Ein wunderbares Leben

Laut einer Erhebung des Weltverbands der Phonoindustrie ist Nana Mouskouri mit über 250 Millionen verkauften Tonträgern nach Madonna die erfolgreichste Sängerin. | Foto: dpa

Nana Mouskouri ist mit über 250 Millionen verkauften Tonträgern nach Madonna die erfolgreichste Sängerin aller Zeiten. Nun veröffentlicht der griechische Weltstar neue Duette mit Harry Belafonte, Joan Baez und Julio Iglesias sowie erstmals eine Blu-ray – mit einem Konzert aus der Royal Albert Hall in London.

Olaf Neumann sprach mit Nana Mouskouri über das Älterwerden, Politikfrust und die Krise in ihrer Heimat Griechenland.

Im Frühjahr waren Sie auf Tournee zum 50-jährigen Jubiläum Ihres Hits „Weiße Rosen von Athen“. Warum veröffentlichen Sie ausgerechnet jetzt einen Konzertmitschnitt von 2007?

Die kleine Jubiläumstournee im letzten Frühjahr war praktisch eine Entschuldigung, ich hatte ja bereits 2007 meine Abschiedswelttournee absolviert. Dass der Mitschnitt aus der Royal Albert Hall erst mit fünfjähriger Verspätung herauskommt, ist eine Entscheidung meiner Plattenfirma. Gleichzeitig erscheint die internationale Version meines Duett-Albums „Rendez-vous“ mit Neuaufnahmen meiner großen Hits. So was hatte ich vorher noch nie gemacht.

Alte und junge Größen sind auf diesem Album dabei: Harry Belafonte, Alain Delon, Julio Iglesias, Charles Aznavour, Serge Lama, Lenou, Alain Sechou. Haben Sie zu vielen Wegbegleitern noch Kontakt?

Ja, habe ich. Unvorstellbar, aber es ist jetzt ein halbes Jahrhundert her, dass Harry Belafonte sich mich ausgesucht hat, um mit mir auf Amerikatournee zu gehen. Über Leute wie ihn habe ich dann meinen eigenen Weg gefunden. Auch Alain Delon kenne ich nunmehr seit 50 Jahren, wir telefonieren immer an unseren Geburtstagen. Er war ziemlich überrascht, als ich ihn letztes Jahr fragte, ob er mit mir ein Duett aufnehmen wolle. Er sagte: „Du weißt, dass ich kein Sänger bin.“ Ich antwortete: „Ich möchte auch gar nicht, dass du singst. Du sollst ein wunderschönes Gedicht sprechen“. Und dies machte Alain dann sogar großen Spaß. Auch Charles Aznavour gehört praktisch zur Familie, wir haben in der Vergangenheit oft zusammengearbeitet. Als ich das Duett-Album machte, war Joan Baez zufällig gerade in Frankreich auf Tournee. Ich besuchte sie nach einer Show und sie sagte sofort ja.

Werden Sie denn noch einmal auf Tournee gehen?

Im Moment ist nichts Konkretes geplant, aber ich werde weiterhin vereinzelt auftreten. Eine anstrengende Welttournee mache ich sicher nicht mehr.

Wie wichtig ist Ihnen heute Zeit?

Es gäbe für mich als Sängerin eigentlich immer etwas zu tun, aber es ist schwierig, alle Anfragen in die Tat umzusetzen. Und wenn ich dann mal zuhause bin, juckt es mich abends in den Fingern. Ich bin es ja gewohnt, ab 20 Uhr auf der Bühne zu stehen. Für einen Künstler ist es schwierig, plötzlich ein normales Leben zu führen. Ich muss mich erst noch daran gewöhnen, weniger zu singen. Momentan schreibe ich ein Buch, dafür arbeite ich mich durch mein Archiv. Diese Tätigkeit ruft in mir viele Erinnerungen wach an mein wunderbares Leben.

Dem Schwelgen in Erinnerungen haftet immer auch etwas Melancholisches und Endgültiges an.

Sicher, aber bei mir löst das Zurückblicken eher Gefühle der Dankbarkeit aus. Ich bin 78 Jahre alt und zum Glück noch dazu fähig, mein Leben zu reflektieren. Ich liebe meine Kinder und Kindeskinder. Vor fünf Jahren habe ich meinen guten Freund Jean-Claude Brialy verloren, einen fantastischen Schauspieler. Wie oft hatten wir uns am Telefon versprochen, uns mal zu treffen und über unsere beiden Leben auszutauschen. Wenn man eine solche Karriere gemacht hat wie ich, muss man sich einmal die Zeit nehmen, das Erlebte aufzuarbeiten. Von den schlechten Erfahrungen habe ich eigentlich mehr gelernt als von den guten, weil man immer über das Warum nachdenkt.

Was ist das Gute am Älterwerden?

Ich glaube, man wird mit den Jahren ein bisschen weiser. Aber mir ist auch bewusst, dass ich nie genug lernen werde. Solange ich das Gefühl habe, Neues zu lernen, bin ich am leben. Zu den Tugenden des Alters gehören Duldsamkeit, Ehrlichkeit, Respekt und Ehrlichkeit.

Heute singen Sie regelmäßig mit Ihrer Tochter Lénou. Sehen Sie Gemeinsamkeiten?

Wissen Sie, meine Tochter möchte ihren eigenen Weg gehen. Sie braucht meine Hilfe gar nicht, aber manchmal bittet sie mich um kleine Ratschläge. Sie ist genauso kurzsichtig wie ich, jedoch würde sie niemals eine Brille tragen, weil sie nicht mit ihrer Mutter verglichen werden möchte. Aber ich finde, wir sind uns vom Wesen her gar nicht so unähnlich.

Mit Ihrem Lied „Weiße Rosen aus Athen“ haben Sie vor 50 Jahren das Image der Griechen in Deutschland geprägt. Wie kam es dazu?

Es gab damals einen deutschen TV-Dokumentarfilm über die Griechen. Darin hatte ich einen Auftritt mit einem griechischen Lied. Und der Spielfilm „Sonntags … nie!“ mit Melinda Mercouri und meinen Liedern machte griechische Musik sogar in ganz Europa populär.

Was ist Ihre Aufgabe als Sängerin?

Wenn ich singe, möchte ich durch die Songs über meine persönlichen Hoffnungen, Probleme, Ideen und Träume sprechen. Mir ging es nie nur darum, vom Publikum geliebt zu werden, ich wollte eine Botschaft des Friedens und der Hoffnung in die Welt hinaus senden. Ich selbst bin in einer Welt aufgewachsen, die alles andere als friedlich war, aber ich wusste, dass es da draußen auch etwas anderes gab.

Sind die Griechen aufgrund ihrer Geschichte besonders leidensfähig?

Als ich jung war, hat man in Griechenland nicht über das erlebte Leid im Zweiten Weltkrieg, in der Diktatur oder im griechischen Bürgerkrieg gesprochen. Aber wir haben immer gesungen und getanzt, auch zu traurigen Liedern. Ich glaube, die Ängste der Griechen von heute haben viel mit unserer Vergangenheit zu tun. Wir sind eigentlich sehr freundliche, offene Menschen und mögen Fremde. Aber wir sind auch sehr leicht verletzbar. Ich finde es nicht richtig, dass jetzt alle auf den Griechen herumhacken.

Erwartet man von Ihnen, dass Sie die griechische Politik erklären?

Die Politik ist viel zu kompliziert, als dass ich darüber sprechen könnte. Das Einzige, was ich weiß, ist, dass die Menschen in Griechenland leiden. Es wurden Fehler gemacht, ja, aber ich liebe mein Land trotzdem. Wir sollten Griechenland ein bisschen mehr vertrauen, damit wir alle aus dieser Krise wieder rauskommen. Ich habe meine Hoffnung jedenfalls noch nicht aufgegeben. Griechenland hat in der Vergangenheit schon so vieles überstanden. Wir können sehr hart arbeiten, die junge Generation braucht eine Chance. Und überhaupt haben nicht nur die Griechen, sondern auch die Europäische Gemeinschaft Fehler gemacht.

Junge Menschen brauchen Idole, besonders aus der Politik. Aber wo sollen die herkommen, wenn man z. B. hört, dass die Mutter des ehemaligen griechischen Ministerpräsidenten Papandreou 550 Millionen Euro in der Schweiz gebunkert haben soll…

Idole in der griechischen Politik sind heutzutage rar, ganz einfach, weil die Situation so ernst ist. Aber wir müssen darauf hoffen, dass eine neue Generation neue Idole hervorbringt. Verstehen Sie bitte, dass ich mich zu der Geschichte über die Mutter unseres Ex-Ministerpräsidenten nicht weiter äußern möchte. Wenn das stimmen würde, bräche es mir das Herz. Georgios Papandreou war zwar nie mein Kandidat, aber ich wünsche mir, dass es nicht wahr ist. Nichtsdestotrotz glaube ich fest an mein Land. Wir werden mit Hilfe der gegenwärtigen Regierungskoalition die Krise meistern. Nur braucht es dafür etwas Zeit.

Könnten Sie sich unter Umständen vorstellen, in Griechenland protestierend auf die Straße zu gehen?

Wenn man wie ich mit Gewalt aufgewachsen ist, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man geht den Weg der Gewalt bzw. Aggression, oder man versucht, Frieden und Liebe zu finden. Ich habe Freunde, die auf die Straße gehen, aber ich selbst bin kein Straßenkämpfer. Den Protest verstehe ich, nicht aber die Gewalt. Ich verteidige mein Land lieber auf meine Weise.

Sie waren von 1994 bis 1999 im EU-Parlament. Hat sich die politische Arbeit rückblickend gelohnt?

Eigentlich wollte ich das gar nicht machen, aber ein Freund hat mich dazu überredet. Er meinte, auf diese Weise könnte ich meinem Land vielleicht helfen. Die politische Arbeit hatte ich mir jedoch anders vorgestellt. Ich bin eine Sängerin und keine Politikerin. Politiker suchen immer nach konkreten Lösungen und wir Sänger wollen den Menschen Hoffnung geben. Das ist der Unterschied.

Sie haben von Anfang an sowohl für die einfachen Leute als auch für Staatspräsidenten wie John F. Kennedy und Königinnen wie Elisabeth II gesungen. Was war schwerer?

Mich hat es jedenfalls immer sehr glücklich gemacht, für die ganz normalen Menschen zu singen. Ich fühle mich irgendwie dazugehörig. Aber mit den anderen habe ich eigentlich auch keine schlechten Erfahrungen gemacht, es sind ja auch nur Menschen, die gerne Musik hören. Und genau aus diesem Grund wurde ich immer wieder von den Königinnen und Königen eingeladen.

Wer hat Sie am meisten beeindruckt?

Ich würde sagen, Martin Luther King und Harry Belafonte. Aber auch Robert Kennedy, Nelson Mandela und Mutter Theresa. Queen Elizabeth II habe ich als liebenswürdige Lady erlebt. Wir neigen dazu, solche Menschen auf ein Podest zu heben, aber ich durfte sie zum Teil als sehr nahbar erleben. Ich bin froh, dass ich für diese Leute singen durfte. Der griechische Ministerpräsident Konstantin Karamanlis mochte mich als junge Frau sehr gerne. Er gab mir den Rat, ich solle niemals in die Politik gehen. Und er hatte recht.

Nana Mouskouri:

DVD/Blu-ray: „Live at the Royal Albert Hall“(Universal)

CD: „Nana Mouskouri & Friends – Rendez-vous“ (Internationale Version)