„Ich nehme auch die Rose“

Heute ist Weltfrauentag. Ist der in unseren Zeiten überhaupt noch aktuell und gibt es Frauenthemen, für die es sich noch zu kämpfen lohnt? Ein Gespräch über Feminismus, Männlichkeit und rote Rosen.

Von Petra Förster

Wie sehen Sie die Notwendigkeit des Einsatzes für Frauen heute? Sind die Zeiten vorbei, in denen man sich für Frauenrechte einsetzt?

Danielle Schöffers: Viele Frauen meinen jetzt, dass alles erreicht ist und es nicht schick ist oder nicht gut rüberkommt, wenn man sich für Frauenbelange einsetzt. Oft ist es auch so, dass Frauen – obwohl sie merken, dass etwas nicht ganz gerecht ist – sich eher zurückhalten.

Dorothea Schwall Peters: Es gibt immer noch das Reizthema Frauenquote – und das ist nicht nur bei Frauen ein Reizthema, sondern auch bei Männern. Wie notwendig ist es, über gesetzliche Maßnahmen Frauen in Sachen zu drängen, die sie anscheinend gar nicht wollen. Es ist ja wirklich so, dass auch die Frauen dagegen wettern. Was läuft falsch, dass Frauen immer noch nicht einsehen, dass ihre Stimme wichtig ist? Die Quote hat es offenbar nicht geschafft.

Danielle Schöffers: Noch nicht. Sie ist ja auch noch sehr jung.

Dorothea Schwall-Peters: In Skandinavien hat sich die Frauenquote offenbar durchgesetzt. Dort ist das Verhältnis wirklich 50/50. Kleine Anekdote: Seit die Frauen beteiligt sind, sind die Diäten nicht mehr erhöht worden.

Alice Piana: Das ist aber auch ein Generationsunterschied. Ich bin selbst verheiratet und Mutter und kenne jede Menge andere Familien in meinem Alter, in denen der Papa nachts aufsteht, um dem Kind die Flasche zu geben, oder spazieren geht, was zu Zeiten meiner Großeltern undenkbar war. Genauso ist es auch mit dem Arbeiten: Ich arbeite super gerne, mein Mann arbeitet im Geschäft und als Tanzlehrer. Ich glaube schon, dass Frauen und Männer andere Rollen annehmen können. Mein Mann ist oft mit den Kindern alleine und ich bin unterwegs. Seit der Generation meiner Eltern oder meiner Großeltern hat sich da viel getan, finde ich.

Dorothea Schwall-Peters: Ich empfinde das auch so. In der Erziehung auf jeden Fall. Väter sind heute entweder präsenter oder ganz abwesend. Das gibt es wohl auch. An den Idealfall, den Frau Piana da schildert, glaube ich nicht.

Danielle Schöffers: Ich glaube, dass es nur Einzelfälle sind, in denen gleichberechtigte Elternschaft wirklich gelebt wird. Ich glaube auch nicht, dass in vielen Familien die Arbeit im Haushalt 50/50 aufgeteilt wird. Die Regel ist immer noch, dass der Mann weiter Vollzeit arbeitet und die Frau herunterschraubt. Bei einer gleichberechtigten Elternschaft sieht das anders aus, da schrauben beide runter.

Ist das bei Ihnen zu Hause so?

Danielle Schöffers: Wir haben das eine Zeit lang gemacht, im Moment ist es nicht so. Derzeit schöpfe ich meinen Elternurlaub aus, danach werden die Karten neu gemischt. Es stresst mich allerdings, meine finanzielle Unabhängigigkeit zu verlieren, vor allem da wir den jungen Frauen oft sagen, dass sie nicht diesen Fehler machen sollen.

Alicia Piana: Ich muss sagen, dass ich das Glück habe, dass meine Mutter als Tagesmutter arbeitet und auch meine Schwiegermutter zur Verfügung steht. In der Hinsicht habe ich es wirklich leicht. Auch der Haushalt ist bei uns wirklich 50/50 geregelt. Und ich habe auch einige Freunde, bei denen das so ist.

Dorothea Schwall-Peters: Ich frage mich, ob das nicht auch eine Frage von Bildung ist. Wenn ich so mit meinen Abiturienten diskutiere, ist es für sie auch selbstverständlich, dass die Arbeit aufgeteilt wird. In der Realität scheint es aber noch nicht so zu sein.

Alicia Piana: Vielleicht liegt es auch am Alter. Ich bin mit 30 Jahren eine recht junge Mutter, viele bekommen erst später Kinder.

Danielle Schöffers: Nein, das glaube ich nicht. Wir verfügen auch über Zahlenmaterial und das zeigt, dass es nicht immer gleich aufgeteilt ist. Das ist nicht immer böser Wille. Kinder bekommen von klein auf diese Modelle vermittelt und übernehmen sie. Dann geht es weiter mit der Berufswahl: Frauentypische Berufe sind schlechter bezahlt als männertypische Berufe. Wenn dann ein Kind kommt, sprechen manchmal einfach die Zahlen. Wenn wir etwas verändern wollen, dann müssen wir an ganz vielen Schräubchen drehen.

Und welche Schräubchen könnten das sein?

Danielle Schöffers: Zuerst einmal müssen wir das Bewusstsein ändern. Ich habe oft Diskussionen, weil ich höre, dass Leute sagen, dass Mädchen gerne Rosa mögen.

Alice Piana: Das erlebe ich auch sehr oft im Geschäft, dass Leute sagen: Das kann ich doch nicht für einen Jungen nehmen, da ist doch Rosa dran… Bei meiner Mutter, die Tagesmutter ist, sieht man oft Mädchen mit dem Werkzeugkasten spielen und die Jungen mit den Puppen. Also ist das nicht etwas, das in den Kindern drin steckt.

Dorothea Schwall-Peters: Ja, aber bei meinen Kindern habe ich schon gemerkt, dass da was dran ist. Bei uns auf dem Land – hier in der Stadt vielleicht nicht so (lacht) – ist es so, dass alle Jungens ans Fenster laufen, und gucken, wenn ein Traktor vorbei kommt. Die Mädchen nicht.

Danielle Schöffers: Ich habe mir die Frage gestellt warum, und ich habe mich auch schon dabei erwischt: Könnte es nicht sein, dass den Jungen viel öfter gesagt wird „Guck mal, da kommt ein Traktor?“ und den Mädchen sagt man vielleicht eher „Guck mal, ein Baby, wie süß!“ Es ist ganz subtil, und es macht auch niemand böswillig, aber könnte es nicht sein, dass es so ist?

Diese Rollenklischees sitzen also tief?

Danielle Schöffers: Ja, das fängt an im Elternhaus. Im Kindergarten wird dann noch eins drauf gesetzt. Mein Sohn möchte zum Beispiel keine rosa Becher mehr, seit er im Kindergarten ist. Vorher war ihm das egal. Wenn es schon ein allgemeines Bewusstsein für diese Rollenklischees geben würde und man offen darüber reden und auch lachen könnte, dann hätten wir schon einen großen Schritt gemacht.

Dorothea Schwall-Peters: Was mir noch am Herzen liegt, ist die Männeremanzipation. Ich gebe ein blödes Beispiel, das schon älter ist: Als ich klein war, durften Mädchen nicht Messdiener werden. Jetzt dürfen Mädchen Messdiener werden, und wer ist es nicht mehr? Die Jungen. Daran sieht man wirklich: Sobald Frauen etwas dürfen, ist das für Männer nicht mehr so schön. Die Männer verteidigen zum Beispiel auch ihren Fußball. Warum setzt sich Frauenfußball nicht durch? Das ist natürlich wirklich anders als Männerfußball, aber warum? Die wollen gar nicht, dass da Frauen reinkommen.

Alice Piana: Es gibt aber auch viele Dinge, die beide Geschlechter machen können, z.B. Kampfsport. Oder Reiten. Fußball ist effektiv mehr Männerdomäne.

Danielle Schöffers: Aber worauf kommt es an? Doch eigentlich nur darauf, dass niemand sich in eine Schublade gedrängt fühlt und jeder das machen kann, worauf er oder sie Lust hat.

Es gibt viele Männer, die heute mit Ihrer Rolle nicht mehr klar kommen, weil man Ihnen so viel abverlangt: Sie müssen gut im Job sein, gut aussehen, ein guter Vater sein, ein toller Liebhaber. Empfinden Sie das auch so, dass Männer heute oft überfordert sind?

Danielle Schöffers: Ja, aber von uns verlangt man das doch schon immer (allgemeines Lachen).

Alice Piana: Das hat auch viel mit Erziehung zu tun. Mein Mann ist zum Beispiel auch so erzogen worden, dass er im Haushalt nicht helfen muss, aber in unserer Beziehung war gleich klar, dass das nicht so ist. Ich finde auch einen Mann, der anpackt, viel attraktiver.

Fehlt es nicht vor allem Jugendlichen an männlichen Vorbildern?

Alice Piana: Was ist denn Männlichkeit? Macho-Sein? Auf dem Sofa sitzen und Bier trinken?

Danielle Schöffers: Wir haben tatsächlich ein Problem mit den Jungen, die keine vernünftigen Rollenvorbilder mehr haben.

Alice Piana: Was wäre denn ein vernünftiges Vorbild?

Danielle Schöffers: Für mich wäre das ein Mann, der seine Verantwortung übernimmt. Ich komme wieder mit der gleichberechtigten Elternschaft, daran führt kein Weg vorbei.

Wir haben jetzt viel über den privaten Bereich gesprochen. Wo sehen Sie auf gesellschaftlicher, auf politischer Ebene noch Handlungsbedarf?

Dorothea Schwall-Peters: Ich glaube, unser Gesellschaftssystem, wie es im Moment funktioniert, verhindert, dass wir diese Schritte in Richtung Gleichberechtigung machen. Die Tendenz im Moment ist ja eher, soziale Leistungen und Errungenschaften abzubauen. Wenn das so weiter geht mit dem Kapitalismus, wird noch mehr davon abgebaut. Gleichwertigkeit oder alternative Familienmodelle funktionieren nur über eine kulturelle Veränderung, wenn wir sagen, wir wollen gar nicht mehr so leben. Familien müssten dann verzichten. Oder es müsste zu einer Umverteilung kommen, und der Staat sagt, Familien, die verzichten, bekommen einen Ausgleich.

Danielle Schöffers: Es gibt noch einiges, für das es sich zu kämpfen lohnt. Die Maßnahmen der föderalen Regierung, die Kürzungen beim Arbeitslosengeld, haben zum Beispiel vor allen Dingen Frauen getroffen.

Dorothea Schwall-Peters: Gleichstellung der Löhne sowieso.

Danielle Schöffers: Ein anderes Beispiel ist, dass Frauen immer wieder in Vorstellungsgesprächen gefragt werden, ob sie Kinder möchten. Das ist sogar gesetzlich verboten, aber es passiert so oft.

Was denken Sie: Werden die Flüchtlinge aus anderen Kulturkreisen das Frauenbild verändern?

Dorothea Schwall-Peters: Ich glaube, dass wir alles andere als naiv daran gehen dürfen und dass wir das sehr, sehr ernst nehmen müssen. Ich glaube, wir sind ganz gut beraten, wenn wir uns in den Kreisen Verbündete suchen. Es gibt ja auch prominente Muslima, die dafür plädieren, alles zu unterstützen, was Frauen stärkt.

Alice Piana: Die Frage ist viel komplexer und beinhaltet eigentlich auch die Frage, ob wir Angst haben, dass Flüchtlinge unsere Kultur verändern. Das betrifft nicht nur die Frauen, sondern alle. Ich glaube, gerade weil alle den Blick auf die Flüchtlinge richten und aufmerksam sind, wird dies nicht passieren.

Danielle Schöffers: Zum einen gibt es ganz viele Beispiele dafür, dass wir selbst Frauen nicht respektieren und da sollten wir jetzt nicht sagen: Das sind die Flüchtlinge. Die Frauenrechte sollen von allen respektiert werden.

Dorothea Schwall-Peters: Generell empfinde ich die Flüchtlingsbewegung auch als Chance zu definieren, was ist uns eigentlich wichtig. Nach den Vorfällen in Köln in der Silvesternacht ist noch mal ein Bewusstsein entstanden, was wir selbst bisher zugelassen haben. In diesem Sinne hat das der Frauenidee sogar gut getan.

Danielle Schöffers: Und es hat auch verhindert, dass wir weiter blauäugig mit dieser Situation umgehen. Das Ganze ist natürlich sehr schlimm für die Frauen, die dabei zu Schaden gekommen sind. Aber es zeigt auch, wie wichtig gute Integrationsarbeit ist.

Alice Piana: Natürlich hat es auch gezeigt, wie viele Leute Vorurteile haben und einfach nur hetzen.

Zum Abschluss vielleicht noch als Fazit: Ist der Weltfrauentag überhaupt noch sinnvoll?

Dorothea Schwall-Peters: Ich finde ihn absolut sinnvoll. Und ich habe jedes Jahr Lust, was zu machen. Und wenn es einfach nur ist, den Abend unter Frauen zu verbringen und es gut zu haben.

Alice Piana: Ja, und um sich Gedanken zu machen, warum ich gerne Frau bin, was ich daran wertvoll finde und was ich weniger wertvoll finde. Und: Frau ist nicht Mann, es gibt halt große Unterschiede und das darf man trotzdem nicht vergessen. Sie kommen von zwei verschiedenen Planeten.

Danielle Schöffers: Nein! Das glaube ich nicht. Aber ich finde auch den Frauentag symbolisch immer noch wichtig, als Gelegenheit noch mal anzuhalten und zu gucken, was wollten die Frauen auch noch. Sind die Ziele erreicht?

Ist es nicht eine aufgezwungene Sache, wie der Valentinstag? Müsste nicht eher jeder Tag Weltfrauentag sein?

Danielle Schöffers: Doch, deshalb sage ich auch symbolisch. Aber ich wäre froh, wenn wir ihn uns sparen könnten. Wenn jemand durch die Gegend läuft und Rosen verteilt, finde ich das ganz schrecklich. Ich will keine Rosen, ich will Gleichberechtigung.

Alice Piana: Rose ist Romantik, und Frauen brauchen Romantik.

Danielle Schöffers: Ich werde lieber respektiert.

Alice Piana: Ich werde gerne respektiert und habe gerne Romantik. Ich nehme auch die Rose.