelmis progressiv zum Dienstleistungszentrum aufzubauen. Und auf diesem Gebiet haben wir sicherlich eine hervorragende Vorarbeit geleistet. Und wenn Louis Goebbels jetzt diese Trümpfe ausspielt, dann kann er einiges bewegen.

Mathieu Grosch als Wegbereiter für Louis Goebbels?

Sicherlich. Viele meinen ja, Gemeindepolitik besteht in erster Linie aus Empfängen und Festen. Aber 90 Prozent der Arbeit sehen die Bürger verständlicherweise nicht: die Zusammenarbeit mit der Verwaltung und den Projektautoren, die Verteidigung von Dossiers in Namur oder Brüssel. All das nimmt viel Zeit in Anspruch, und oft sitzt man zu später Stunde auch ganz alleine da. Jedoch hat mich gerade dieser Teil der Arbeit immer gereizt und ausgefüllt. Der Auftrag war für mich definitiv immer wichtiger als der Titel.

Welche Ratschläge würden Sie dem neuen Bürgermeister mit auf den Weg geben? Steuererhöhungen sind ja derzeit ein heißes Thema in Kelmis.

Für die neue Mehrheit haben wir alle wichtigen Dossiers komplett vorbereitet. Ich wollte nicht nach dem Prinzip der verbrannten Erde verfahren. Für mich ist es wichtig, dass gute Entscheidungen für die Gemeinde getroffen werden, auch wenn ich dann oft anderer Meinung sein werde als die neue Mehrheit. Für Ratschläge stehe ich immer zur Verfügung – auch in Zukunft. Und wenn mich Louis Goebbels gefragt hätte, wie man Steuererhöhungen vermeiden könnte, dann hätte ich ihm das schon beibringen können. Man muss hierzu natürlich auch den nötigen Willen mitbringen.

Die Kombination Mathieu Grosch und Bürgermeisteramt ist jedenfalls seit einigen Wochen Geschichte. Übrig geblieben ist der Europapolitiker Mathieu Grosch. Es gibt sicherlich weniger attraktive berufliche Ausrichtungen, oder?

Auf jeden Fall. Ich traf unlängst Elmar Keutgen, der mir sagte: „Zum Glück bin ich Arzt geblieben“. Wenn man von einem 14-Stunden-Tag in einen Null-Rhythmus fallen würde, dann wäre dies sicherlich nicht leicht zu verkraften. Ich bin in einem Metzgerbetrieb großgeworden und habe von klein auf solch ein Arbeitspensum gekannt. Ich könnte nicht von heute auf morgen einen Pilgerstab nehmen und sagen: „So, ich bin weg.“ Am Ende ist es auch eine Motivationsfrage.

Was motiviert Sie denn noch nach all den Jahren, in Brüssel und Straßburg weiterhin aktiv zu sein? Im Europaparlament sind Sie auch schon seit 1994 vertreten und gehören dort mittlerweile zu den alten Hasen.

Es sind die Internationalität, das Umfeld und die Herausforderungen. Als Belgier ist man bekannt, gute Kompromisslösungen zu finden, und baut sich einen interessanten Ruf auf. So etwas erschläft man sich ja nicht. Gleichwohl habe ich fortan mehr Spielraum, um an interessanten Verhandlungen mit Partnerländern teilzunehmen. An den Karnevalstagen wird jetzt beispielsweise die ganze Umweltproblematik mit den USA verhandelt, was ja auch die Bürger direkt betrifft. Das sind interessante Delegationen, die man zu führen angeboten bekommt, worauf ich früher vielleicht verzichtet hätte, weil gerade Rosenmontag war. Wobei ich nach wie vor noch gerne Karneval in Kelmis feiere und auch weiterhin gerne die Schützen besuche.

Im kommenden Jahr wird das EU-Parlament neu gewählt. Stehen Sie als Kandidat erneut bereit oder hat Sie die Wahlniederlage in Kelmis zum Umdenken bewogen?

Ich weiß nur eines: Ich fühle mich mit 62 Jahren noch nicht in einer Verfassung, in der ich mit allem aufhören möchte. Ich bin aktiv und gesundheitlich zum Glück noch auf der Höhe, sodass ich in nächster Zeit höchstens mein tägliches Arbeitspensum von 14 auf 12 Stunden runterschrauben werde.

Von der Ausbildung her sind Sie Lizenziat für germanische Sprachen. Hätte es Sie in den Lehrerberuf verschlagen, wären Sie mittlerweile längst in Rente. Haben Sie schon ein Zeitfenster bestimmt, in dem Sie sich als Berufspolitiker zurückziehen werden?

Ich hatte mal solche Zeitfenster, die sich allerdings immer wieder verschoben haben. Am Anfang meiner Karriere hatte ich geplant, zunächst zehn Jahre im Unterrichtswesen zu arbeiten und anschließend in die Privatwirtschaft zu wechseln. Aber bei Letzterer bin ich nie angekommen. Als ich in der Politik anfing, habe ich zu Joseph Maraite gesagt „In zehn Jahren bin ich wieder weg“ – aber auch das hat nicht funktioniert. Und zu guter Letzt habe ich vor einem Jahr erklärt, nicht mehr als Kandidat für das Bürgermeisteramt zur Verfügung zu stehen – und auch dieses Resultat ist ja bekannt. Von daher bin ich mittlerweile sehr vorsichtig geworden, wenn es um Zeitfenster geht. Mir fehlt es aber auch abseits der Politik nicht an Projekten. Es gibt unzählige Sachen, die ich noch machen kann, mir fehlen nur vielleicht die Jahre hierfür.

Was würde Mathieu Grosch denn fernab des politischen Milieus machen? Golfen, Lesen oder einer Altherren-Mannschaft beitreten?

Ich schreibe, lese und reise gerne, aber ich brauche irgendwo ein konkreteres Engagement. Wenn man heute sieht, dass es viele Bereiche gibt, in denen Einsatz und Überzeugung immer wieder gefragt sind und es nicht um Gehalt geht, dann kann ich mir gut vorstellen, mich in solche Projekte einzubringen. Meine Familie weiß, dass ich mich nicht von heute auf morgen verändern werde und plötzlich nichts mehr tue. Ein gesellschaftliches Engagement werde ich daher auf jeden Fall anstreben. Keiner muss Angst haben, dass ich mich irgendwo in ein Loch verkrieche und verschwinde.

Plenarsitzung in Straßburg: Seit 1994 sitzt Mathieu Grosch im europäischen Parlament.
Mathieu Grosch empfing das GrenzEcho in seinem Kelmiser Wohnhaus zum Gespräch. | Foto: Helmut Thönnissen
Mathieu Grosch (l.) hatte EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso (r.) im Rahmen der EVP-Studientage getroffen.
Mathieu Grosch 2003 im Kreis der alten Weiber. Am bunten Treiben in seiner Gemeinde will der CSP-Politiker auch weiterhin gerne teilnehmen, wenn es sein Terminkalender erlaubt.