„Ich bin nicht Philippes Todfeind“

GE-Interview: Frédéric Deborsu über den Wirbel um sein Königsbuch

Frédéric Deborsu: „Eine Meute ist über mich hergefallen.“ | Foto: belga

Mit seinem höchst umstrittenen Buch „Question(s) royale(s)“ hat der RTBF-Journalist Frédéric Deborsu einen riesigen Wirbel verursacht, den der Autor in diesem Ausmaß nicht erwartet haben will. Er ist sich keiner Schuld bewusst und reagiert enttäuscht auf die Kritik in der Presse.

Gerd Zeimers

Wir trafen Frédéric Deborsu kurze Zeit nach der Pressevorstellung seines Buches (siehe auch GE vom 24. Oktober). Das Interview fand statt, bevor sein Arbeitgeber ihn für einen Monat vom Mikrofon der RTBF entfernte und in die Dokumentationsabteilung des Senders versetzte, „bis sich die Wogen geglättet haben“.

In einer Reaktion auf Ihr Buch hat Prinz Philippe seine „glückliche Ehe“ verteidigt. Wie werten Sie sein Kommuniqué (s. unten)?

Das kann man auf zwei Arten interpretieren. Es ist ja auch möglich, dass er glücklich war, den Auftrag erfüllt zu haben, den man ihm erteilt hatte, nämlich sich zu verheiraten.

Widerspricht das denn nicht Ihrer Behauptung einer lieblosen Zwangsheirat?

Warum? Ich schreibe in dem Buch, dass Philippe unbedingt heiraten musste, wenn er König werden wollte. Wenn er also eine Frau gefunden hat, war das für ihn eine große Erleichterung. Und das war dann eben der Grund für den glücklichen Tag.

Bestätigt die Reaktion Philippes Ihre Analyse, wonach das Palais wenig transparent kommuniziert und der Kronprinz schlecht beraten wird?

Dazu habe ich gesagt, was ich zu sagen hatte. Ich will dem nichts mehr hinzufügen. Über das, was der Prinz schreibt, will ich kein Urteil fällen. Ich will das Feuer nicht unnötig schüren, jetzt ist es an der Zeit, die Gemüter zu beschwichtigen.

Abkühlung scheint in der Tat nötig, wenn man sieht, wie eine Zeitung am Tag nach der Pressevorstellung des Buches titelte: „ Philippe und Deborsu Todfeinde“.

(seufzt) Ich bin nun wirklich kein Todfeind der Königsfamilie, auch nicht von Philippe. Ich bewundere ihn sogar, ich habe Sympathie für ihn. Er ist jemand, dem man stets Knüppel zwischen die Beine geworfen hat.

Aber ist Ihr Buch eben nicht auch so ein Knüppel?

Nein, das Buch ist die Synthese aller Knüppel, die man ihm zwischen die Beine geworfen hat. Und irgendwann kommt eben der Zeitpunkt, wo jemand das öffentlich auftischt. Was ich aber feststelle, ist, dass die öffentliche Meinung nicht bereit ist, das vollständige Puzzle aufzunehmen. Meine Absicht war es, sachliche Nachforschungen über die Königsfamilie anzustellen und zu verstehen, warum Philippe so verstört, so frustriert ist. Aber die Menschen scheinen solche Dinge über die Königsfamilie nicht hören zu wollen, auch wenn sie noch so konstruktiv sind. Das hat mich überrascht.

Sie klingen verbittert. Bedauern?

Warum sollte ich? Was ich bedauere, ist, dass Passagen aus dem Buch vor der Veröffentlichung in den Zeitungen der Gruppe Sudpresse veröffentlich worden sind, was dem Buch sofort den Anstrich eines Schmuddelwerks unter der Gürtellinie gegeben hat.

Wie sehr nagt die Kritik an Ihrem Buch und Ihren Recherchemethoden?

Man kann alles rechtfertigen, man kann alles hineininterpretieren. Das ist es, was mir weh tut. Es wird nicht besonnen analysiert, es werden nur Werturteile gefällt. Das, was ich geschrieben habe, was sich sagen wollte und was ich wirklich bin, ist verdreht worden. Über das Erasmus-Krankenhaus, das bekannt ist für sein Know-how in In-vitro-Fertilisation, gibt es vier Zeilen, mehr wollte ich nicht darüber schreiben, um eben sachlich zu bleiben. Eine Andeutung, mehr nicht.

Sind nicht eben solche Anspielungen das Problem?

Neben dem Aspekt der In-Vitro-Befruchtung gibt es eine zweite Andeutung: die intensive Freundschaft Philippes mit einem Mann. Mehr weiß ich nicht darüber. Vielleicht war Philippe verliebt in diesen Mann, sagen viele Menschen mir. Aber ich habe es nicht geschrieben. Die Zeugen haben mir von einer intensiven Freundschaft gesprochen. Intensiv, das heißt nicht intim. Intensiv beschreibt einen Seelenzustand. Und diese Verfassung ist sofort als sexuell interpretiert worden. Aber das habe ich nie geschrieben. Viele Zeugen, die ich getroffen haben, sind in ihren Beschreibungen viel weiter gegangen, aber ich wollte nur sachlich bleiben. Und jetzt wirft man mir vor, dass ich Andeutungen mache und nicht alles sage.

In der Presse wirft man Ihnen auch vor, eine geheime Agenda zu haben und De Wever in die Karten zu spielen. Was sagen Sie dazu?

Die Journalisten, die das sagen und behaupten, dass meine journalistischen Nachforschungen nicht korrekt verlaufen sind, sollten sich fragen, ob sie selbst denn korrekt ermitteln. Manchmal habe ich den Eindruck, dass man hier eine offene Rechnung begleichen möchte, dass man als neuesten Nationalsport Deborsu ans Kreuz nageln will.

Sind Sie enttäuscht, wie die Presse mit Ihnen umgeht? Hätten Sie das nicht vorher wissen müssen?

Ich bin enttäuscht, dass Sudpresse mich hintergangen hat, obwohl ich Mitarbeiter dieser Zeitung bin. Ich bin enttäuscht von Leuten, die mich nicht anrufen und irgendetwas schreiben. Ich bin fast systematisch von einer Meute angegriffen worden – wie auch bei der Pressekonferenz, wo zahllose Journalisten und Fernsehteams über mich herfielen. Das bin ich nicht gewohnt, ich stehe ja normalerweise auf der anderen Seite. Auf diesen Ansturm war ich nicht vorbereitet.

Aber Hand aufs Herz: Haben Sie mit so mancher Andeutung zur Person von Philippe nicht übers Ziel geschossen?

Man kann natürlich sagen, dass ich zu weit gegangen bin. Das muss jeder für sich selbst beurteilen. Aber zu sagen, dass ich eine Homosexualität von Philippe andeute, stimmt nicht, ich spreche von einer psychologischen Freundschaft.

Pierre-Yves Monette, Ehrenberater im Kabinett des Königs, wirft Ihnen sogar vor, die Menschenrechte verletzt zu haben.

Kein Kommentar. Ich hoffe, Monette hat das Buch gelesen, um das zu behaupten.

Womit rechtfertigen Sie eigentlich den tiefen Einblick in das Privatleben der Königsfamilie. Ist es, weil sie mit Steuergeldern in Millionenhöhe finanziert wird?

Das spielt mit. Es geht hier an erster Stelle um den Staatschef und den künftigen Staatschef, ob man das nun will oder nicht. Alleine schon die Tatsache, dass man der Zeit nach Albert II. angstvoll entgegenschaut, beweist, wie wichtig die Rolle des Königs ist. Das ist der Ausgangspunkt. Man hat ja wohl noch das Recht zu schauen, wer und ob jemand bereit ist für diese Funktion. Das war mein Ziel. Natürlich ist das Privatleben von Philippe mit seinem öffentlichen Dasein verbunden. Es geht hier schließlich um politische Ereignisse. Seine Heirat war ein politisches Event, Kinder zu haben war für ihn eine politische Pflicht. Es ging mir darum zu sehen, wie Philippe die an ihn gestellten Anforderungen erfüllt, und dann zu sagen: Voilà, das ist der künftige König.

Ist das Schicksal von Philippe nicht eine Tragödie, wie sie jedem Prinzen widerfährt? Müsste man nicht eher Mitleid mit ihm haben? Ihm, der gezwungen wird, dieser oder jenes zu tun und zu lassen, der nicht sich selbst sein kann und nur zu schweigen hat?

Ja, es ist eine Tragödie, aber eine, der er zugestimmt hat. Prinzen können stets sagen, dass sie aus dem System aussteigen. Philippe kann sagen, dass er nicht König werden und stattdessen ein normales Leben führen will.

Aussteigen? Selbst Laurent gelingt das nicht…

…aus Angst, die Dotation zu verlieren und seine Ausgaben nicht mehr abdecken zu können. Laurent verdient immerhin 26.000 Euro netto im Monat für ein paar Repräsentationspflichten. Und Albert hat sich seinerzeit nicht von Paola scheiden lassen, weil er ebenfalls Angst hatte, seine finanziellen Rechte zu verlieren.

Ist denn alles eine Frage des Geldes?

Nein, nicht alles. Aber diese Familie ist bedingt durch das Geld – ebenso wie durch die Religion. Ich habe in dem Buch ein Panoramabild gezeichnet, das weit über die sexuellen Vorlieben von Philippe hinausgeht. Die Königsfamilie hat Potenzial, aber kann es besser machen.